Donnerstag, 24. November 2016

Ruinös.

Viele Menschen können den November nicht leiden. Sie nennen ihn schmuddelig, grau, depressiv und sind froh, wenn er endlich, endlich vorbei ist. Ich glaube, dazu habe ich früher auch einmal gehört, aber je älter ich werde, desto mehr schätze ich den November. Als Bindeglied und gleichzeitig Übergang zwischen dem leuchtenden Herbst und dem Advent, der Weihnachtszeit und dem Winter. Zwar ist die Kombination kalt & nass auch nicht wirklich mein liebstes Wetter um draußen, aber dafür, um entspannt und ungetrieben drin zu sein. Heizung aufdrehen, dicke Socken an, Decke, Buch, ein guter Film, Couch, Zusammenrücken, Rumschildkröteln... ohne schlechtes Gewissen. Offensichtlich bin ich damit auch gar nicht alleine, obwohl natürlich auch der November manchmal durchaus noch ausreichend Licht zur Verfügung stellt, um sich draußen rumzutreiben. So auch Anfang November, als die transatlantische, politische Novemberdepression noch nicht in Sicht war und wir die paar Tage Herbstferien dazu genutzt haben, um über Berge und Ruinen vom Herbstlaub in den Novemberschnee hineinzuwandern. An diesem Tag starteten wir erst am frühen Nachmittag bei leichtem Regen in Zell zwischen Pfronten und Hopferau mit dem festen Vorsatz, uns den schönen Spätherbsttagesausklang im Allgäu auf dem Weg zu den Ruinen Eisenberg und Hohenfreyberg zu erwandern...

Ruine Hohenfreyberg

Am offiziellen Parkplatz der Burgruinen in Zell fuhren wir vorbei und in einem Bogen nach rechts noch ein gutes Stück weiter Richtung Schweinegg bis zu einem Holzplatz im Wald. Dort tauschten wir Auto gegen Wanderschuhe und erklommen auf stetig ansteigenden, bequemen Waldwegen durch Fichten- und Mischwald den "Isenberch", begleitet von traumhaft schönen Ausblicken auf Zell, den Herbstwald und die Allgäuer Berge. 





Nach ungefähr 40 Minuten gabelte sich der Weg und wir mussten uns entscheiden, ob wir zuerst rechter Hand zur Ruine Eisenberg oder zu der von dort aus bereits scheinbar in Greifnähe liegenden Ruine Hohenfreyberg links von uns aufsteigen wollten. Wir entschieden uns für die kleinere von beiden und damit für die Burgruine Eisenberg. 



Das erwies sich als goldrichtige Entscheidung, denn gerade auf dem Aussichtsturm angekommen, riss der Himmel auf und tauchte die dunkle Novemberlandschaft zwischen Berggipfeln und Wiesenweite und die gegenüberliegende Ruine Hohenfreyberg in ein unwirkliches, spätherbstliches Sonnenlicht. Wohl eine Stunde saßen wir auf dem Aussichtsturm und schauten... atmeten... schauten... atmeten...schauten. Reicht manchmal.
Natürlich machten wir aber auch einen Rundgang durch die Ruinen, bewunderten die sich formschlüssig an den gewachsenen Fels schmiegenden, meterdicken Mauerrreste, probierten jede Nische, jeden Sitz im Mauerwerk aus und ließen in unserem Kopf den Film des damaligen Lebens in dieser Burg zu ihrer Blütezeit ablaufen.





Um 1315 wurde die Burg durch die Edelfreien von Hohenegg gegründet. Sie wechselte in den nächsten zweihundert Jahren mehrfach den Besitzer, wurde im Bauernkrieg 1525 beschädigt und zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1646 geräumt und in Brand gesteckt, damit sie nicht den Feinden in die Hände fallen möge. Ein Schicksal, dass sie sowohl mit ihrer Nachbarburg Hohenfreyberg, als auch mit der Festung Rothenberg bei Schnaittach im Nürnberger Land teilt, zu der ich euch erst kürzlich mitgenommen habe und die nur wenig später im verlorenen spanischen Erbfolgekrieg aus den gleichen Gründen aufgegeben und geschleift wurde.

Der Nachmittag begann sich samt der Abendsonne schon langsam zu verabschieden und am Himmel zogen wieder dunklere Wolken auf, als wir uns auf den Weg zurück bergab zur Wegzweigung machten und zur Ruine Hohenfreyberg aufstiegen. Mächtig imposant thront die Ruine des wahrscheinlich letzten Burgneubaus des deutschen Mittelalters auf der zweiten Kuppe des "Isenberch", des Eisenbergs, über dem gleichnamigen Ort und der Nachbarortschaft Zell und blickt ihrerseits nun auf die Burgruine Eisenberg.







Von Friedrich von Freyberg zu Eisenberg, dem ältesten Sohn des Burgherrn der Burg Eisenberg nebenan in den Jahren von 1418 bis 1432 erbaut, wurde sie bereist 1484 von dessen Söhnen aufgrund der enormen Unterhaltskosten und eines fehlenden männlichen Erben an Erzherzog Sigmund von Österreich verkauft. In den nächsten Jahrzehnten wechselte sie wiederum mehrfach den Besitzer, wurde nochmals renoviert, weiter befestigt und vergrößert und hielt im Bauernkrieg 1525 auch erfolgreich stand. Trotzdem ereilte Sie 1646 zum Ende des Dreißigjährigen Krieges das gleiche Schicksal wie die Nachbarburg Eisenberg - sie wurde geschleift und in Brand gesteckt, damit sie nicht intakt dem Feind in die Hände fällt.
Seitdem sind beide Burgen nur noch als Ruinen vorhanden und wurden erst wieder 1995 und zuletzt 2004 durch aufwändige Instandhaltungsmaßnahmen vor dem weiteren Zerfall bewahrt und für Besucher begehbar gemacht.






Ruine Eisenberg

Wir erkundeten die Ruine Hohenfreyberg, bis das Tageslicht fast völlig vergangen war und die letzte Abendsonne sich auf den höchsten Gipfeln hinter der gegenüberliegenden Ruine Eisenberg zum Schlafen legte. Dann mussten wir uns doch ziemlich beeilen, um noch mit dem letzten Licht des Tages durch den Wald zurück zum Auto zu finden - aber zum Glück geht es bergab ja doch immer deutlich schneller als bergauf. :-)

Die normale Gesamtzeit für diese Wanderung kann ich schlecht korrekt angeben, denn wir haben uns sehr lange in den Ruinen aufgehalten. Die reine Gehzeit berauf betrug von unserem Waldparkplatz aus ca. 40 Minuten, bergab 20 Minuten und für den Weg zwischen den Burgen benötigt man ca. 10 - 15 Minuten - je nach Kondition, es geht ziemlich steil bergauf. 

Beide Ruinen sind ganztägig und ganzjährig gegen eine kleine Spende frei zugänglich.
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Kommentare:

  1. so imposante burgen! besonders toll das foto von der ruine eisenberg nach hohenfreyberg - das wäre eine wanderung genau nach meinem sinne! bedauerlich, dass ich nicht mal eben dorthin kann...
    liebe grüße, mano

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  2. Ein toller Ausflug, auf den du da mitnimmst.
    LG
    Astrid

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  3. Richtige Postkarten-Ruinen! Irgendwie scheinen mir die Burgerbauer einen 7.Sinn für gute Orte gehabt zu haben - solche Burgen liegen immer irgendwie an Kraftpunkten. Die Aussicht und Umgebung der Burgen sind beeindruckend!

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  4. Wenn ich mir so die Geschichte anhöre, die hinter den pittoresken Ruinen liegt, dann wird mir wieder klar, wie wenig sich die Menschen eigentlich verändert haben. Die Art der Waffen hat sich verändert, und die Form der Ruinen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Nein, liebe Katja, damit bist Du wirklich nicht alleine ;)) Wir könnten gemeinsam auf dem Sofa kuscheln ;)) Aber auch bei Deinen Wanderungen wäre ich gerne dabei.. ich liebe es, wie Du die Natur und die Landschaft festhälst.. eine wunderbarer Ausflug. Herzlichst, Nicole

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  6. Wunderschoen war fuer mich der Spaziergang in die Vergangenheit
    und die schoenen Fotos habe ich ebenso genossen. Ich wuensche dir noch einen gluecklichen Novemberausklang

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!