Samstag, 25. März 2017

In heaven No. 251 - Geschwurbel

Geschwurbel auszuhalten fällt mir schwer. Wenn ich längere Zeit sehr verquasten, überfrachteten Ausführungen zuhören oder sie lesen muss, dann werde ich unruhig. Ich fange an, auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen, es juckt mich hier und zwickt mich dort, da ist ein Summen, das meine Aufmerksamkeit fesselt und dort krabbelt ein Käfer am Fenster. Mein Blick schweift ab und die Gedanken schleichen sich hinterher. Dann kommt es vor, dass ich Abschnitte überspringe, zum fünften Mal lese ohne dass der Inhalt irgendwie in meinen Kopf Eingang finden würde, oder dass ich meinem Gegenüber ins Wort falle, weil er oder sie einfach nicht auf den Punkt kommt. Manchmal möchte ich auch jemand an den Schultern nehmen, schütteln und ihn flehentlich bis angenervt fragen, was er mir denn eigentlich sagen will. Geduld gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen.

Vor kurzem habe ich euch erzählt, dass ich in einer Gruppe aktiv bin, die sich gegen Hatespeach auf Facebook engagiert. Ein hehres Ansinnen, denn der Hass wächst sekündlich nach wie Giersch im Hausgarten. Es fühlt sich an, als würde man sich im knietiefen, losen Sand eine steile Düne hinaufkämpfen - drei Schritte vorwärts und zwei rutscht man zurück. 
Wenn man sich dazu verpflichtet, zur Verbesserung der öffentlichen Diskussionskultur beizutragen, alle Menschen mit Respekt zu behandeln, zuzuhören, sich auch vom größten Vollhonk nicht provozieren zu lassen und ruhig anhand von Fakten zu argumentieren, dann laugt das aus. Sehr. Und irgendwann beisst es sich mit meinem Naturell, dem es angesichts von zum eintausendeinhundertdreiundachzigsten Mal vorgetragenen Verschwörungstheorien rund um Umvolkung, die BRD-GmbH, angeblicher Meinungsdiktatur, die goldwerten Fachkräfte und die Bereicherung durch Bahnhofsklatschergäste manchmal deutlich näher läge, dem Verbreiter spontan eins auf den Backen zu hauen, damit dieses unsägliche Geschwurbel endlich aufhört. Wenigstens für 10 Minuten. 
Ich weiß nicht, ob ich zum Weltverbesserer tauge.

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich nicht in die Politik gehen wolle, da könne man mich gut gebrauchen. Wenn ich mir dann aber eine Bundestagsdebatte anschaue, dann weiß ich wieder, dass ich das nicht brauchen kann. Ich würde wohl öfter mit einem Ordner werfen, "Du Vollhonk!" reinschreien oder einschlafen (Übersprungshandlung). Zum Weltverbesserer fehlt mir einfach auf lange Sicht die Gelassenheit gegenüber Geltungsdrang, Bösartigkeit, Arroganz, Narzissmus, Menschenhass und grenzenloser Dummheit. Vor allem, wenn alles in Kombination auftritt (oft), dann muss ich aufpassen, dass mir nicht der Gaul durchgeht und ich mit Sachen und Wörtern werfe.

Ob abgedrehtes Reichsbürgergeschwurbel, hysterisches Besorgtbürgergeschwurbel, kritikablehnendes Bessermenschengeschwurbel, verquastes Verschwörungstheoretikergeschwurbel, bescheuklapptes Erdoganfangeschwurbel, abgehobenes Intellektuellengeschwurbel oder auch fanatisches Extremistengeschwurbel - ich bin nicht dafür gemacht, das alles ruhig und gesittet auszusitzen und auszudiskutieren. Es mangelt mir an Gelassenheit und dickem Fell. 
Ich würde so gerne die Welt verbessern, aber ich schätze, mir fehlt die Geduld dazu. Der Stinkefinger sitzt zu locker. Ich bin geschwurbelintolerant.

Geschwurbel 

Schein-Tiefsinn . realitätsferne oder ideologisch überfrachtete Aussagen . Geschwätz . langweilige Rede . leere Worte . Redundanz . Gerede . Blablabla . hohle Phrasen . Geblubber . Sermon . Gefasel . Gelaber . Luftblasen . Geschwafel . Schmus . Blödsinn . Geschwalle . Geseiere . Gewäsch . Schwadronieren . Worthülsen

Wolkengeschwurbel rund um meine Heimatstadt. The only one I can bare.

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier (fast) jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.

Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.


Kommentare:

  1. Meine Oma meinte immer: *Wer sich unter die Kleie mischt, wird von den Säuen gefressen.* Und je älter ich werde, um so mehr habe ich kapiert, dass es besser ist (für mich) *bad energy* zu meiden... eben deshalb...
    Schöne Bilder - wie immer ;)

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  2. Habe mir schon wegen fehlender Post gedacht, dass du im Treibsand deiner neuen selbst gestellten Aufgabe kämpfst. ( Leider konnte ich dir keine Energie schicken, denn meine wurde durch einen Küchenumbau parallel zu einem blöden Unfall mit Ellenbogenbruch am rechten Arm auch reichlich aufgebraucht. ) Ich glaube gar nicht, dass du zu wenig Geduld hast, sondern eher, dass du, wenn du eine Aufgabe übernimmst, einfach zu viel von dir forderst. Das sagt dir jetzt allerdings eine, die auch in ihrem Leben nie wirklich gut die Balance zwischen solchen Ansprüchen und denen einer gesundenden Eigenliebe geschafft hat.
    Ich verordne dir jetzt einfach mal einen schönen Frühlingsspaziergang. Hier blüht die magnolie und die Kirsche steht in den Startlöchern...
    Bon week-end!
    Astrid

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  3. ich kann dich soooooo gut verstehen. genau das war der grund, weshalb ich mich vor jahren schon aus der aktiven politik verabschiedet habe. dazu fehlt mir doch zu sehr das sitzfleisch. aber wie du hier ja auch zeigst, gibt es ja noch andere möglichkeiten sich politisch zu engagieren. und zum aushalten und abschalten fällt mir immer das fabelhafte lied "ruhe" von feine sahne fischfilet ein. eignet sich auch für nicht punkers. auszeiten nicht vergessen.
    in diesem sinne wünsche ich auch dir sonne am wochenende!
    liebe grüße,
    jule*

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  4. Deine Emotionalität kann ich gut verstehen, oft möchte ich ähnlich reagieren, wie du den Drang hast.
    Liebe Grüße!

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  5. Mir gefällt vor allem das erste Foto. Da ist zwischen all dem Wolkengemenge noch Blau im Hintergrund zu sehen. Da würde man gern alles Geschwurbel zur Seite schieben und um sich selber weiterkreisen lassen. Dann kommt man selber wenigstens zum Kern der Sache.
    Zum Ertragen dieses Geblubbers bin ich auch nicht geschaffen, viel zu ungeduldig, viel zu emotional...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Geschwurbel kannte ich noch gar nicht, Katja! Obwohl die Sache, die da hinter steckt mir sehr wohl bekannt ist ;)) Geduld ist auch nicht meine Stärke, aber auch nicht das Diskutieren im Netz. Dafür rücke ich aber meiner Schwiegermutter und ihrer Fusspflege den Kopf zurecht oder diskutiere mit unserem Azubi über Glauben, Politik und Wahl-Wichtigkeit ;) Mein Himmel ist schon was älter.. ich wahr mich ehrlich gesagt nicht sicher, ob Du noch aktiv im Bloggerland unterwegs bist. Ganz herzliche Grüße, Nicole

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  7. Dein Himmelsgeschwurbel gefällt mir sehr gut. Was das Schwätzergeschwurbel anbelangt, kann ich Dir nur zustimmen. Mir fehlt da auch oft das dicke Fell. Aber den Mund halten werde ich nicht, denn ich denke unser Widerspruch ist zwar anstrengend aber für die Gegenseite anstrengender.
    LG
    Magdalena

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  8. Geschwurbel. Klasse, Deine Ausführungen dazu. Muss gestehen, das Wort kannte ich gar nicht, wir sagen wohl am ehesten Gelaber dazu. Ja, zu ichbinhier werden ja die unmöglichsten Kommentare abgegeben, Sekte ist da ja noch harmlos. Aber Deine Antworten sind toll und ich sehe manchmal vor mir, wie die Schreiber wütend werden, wenn Du sachlich bleibst. Sei freundlich, das ärgert sie am meisten... hieß es früher bei uns zu Hause. Ich wünsch Dir viel Kraft, gute Nerven und noch viel Sonne und Zeit, sie auch zu genießen. Himmelgeschwurbel kommt dann bestimmt auch bald wieder auf, aber ein bisschen blauer Himmel, wenn es nicht zu heiß ist, mag ich zwischendurch doch auch ganz gerne :-) Liebe Grüße

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  9. Ich habe zuerst "bescheuklapptes Erdferkelgeschwurbel" gelesen und war darob entzückt - und entgeistert angesichts Deiner Nichtliebe, aber dann reichte meine Großhirnrinde einen Diktator nach.
    Du, ich glaube schon, dass Du zur Weltverbesserin taugst. Nur vielleicht nicht langfristig auf genau diesem Weg? Nicht zur pädagogisch wertvollen Weltverbesserin? Zum Menschen aber, der die Welt für viele andere ein wenig und für einige andere sehr viel besser macht: das ganz bestimmt.

    Auch mir ist von sämtlichem in Deinem Artikel behandelten Geschwurbel das wolkige das einzig Erträgliche (ja sogar schöne). Ich würde so gern mal Deine Kommentare auf Facebook lesen, aber dort bin ich nicht. Wegen Datenschutz, wegen Fuck-off-Facebook, wegen Geschwurbelintoleranz. Ich finde es toll, wenn da jemand vernünftig und ruhig gegenhält - ich selbst sehe mich dazu nicht in der Lage, bei mir sitzt der Zorn zu locker, und dann wird aus meiner Höflichkeit Ironie und Sarkasmus, und hinterher guck ich doof aus der Wäsche und frag mich, wer DAS denn geschrieben hat. Ich bewundere Dich sehr dafür, dass Du den Versuch trotz Deines deutlich spürbaren Temperaments gewagt hast, ob Du nun dabeibleibst oder nicht

    Liebe Grüße
    Maike

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!