Samstag, 23. September 2017

Himmel & Hölle

Dunkle Wolken ziehen über den Horizont. Der Herbstanfang gestern brachte uns den ersten Nachtfrost, auf den der dazu passende Morgennebel folgte. Während ich noch dabei bin, meine Fotos aus dem kürzlich erst beendeten Sommerurlaub zu sortieren, ist die düstere Zeit bereits eindeutig angebrochen. Wenn der Wecker morgens klingelt, empfängt mich jetzt keine Morgensonne mehr, sondern Dunkelheit. Das Aufstehen fällt mir so von Tag zu Tag schwerer, denn wenn es morgens noch dunkel ist, dann motzt mein Körper: "Spinnstdu? Es ist noch Nacht, da wird geschlafen!". Dann möchte ich eigentlich nichts anderes, als mir die Decke ganz fest um die Schultern ziehen, mich nochmal umdrehen und weiterschnarchen. Und um 16 Uhr meldet sich der Winterschläfer in mir dann schon wieder, denn da wird es ja schon wieder finster...

Aber nicht nur Wärme und Tageslicht verabschieden sich gerade von der westlichen Hemisphäre, auch die gesellschaftliche Atmosphäre wird immer kälter, finsterer und feindseliger. Statt miteinander über unterschiedliche Meinungen und konstruktive Problemlösungen zu diskutieren, hält man Ohren und Filterblase geschlossen, schreit seine Vorurteile, seine Realitätsinterpretation und seinen Hass heraus oder haut einfach gleich drauf. Mir macht das zu schaffen. Es macht mir Angst davor, wohin unsere Gesellschaft schliddert.
Warum wird die Gesellschaft immer empathieloser und feindseliger?
Bekannte Misstände in der Sozial- Arbeitsmarkt- und Wohnungsbaupolitik wurden jahrzehntelang einfach ausgesessen. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung darüber tritt nun in einer Art und Weise zu Tage, von der ich gehofft hatte, dass es nie mehr möglich sein würde. Hier. In unserem Land.


Begünstigt durch fatale, ebenfalls jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik und eine destabilisierte politische Lage im Nahen Osten und in Afrika, an der der Westen nicht unschuldig ist, finden rechtspopulistische Opportunisten, geldgierige Magnaten, Ewiggestrige und Neuzurückgebliebene den genau richtigen Nährboden für ihre Volks- Blut und Bodenideologie vor. Wo Enttäuschung, Angst vor der Zukunft, vor dem Alter, der Armut, vor dem unbekannten Fremden, vor Veränderung und wirtschaftlicher Abgehängtheit mit mangelnder Geschichts- und humanistischer Bildung zusammentrifft, wittern diejenigen den persönlichen Vorteil, die mit dem Aufhetzen der Schwachen gegen die Schwächsten profitable Geschäfte zu machen hoffen. Es erstehen diejenigen auf und neu, deren Ideologie der stramme, mächtige Deutsche ist, per Geburt schon besser, stolzer und anspruchsberechtiger als andere... und die alles, was von einer bereits 1933 als "gut & deutsch" propagierten Norm abweicht, als nicht existent, zu vernachlässigen, abartig, minderwertig oder selbstverschuldet ansehen und die ihre Ideologie per volksverhetzender Demagogie à la Goebbels unters Volk bringen. 

Und all jene, die sich mehr als 60 Jahre lang sicher waren, dass deutsche Bürger niemals mehr, unter keinen Umständen, auf deratige Demagogen hereinfallen würden, nach allem, was Deutschland von 1939 - 45 angerichtet hat, nach 56,5 Millionen Toten, die seine Politik verschuldet hat, die stehen heute fassungslos vor den Horden, die wieder "Volksverräter" und "Lügenpresse" skandieren und die sich neben den aktuellen Regierungspolitikern wieder eine Gruppe Menschen haben herausdeuten lassen, die an all ihrer Misere Schuld ist und die man mit Baseballschlägern durch sächsische Dörfer treiben, ihnen die Notunterkunft überm Kopf anzünden, im Mittelmeer ersaufen lassen, oder "am besten gleich abknallen" sollte, weil die ja alles umsonst kriegen und sie ja nix...
Der Mensch scheint doch immer nach der einfachsten Lösung zu streben: mir geht es schlecht, also ist der, dem es auch schlecht geht und der mir die Ressourcen streitig machen könnte, mein Feind.

Die Versäumnisse und Fehler der Regierung bei Renten-, Arbeitsmarkt- und Flüchtlingespolitik spielen diesen Akteuren dabei ebenso in die Hände wie eine europäische Solidargemeinschaft, die sich in weiten Teilen als nur dann solidarisch erweist, wenn es ums Nehmen geht, aber nicht, wenn es darum geht, seinen Beitrag am Geben zu leisten. Die Globalisierung ist eine gefräßige Krake, die arme Länder ausbeutet, uns prostituiert und die Umwelt zerstört, die EU wird zur Farce und die deutsche Regierung verbucht Miliardenüberschüsse, während den Rentnern der überalterten Gesellschaft bald nur noch das sozialverträgliche Frühableben bleibt, wo Pflegeheime zu Aktiengesellschaften umgebaut werden, die nur noch für die Renditen der Aktionäre agieren. Kleine Einkommen werden doppelt und dreifach besteuert, während die Großkonzerne mehr und mehr Geld an sich raffen und im Inland kaum Steuern bezahlen. In Deutschland besitzen 10 Familien 30% allen Vermögens und Millionen Bürger leben trotz 3 Jobs nur noch von der Hand in den Mund, während die Mieten für sie immer unerschwinglicher werden.

Den Frust von großen Teilen der Bevölkerung kann man gut verstehen. Auch den Wunsch, denen da oben mal so richtig den Stinkefinger zu zeigen. Auch mir passt vieles nicht in der aktuellen Politik und ich werde das Morgen an der Wahlurne auch dementsprechend mit demokratischen Mitteln, meinem Wahlrecht, zum Ausdruck bringen und die Partei wählen, die meiner Meinung nach die besten Ideen zum Beheben der Probleme vorschlägt, die mir besonders wichtig sind.
Eines werde ich ganz sicher nicht tun: ich werde nicht denjenigen meine Stimme geben, die die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren wollen... die alle Familien, die nicht aus Vater-Mutter-Kind bestehen, als unnatürlich abwerten... deren Wirtschaftskonzepte nur den Superreichen dienen, von denen sie finanziert werden und nicht dem "kleinen Mann"... die Deutschland wieder einzäunen und notfalls auch auf Frauen und Kinder an der Grenze schießen lassen wollen... die das Recht auf Asyl von einer Zahl und nicht von Schutzbedürftigkeit abhängig machen wollen... die Alleinerziehende stigmatisieren und finanziell diskrimieren wollen, weil sie dies für eine selbstverschuldete Lebensform halten... die in der Schule wieder lehren wollen, dass nur Heterosexualität normal ist, weil sie der Meinung sind, dass Homosexualität eine Folge von frühsexualisierter "Umerziehung" ist... die den menschengemachten Klimawandel leugnen, deshalb aus dem Klimaschutzabkommen austreten und Braunkohlekraftwerke wie Atomkraftwerke weiterlaufen lassen und den Ausbau erneuerbarer Energiene sofort stoppen wollen... die den Euro abschaffen und die Religionsfreiheit einschränken wollen. 

Ich werde meine Stimme nicht denen geben, die Menschen, die ihre völkische Meinung nicht teilen, irgendwo "entsorgen" lassen wollen.... die das Vokabular der Nazis 1:1 übernommen haben und dieselben in ihrer Partei dulden...die vor Krieg Geflüchtete als "Invasoren" betiteln... die der Meinung sind, "politische Korrektheit ist die steinernde Grabplatte, unter der Land und Volk begraben liegen"... die die Bundeswehr dazu aufrufen, ihre "Machtmittel" gegen die Regierung einzusetzen... die von "Volksverderbern" und einem geplanten "Volksaustausch" sprechen.
Ich werde keine Partei wählen, die vom Verbreiten alternativer Fakten, dem Pushen von unverholener Hetze im Internet, dem Schüren von Hass auf der Straße, dem Beschwören "bürgerkriegsähnlicher Zustände" und dem Opfermythos lebt, vom "Wir gegen die"... und dabei proklamiert, ihre Wähler seien "das Volk", die "Volksgemeinschaft", während die "rot-grüne Gefolgschaft" "unnatürlich verkommen" und "krank im Geschlecht und im Geiste" sei.
All das hatten wir schon mal. Geführt hat das zu einem Weltkrieg mit 56,5 Millionen Toten. 

Wer inzwischen vergessen haben sollte, wohin derartige Propaganda führt, der kann seine Geschichtskenntnisse zum Beispiel Im Dokumentationszentrum Obersalzberg in Berchtesgaden auffrischen, im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder bei den Führungen des Vereins "Geschichte für alle e.V".


Wir tragen die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert.
Wehret den Anfängen. Dieses Mal kann niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst.

Bitte geht morgen wählen.


(Foto "Bilanz des 2. Weltkriegs: Freilichtmuseum Hessenpark, Neu-Aspach, Taunus - Sonderausstellung)
(Alle anderen Fotos: "Führerbunker" unter dem Dokumentationszentrum Obersalzberg, Berchtesgaden)
Bundestagswahl 2017, Wehret den Anfängen, Obersalzberg, Verantwortung, deutsche Geschichte

Kommentare:

  1. Ich war bereits wählen, als Auslandsdeutsche seit fast 20 Jahren, weil ich diesen ****** nicht das Feld überlassen werde. Wehret den Anfängen ist für mich nicht nur ein Slogan. ♥nic

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  2. Danke Katja!
    Wir werden morgen wahrscheinlich Geschichte erleben, schreiben.:-( Ich teile jeden deiner Bedenken und bin bereit für den Widerstand aber hoffe auf, ja, ich hoffe noch auf ein Wunder.Morgen haben wir genaue Zahlen, wir lesen uns...:-( Toi toi toi.Mach bitte weiter so. L.g Alex

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  3. danke!
    Ja, ich gehe wählen, wir in Österreich sind Mitte Oktober dran

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  4. Du sprichst meine Gedanken und Bedenken aus, ich werde ohnmächtig und muss gegen die Wut und die Tiefschläge gegen die Demokratie noch mehr demonstrieren. Es ist noch gar nicht so lange her ,dass wir ein Wahlrecht haben.
    Dass das Ergebnis sooo ausgegengen ist macht mich fassungslo
    s.
    Gruß zu dir und danke für deinen Post
    heiDE

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  5. beinah hätte ich deinen artikel verpasst. das wäre schade gewesen, denn deiner analyse stimme ich voll zu. wir konnten am sonntagabend erfahren, was eine jahrzehntelange verfehlte sozial-, bildungs- und außenpolitik angerichtet hat.
    liebe grüße
    mano

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  6. Liebe Katja,
    ich wünschte Deinen Artikel hätten die Wähler der unsäglichen Partei gelesen. Geschockt war ich, als ich erfuhr dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die diese Partei gewählt haben.
    herzlich Margot

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!