Samstag, 27. Januar 2018

In heaven No. 276 - we remember

Heute von 73 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Der 27. Januar dient deshalb seit 1996 offiziell des Gedenkens an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes in Deutschlands. Zwischen 1933 und 1945 fielen mehr als 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens, aber auch Behinderte, Sinti & Roma, Homosexuelle und Kommunisten dem wahnsinnigen Mordplan der Nationalsozialisten zum Opfer. Was mit Schuldzuweisungen, Hetze, Diffamierung und Ächtung begann, endete in Enteignung, Verfolgung, Internierung, Zwangsarbeit, Aushungerung, Menschenversuchen und zum Schluss in gezielter Massenvernichtung und löschte in unfassbarer Grausamkeit so viele Menschen, Männer, Frauen, Alte und Kinder aus, deren Leben von den geistigen Brandstiftern des größenwahnsinnigen und menschenverachtenden NS-Regimes und dessen Rassenlehre als "unwert" eingestuft wurden.


Man sollte annehmen, dass dokumentierten, unvorstellbar grausamen Taten der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland allen Nachfolgegenerationen der Deutschen, der ganzen Welt, für alle Zeiten Warnung genug sind, wohin fehlgeleiteter Patriotismus, der Überheblichkeitsgedanke einzelner Völker über andere, ausufernder Nationalismus und die Ausgrenzung von Menschen und deren Diffamierung und Marginalisierung als Sündenbock führen kann.
Leider werden die tatsächlichen Zeitzeugen dieser hässlichsten deutschen Epoche immer weniger - sowohl auf Seiten der Opfer als auch der Täter und Mitläufer. Bald wird es keine Eltern und Großeltern mehr geben, die von ihren persönlichen Erlebnissen und all dem Horror berichten und vor einer Wiederholung warnen können. Ich hatte beides noch - Großväter, die in den von Hitler angezettelten Krieg ziehen mussten, Großmütter, die ihre Kinder im täglichen Überlebenskampf durch den Krieg bringen mussten und Eltern, die im Krieg aufgewachsen sind und die versuchten, ihr Trauma durch Verdrängung oder Erzählung darüber zu verarbeiten. Deshalb war für mich schon als Kind klar, dass ich mich mein Leben lang dafür einsetzen werde, dass sich solche Bestrebungen in unserem Land niemals wiederholen werden.


Je weniger Familienmitglieder es noch gibt, die diese Zeit selbst erlebt haben, desto mehr scheint in unserer westlichen Gesellschaft in Vergessenheit zu geraten, zu welchem Horror und Verderben Ausgrenzung, Diffamierung, Macht- und Größenwahn führen. Die Kommentarspalten aller Medien sind voll von Relativierungen des Holocaust, von Whataboutismen, von einer wütenden Ablehnung eines angeblichen "Schuldkultes", von einer Ablehnung demokratischer Werte und Menschenrechten und von einer erneuten Hass- und Diffamierungswelle gegen Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung. Die ganze Verachtung, die ganze Angst, der ganze Hass, der sich in der Zeit  des Nationalsozialismus gegen Juden gerichtet hat, richtet sich heute gegen "die Regierenden" und vor allem gegen muslimische Flüchtlinge und Muslime allgemein - geschürt von bestimmten politischen rechten Gruppierungen und Parteien, die sich dadurch einen Aufstieg an die Macht erhoffen. 


Wie bitter, erleben zu müssen, dass ein großer Teil der Deutschen nichts dazugelernt hat und sich wieder mit den gleichen Methoden von Rattenfängern anlocken lässt wie vor 1933. Gleichzeitig kocht auch der beerdigt geglaubte Antisemitismus wieder hoch und kriecht wie ein schleichendes Gift in die Köpfe vieler Menschen zurück. Das ebenso beerdigt geglaubte Nazivokabular wird wieder hervorgekramt und völlig ungeniert von Politikern der Landtage und des Bundestages verwendet. Während man selbst Fakten verdreht, erfindet, oder gleich aus Opportunismus und zu Propagandazwecken schamlos lügt, werden Regierung, Polizei, Justiz und Medien der Lüge bezichtigt. Was nicht ins reaktionäre, nationalistische Weltbild passt, muss gelogen sein. Selbst Präsidenten von Weltmächten versuchen heute wieder, offensichtliche Lügen als Wahrheiten zu verkaufen, ihre Bevölkerung für dumm und die Gewaltenteilung auszuhebeln. Postfaktische Zeiten.


Solange solche Dinge wieder geschehen können in unserem Land, solange der Holocaust relativiert wird mit mit Aussagen wie "Und was ist mit den Morden an Deutschen durch Stalin? Was ist mit den deutschen Kriegsopfern? Was ist mit dem Völkermord an den Armeniern? Was ist mit den durch Flüchtlinge ermordeten deutschen Frauen?" und Bundestagspolitiker einer bestimmten Partei die Religionsfreiheit in Frage stellen, politische Gegner vernichten und beerdigen wollen oder dazu aufrufen, türkische Geschäfte in Deutschland zu boykottieren und der Großteil der Bevölkerung das hinnimmt, anstatt sich zu empören, und man in den Kommentarspalten Phrasen wie "Jetzt muss aber mal langsam gut sein", "Schluss mit dem Schuldkult" und "Was hab ich denn damit zu tun, das war doch lange vor meiner Zeit" lesen muss, ist das Gedenken und die Erinnerung an die grausamen Verbrechen des NS-Regimes gegen Juden, gegen die Menschlichkeit dringend notwendiger denn je.



    Die vierundneunzigjährige Hanni Levy, eine der wenigen jüdischen Holocaustüberlebenden, die noch unter uns weilen, sagte gestern auf dem Parteitag der Grünen:
    "
    Es gibt wieder Menschen, die den anderen die Schuld geben. Früher hat man gesagt: Die Juden sind schuld. Heute sind es die Flüchtlinge."

    Solch ein Deutschland darf nie wieder passieren, weil zu viele wegsehen.
    Nicht mit mir. Nicht in meinem Namen. #WeRemember. #niewieder.

    Fotos:


    Weiteres zum Thema:


    Architektur der Macht - das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg
    Himmel & Hölle - das Dokuzentrum Obersalzberg in Berchtesgaden
    Von Märchen, Glühwein und Orks - Hass macht hässlich
    Vom Da-Sein und Hier-Sein

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    Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben. Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und seine Worte hier zu verlinken.

    Heute leider erst spät - das automatische Veröffentlichen hat nicht geklappt.

    Himmel, in heaven, sky watch, Wolken, Alpen, Berge, #weremember, Holocaust, Holocaust-Gedenktag, 27. Januar, #niewieder, Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Völkermord, deutsche Geschichte

    Kommentare:

    1. Habe heute auch immer wieder solche Gedanken gehabt, aber auch Zweifel an der Form bekommen, wie meine Generation, die von der Schuld manchmal geradezu überwältigt war und entsprechend intensiv die Auseinandersetzung betrieb und dabei auch die nachfolgenden Generationen einbezog. Es ist einfach nicht damit getan, die jungen Menschen an die Orte der höchsten Inhumanität zu bringen.
      Ich habe in dieser Woche einen Artikel gelesen, in dem dazu aufgefordert wurde, die Vergangenheitsbewältigung auf eine viel persönlichere Ebene zu bringen - da ist etwas dran. Morgen werde ich den verlinken.
      Für mich gehört zu einem positiven Merkmal meiner Identität, dass in unserem Land die Vergangenheit ins Auge gefasst wurde. Das wird mir auch immer deutlich an dem, was in unserem Nachbarland immer üblicher wird....
      LG
      Astrid

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    2. Danke für das ERINNERN ,sagt Doro

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    3. Ja, mann sollte meinen, dass nach all dem Schrecklichen und Unfassbaren solche Dinge nie mehr geschehen wuerden. Aber sie widereholen sich die ganze Zeit. Es ist unendlich wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass wir davon weiter erzaehlen und warnen, dass wir aus der Geschichte lernen.
      Danke.

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    4. Ds ist ein so wichtiges Thema, das mit so passenden Bildern von dir in Erinnerung gebracht wurde. Es gibt übrigens die "Zweitzeugen" die sich der Stimmen annehmen und die nun langsam verschwindend echten Zeitzeugen ersetzten wollen: http://heimatsucher.de

      Was ich leider befürchte: der Mensch ist so. Man sagt immer "unmenschlich" sei es, wenn sich solch grausame Geschehnisse wiederholen, in anderem "Gewand". Ob Juden, Schwarze, Flüchtlinge, der Sündenbock scheint eine "Lösung" zu sein von der eigenen Verantwortung weg zu leiten hin dazu die Schuld im aussen zu verorten.

      LG pipistrello

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    5. Liebe Katja, ich habe nicht wirklich einen Himmel (na ja, ausser man betrachtet das Blau zwischen den beiden Palmen als Himmel). Trotzdem möchte ich mich dem #WeRemember anschliessen: https://wegwunder.ch/2018/01/27/die-seherin-kakerlaken-und-mehr/
      Herzliche Grüsse, Sibylle

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    Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!