Freitag, 25. November 2016

Ein Jahr.

Heute vor einem Jahr ist meine Mama gestorben. Ich würde gerne schreiben können, dass sie heute vor einem Jahr "für immer eingeschlafen" ist, aber das bringe ich nicht über mich. Sie ist nicht einfach friedlich eingeschlafen, sie hat siebenunddreißig Tage lang um ihr Leben gekämpft, bevor sie den Kampf verlor. Gestern vor einem Jahr wurde der Mensch, der ihren Tod verursachte, indem er im Drogenrausch frontal in den Gegenverkehr fuhr, aus dem Krankenhaus entlassen. Er hat überlebt.
Bei der Gerichtsverhandlung sagte er nach ausführlicher Schilderung seines durch langjährige Drogensucht verpfuschten Lebens, dass bei diesem Unfall der falsche Mensch gestorben sei... aber irgendetwas müsse sich Gott ja dabei gedacht haben, als er meine Mutter sterben ließ, während er selbst überlebt hätte. Gott hätte wohl noch etwas mit ihm vor. Ich dachte in diesem Moment, dass das Vorhaben hoffentlich wäre, ihn direkt in die Hölle zu befördern, für den Rest seines Lebens. Aber vermutlich ist er da ja bereits seit vielen Jahren. In seiner persönlichen Hölle.

© Melanie Garanin * hundertneunundfünfzig kerzen * 2015 * nr. 10 * "Katze liegt"

In den siebenunddreißig Tagen, die ich auf der Intensivstation am Bett meiner Mama verbracht habe, habe ich sehr viel vom Alltag der Ärzte und Pflegekräfte mitbekommen. Die Pflegekräfte arbeiten im zehrenden Schichtdienst, oft in Doppelschichten, weil immer wieder so viele Kollegen durch Krankheit ausfallen oder kündigen, weil sie die Belastung nicht mehr aushalten - die körperliche und auch die seelische, bedingt durch den Schmerz und das Leid, mit dem sie immer umgeben sind, aber auch durch die drückende Verantwortung im Intensivbereich... verbunden mit einer lächerlich geringen Bezahlung. Ein falscher Knopf gedrückt, eine Dosierung falsch eingestellt kann in Sekundenschnelle den Tod eines Menschen verursachen. 
Das hinterlässt Spuren. Es laugt aus, überfordert oder stumpft ab. Die Ärzte und Pflegekräfte verlieren die Sensibilität für die Würde des Menschen - sowohl die der Patienten, als auch die der traumatisierten Angehörigen. Meine Schwester und ich fanden uns mehrmals in Diskussionen mit unsensiblen, unhöflichen Pflegekräften wieder, die dann zugaben, einfach total überarbeitet zu sein und auch frustriert, weil keine Aussicht auf Änderung besteht und sie immer nur von einem Patienten zu anderen hetzen müssen, um ihre Aufgaben abzuarbeiten, wobei die anwesenden Angehörigen dann einfach nur noch als Störfaktor empfunden werden. Sich Gedanken zu machen über die Ängste oder Intimsphäre der Patienten oder die Ängste, Fragen und Trauer der Angehörigen, dafür bleibt keine Zeit und kein Kopf.
Warum dann nicht einfach mehr Pflegekräfte eingestellt werden? Unter der Hand wurde uns gesagt, dass die große seelische und körperliche Belastung zusammen mit der riesigen Verantwortung, den Arbeitszeiten und der grottenschlechten Bezahlung dazu führen würden, dass die wenigsten Intensivpflegekräfte lange in diesem Beruf bleiben würden und es keinen Nachwuchs gibt - niemand will diesen Job noch machen. Sie finden einfach zu den vom Krankenhaus angebotenen Konditionen keine Pflegekräfte mehr.

Mein Papa starb 2013 im selben Krankenhaus noch viel weniger friedlich als meine Mama. Er hatte keine Chance, mit Würde zu gehen, weil kein Facharzt sich die Zeit nahm oder hatte, die angeblich nicht dramatische Nebenwirkung der Chemo zu verifizieren. Ein CT war angeordnet, wurde aber drei Tage lang immer wieder verschoben, weil er nicht als Notfall galt und der Arzt deshalb immer wieder andere Patienten vorzog. Er lag zusammen mit mindestens fünf weiteren Patienten drei Tage lang auf dem Flur zwischen Essenswagen und Bettpfannen, weil die Station völlig überfüllt und kein Zimmer frei war. Drei Tage, in der sich keine Pflegekraft und kein Arzt darüm kümmerten, ob er die nur wortlos hingestellten Medikamente auch richtig einnahm, etwas trank oder ob er ausreichend Luft bekam. Pflegepersonal und Ärzte waren überlastet, dauergestresst und genervt wegen krankheitsbedingten Ausfällen und zu vielen Patienten gleichzeitig. Kürzungen am Personalbudget, niemand will den Job für das Geld machen, sagte die junge Assistenzärztin, die uns nach einer 36-Stunden-Schicht versicherte, wir müssten uns keine Sorgen machen. 
Wir wechselten uns schließlich zu den Medikamentenzeiten an seinem Bett ab und überwachten die Einnahme selbst, suchten ständig zur vereinbarten Zeit nach dem Arzt, der uns informieren wollte, aber dann nicht auftauchte, um uns zu sagen, was eigentlich genau die Ursache für die Symptome und wie ernst das sei. Wir baten immer wieder um die Durchführung des angekündigten CTs zur Abklärung. Schulterzucken. Sie könnten auch nichts machen, wenn der Arzt einfach nicht auftauchen würde.
In der folgenden Nacht drohte mein Vater zu ersticken und musste ins künstliche Koma versetzt werden. Jetzt wurde das CT gemacht, dem wir drei Tage lang hinterhergelaufen waren. Am Nachmittag war mein Papa tot.
Im Frühjahr 2014 rühmte sich das Klinikum mit dem im Geschäftsjahr 2013 erwirtschafteten Rekordgewinn von 1,8 Millionen Euro.

© Melanie Garanin * hundertneunundfünfzig kerzen * 2015 * nr. 29 * "Ida im Ballon"

Dreieinhalb Jahre sind jetzt seit dem würdelosen Tod meines Vaters vergangen. Ein Jahr seit dem Tod meiner Mutter. Hundertfünfundfünfzig Tage seit der Gerichtsverhandlung gegen den Unfallverursacher. Jeden Tag hoffe ich, dass meine Wut weniger wird durch den Umstand, dass er jetzt im Gefängnis sitzt und seine persönliche Hölle immer dabei hat. Aber sie wird nicht wirklich weniger, denn ein würdeloser oder ungerechter Tod hinterlässt bei den Angehörigen eine ganz eigene Hölle, die einfach weiterbrennt, ob man möchte oder nicht. Vor allem, wenn sich an den Umständen, die zum Tod eines geliebten Menschen geführt haben, seitdem nichts geändert hat und sein Tod deshalb auch noch "umsonst" scheint, weil es weiterhin anderen Menschen genauso ergehen wird.
Der Unfallfahrer wird in einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen, in eineinhalb Jahren wird er seinen Führerschein zurückbekommen und dann womöglich weitere Menschen im Drogenrausch töten.
An der Situation im Krankenhaus hat sich nichts geändert. Die Flure sind voll, Ärzte und Pflegekräfte überfordert, ausgelaugt und unterbezahlt und das Krankenhaus rühmt sich weiterhin Jahr für Jahr seines wirtschaftlichen Gewinns. Ein Schlag ins Gesicht für die Angestellten, für die Patienten, für die Angehörigen und Hinterbliebenen.

Vierzehn Tage ist es her, dass Melanie über die Hintergründe des vermeidbaren Todes ihres dreijährigen Sohnes Nils in der Berliner Charité berichtete. Sie kämpft jetzt zusammen mit anderen Eltern für ihn und für all die Kinder, die nach ihm dort während einer Chemotherapie um ihr Leben ringen, damit sein Tod wenigstens nicht völlig umsonst war.
Endlich öffentlich anzuprangern, was in unseren Krankenhäusern passiert, seidem der wirtschaftliche Gewinn dort vor den hippokratischen Eid gestellt wurde und offenzulegen, welch schreckliche menschliche Folgen das hat und wie viele Menschenleben es kostet, erfordert viel Kraft und Mut. Kraft, die man nach dem Verlust eines geliebten Menschen eigentlich am allerwenigsten hat. Mut, weil man sich einem mächtigen System des Schweigens entgegenstellt, in dem eine Krähe der anderen kein Augen aushackt, weil es um Renommee und um sehr viel Geld geht. Ein gutes Stück Wut braucht es auch, um die notwendige Kraft aufzubringen, diesen Kampf aufzunehmen.
Es fällt niemandem leicht, über die Umstände des Verlustes eines geliebtes Menschen öffentlich zu sprechen, weil es entsetzlich schmerzt - wieviel mehr noch, wenn es das eigene Kind ist. Deshalb haben Melanie und alle anderen Eltern, die sich hier engagieren, meinen allergrößten Respekt. Ich wünsche mir sehr, dass möglichst viele Menschen den Artikel lesen und selbst nicht schweigen, wenn sie Ähnliches erlebt haben. Ich wünsche mir, dass sie laut sind und öffentlich, damit das Problem des Personalmangels aus Spargründen in unseren Krankenhäusern auf dem Rücken der Patienten und der verbliebenen Ärzte und Pflegekräfte endlich aufhört und Menschen zu helfen und sie zu heilen in Krankenhäusern wieder oberste Priorität hat - und nicht die Gewinnbilanz.


Danke Melanie, für unser persönliches Kerzen-Erinnerungstier.
Krankenhausnotstand, Pflegekräftemangel, Ärztemangel, Sparprogramm zu Lasten der Patienten und medizinischen Qualität.

Kommentare:

  1. Liebe Katja,
    die Zeit heilt einen Scheiss. Der Schmerz bleibt für immer, er wandelt sich, aber er bleibt.
    Das Gesundheitssystem in Deutschland wird immer schlimmer, es geht nur nur noch ums Geld, nicht mehr um die Menschen.

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  2. Ohne viele Worte - schön hast Du das geschrieben (trotz des Schmerzes und der Wut). In Gedanken habe ich Dich umarmt.
    Lieben Gruß
    Kirsi

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  3. Es tut mir so leid, Deine Wut! Ich kann sie so gut verstehen. Mein Mann arbeitet im Pflegebereich und diese Zustände machen ihn krank. Er hat überhaupt keine lust mehr arbeiten zu gehen, die fehlende Zeit für die Zuwendung, die fehlende Zeit für das persönliche Fühlen und Reflektieren, die gibt es nicht mehr. Ich finde das ganz furchtbar wad das mit Menschen gemacht wird. Sowohl mit den Patienten als auch mit dem Personal.
    Mein Onkel wurde mit 16 von einem betrunkenen Mann tot gefahren. Der Herr war nur ganz kurz im Gefängnis. Ist aber ein paar Jahre später an Krebs gestorben.
    Ich fühle mit Dir!

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    1. Wenn man nur immer auf das Karma vertrauen könnte...

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  4. Liebe Katja, es ist wirklich nicht leicht darüber zu schreiben. Ich selber gehöre zu den Gestressten, die jeden Tag dafür sorgen, das es den Patienten wenigstens einigermaßen gut ergeht, in diesem kranken System. Ich selber darf mich öffentlich nicht aufregen. Das verbietet mir mein Vertrag. Aber ich hoffe sehr, das sich zugunsten der Menschen, die ich versorge, endlich etwas ändert!
    Es tut mir sehr Leid um deine Mutter. Und auch das dein Vater, unter solch widrigen Umständen, sterben musste.
    Einen lieben Gruß
    Andrea

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    1. Das wurde uns auch berichtet - dass es eine vertragliche Schweigevereinbarung über die personellen Zustände und Arbeitsbedingungen im Krankenhaus gibt und wir wurden merhfach gebeten, unsere Kritik doch bitte öffentlich anzubringen - weil es das Personal selbst nicht tun kann, ohne ihre Anstellung zu gefährden und sich so nichts ändern würde. :-(

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  5. Erst einmal: Fühle dich gedrückt am heutigen, besonderen Tag, einfach so, von einer, die ebenfalls in den letzten anderthalb Jahren beide Eltern verloren hat.

    Und dann fühle dich gedrückt, als jemand, der den Mut hat, die unwürdigen Zustände einmal hier aufzuzeigen, in die das Gesundheitswesen geraten ist, seit es nur noch eine Geschäftsidee ist.

    Ich kann das nur bestätigen. Aus eigener Anschauung. Aus den Klagen derjenigen in der Familie, die als Arzt oder Pflegepersonal damit zu tun haben.

    Auch so ein Grund, sich in dieser Gesellschaft vera... zu fühlen, denn krank wird jeder einmal. Und die Aussicht, dabei so im Stich gelassen zu werden, ängstigt.

    Ich hatte wohl viel Glück, dass beide Eltern wohl in sehr viel glücklicheren Umständen, wohl behütet durch uns, wohl umsorgt durch die Pflegekräfte im Heim, mit Empathie aller ihren Lebenskreis schließen konnten.

    Ich werde sicher heute immer mal an all das denken.
    Herzlichst
    Astrid

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    1. Jeder wünscht sich, dass die Menschen, die man liebt, nach einem langen, erfüllten Leben friedlich im Kreis der Familie einschlafen dürfen. In unserer Familie scheint das leider irgendwie nicht vorgesehen zu sein. :-(
      Ja, man fühlt sich im Stich gelassen, hilflos. Ich trage einen Zettel in meinem Geldbeutel, in welches Krankenhaus ich im Notfall auf keinen Fall eingeliefert werden möchte - aber wie ich mitbekommen habe, ist das in anderen Kliniken sehr ähnlich.
      Am schlimmsten ist jedoch der Zynismus, die Gewinne zu feiern, wenn diese daraus resultieren, Ärzte und Pflegekräfte aufs Schlimmste auszubeuten und an der Menschenwürde zu sparen.

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  6. Schon allein die Tatsache, dass Krankenhäuser Gewinne erwirtschaften sollen und dürfen ist wahrhaft "krank"!
    Wie Du auch schreibst, die Patienten, die Angehörigen, die Pflegekräfte, die Ärzte - alle leiden und müssen schlimme Opfer bringen.
    Und wer streicht die dicken Gewinne der Krankenhäuser ohne Rücksicht auf diese menschlichen Verluste ein? Wem ist dieses ganze Leid vollkommen schnurz?

    Ach, liebe Katja, fühl dich ganz lieb und feste gedrückt!
    Herzliche Grüße
    Andrea


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  7. Schlimm. Das tut mir alles wirklich sehr leid.

    Auch im sozialen Bereich sieht es nicht besser aus. Überall, wo es um Menschen geht, wird gespart. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll.

    Ich wünsche Dir viel Kraft und Trost für die Seele.

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  8. *Die Würde des Menschen ist unantastbar* - anstelle in anderen Ländern immer mit der Charta der Menschenrechte rumzuwedeln, gäbe es im eigenen Land mehr als genug zu tun. Bestes Beispiel: die Krankenhäuser, die zum Wirtschaftsbetrieb verkommen sind - unter politischem Protektorat. Wie heißt es auch: *Die Treppe wird von oben nach unten geputzt* - wenn die Politik von oben dreckig vorlegt, kann unten nichts Sauberes rauskommen...

    So oder so: es macht Tote nicht lebendig. Ich trauere mit dir - den Verlust eines geliebten Menschen verarbeitet zu bekommen, zählt für mich zu den elemtarsten Erfahrungen des Menschseins!

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  9. Liebe Katja, das sind wirklich schlimme Erfahrungen. Das ganze Thema ist mir sehr nah. 1. weil ich selbst als Patientin sehr unangenehme Erfahrungen gemacht habe (Gott sei Dank nicht nur), 2. weil meine älteste Tochter und ihr Mann als Krankenhausärzte tagtäglich gegen dieses finanzielle Denken ankämpfen und immer wieder frustriert sind, wenn sie bei der Verwaltung vor die Wand laufen. Meine zweitälteste Tochter hat den Krankenpflegeberuf an den Nagel gehängt, weil sie den Stress nicht mehr ausgehalten hat. Auf der Station meiner Tochter ist beim Pflegepersonal ein Krankenstand von über 50% (regelmäßig), weil die Leute völlig am Limit arbeiten und wenn meine Tochter mehr Pflegepersonal fordert, wird sie bestenfalls gefragt, ob sie ihre Station nicht im Griff habe. Was soll man dazu noch sagen? Ich wünsche Dir jedenfalls, dass Du diese schrecklichen Erlebnisse gut bewältigen und aus vielen schönen Erinnerungen neue Kraft schöpfen kannst.
    Alles Liebe
    Magdalena

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  10. Katja, dein Bericht hat mich sehr sehr beruehrt und obwohl ich eine derartige Situation Gott sei Dank nicht erlebt habe,kann ich
    es nachfuehlen. Es ist ein Versaeumnis unserer Politiker, dass die
    Gesundheit aber auch die Bildung jeden Staatsbuergers nicht Prioritaet im Budget hat. Es muss und wird sich was aendern doch
    befuerchte ich, nicht auf dem Weg der Vernunft.

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  11. Liebe Katja, deine Ausführungen zu lesen tut sehr weh. In der sieben Jahre währenden Pflege meiner Mam haben wir in den diversen Unikliniken Deutschlands die unglaublichsten Geschichten erlebt. Noch heute bin ich kaum in der Lage über diese Unfaßbarkeiten zu sprechen. Zu schlimm waren die Mißstände, zu schlimm die Folgen für meine Mutter. Da, wo Profit in den Vordergrund gestellt wird, hat der Mensch verloren. So ist das. Ich drück dich.

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  12. Irgendwas läuft hier schief !!! Der Verwaltungsapparat wird immer größer und teurer angeblich um Kosten zu sparen, die eigentlichen Leistungserbringer werden immer schlechter bezahlt und behandelt. Gesundheit soll nichts kosten und für jeden verfügbar sein. Jeder möchte die bestmögliche Diagnostik und Therapie, die teuersten Medikamente, das Krankenhaus mit den Annehmlichkeiten eines Sterne- Hotels und wenn möglich für lau.
    Wie soll das denn gehen ??? Was für ein Aufschrei, wenn Krankenversicherungen teurer werden !!! Für das Geld kauft man lieber ein paar Alufelgen für das Auto, lässt sich ein Tattoo stechen, fliegt in die Karibik. Deutsche Ärzte arbeiten im Ausland und in Deutschland gibt es Ärzte, mit denen man sich kaum verständigen kann, weil sie die deutsche Sprache nur radebrechend beherrschen.
    Die Politik hat unser Gesundheitssystem zu Tode reformiert.
    Wie sagte Frau Merkel im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise ? "Deutschland ist ein reiches Land" . Aha ...
    Das Problem ist vielschichtig und sicherlich nur mit einem Umdenken zu lösen.
    Was du mit deinen Eltern erlebt hast, tut mir sehr leid, liebe Katja
    Herzliche Grüße , helga

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    1. Deutschland ist in der Tat ein reiches Land - aber der reichtum ist zu ungleich verteilt und versickert an den falschen Stellen. In einem monströsen Verwaltungswasserkopf, in den Taschen der Pharmaindustrie und der Großkonzerne, während die Menschen, die an den wirklich wichtigen Stellen unseres Landes die wirklich wichtige Arbeit tun - in der Pädagogik, Erziehung, Heilung, Pflege und Dienstleistung - sich aufarbeiten für Hungerlöhne, von denen sie keine Familie mehr ernähren und später auch keine Rente finanzieren können. Dann großspurig die Gewinne zu veröffentlichen ist bitterster Zynismus.

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  13. danke für diesen aufrüttelnden bericht, liebe katja. vor ein paar jahren hätte ich aufgrund des personalmangels fast meinen mann verloren, der 10 stunden in der notaufnahme mit irren schmerzen verbrachte, weil keiner die diagnose des hausarztes ernst nahm. erst mitten in der nacht wurde dank einer aufmerksamen ärztin ein ct gemacht und danach wurde er sofort operiert - man muss sagen auf die allerletzte minute.
    meine beste freundin verstarb im sommer, die dritte, unbedingt notwendige chemo wurde immer wieder verschoben. warum wurde nicht gesagt. sie wurde nach hause geschickt...
    das profitdenken der krankenhausgesellschaften ist einfach nur noch unerträglich und ich hoffe inständig, dass ich oder meine angehörigen nicht in diese mühle geraten. in bs wurde gerade wieder ein alteingesessene klinik geschlossen: nicht profitabel!
    es tut mir so leid, dass auch deine eltern und du und deine schwester so schmerzlich unter diesen katastrophalen bedingungen leiden musstet. ich hoffe auch sehr, dass in berlin (und dann bundesweit)jetzt mehr öffentlichkeit hergestellt wird und sich die verantwortlichen in politik und gesellschaft endlich mal damit auseinandersetzen. wir müssen laut werden!
    liebe grüße von mano

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  14. Oh, Katja! Wie gut du laut sein kannst! Und wie kämpferisch!
    Ich danke dir so sehr.
    Mehr, als ich hier schreiben kann.
    Deine Melanie

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  15. Liebe Katja, fühle Dich von mir ganz fest in den Arm genommen. Ich bewundere Deinen Mut und Deine Kraft die Missstände hier laut aufzuzeigen. Artikel wie dieser rütteln die Gesellschaft vielleicht auf und lassen die Menschen vielleicht hingucken. Ich hoffe es von Herzen. Drücker, Nicole

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  16. Liebe Katja,
    ich kann vieles nachvollziehen. Als ich vor einigen Jahren im Stuttgarter Bürgerhospital wegen eines Zusammenbruchs von meiner Arbeitsstelle im dem Krankenwagen dorthin gebracht wurde, sah ich auch einen Mann fixiert auf dem Flur liegen, der wimmerte. Ich habe es bislang immer verdrängt aber nun kommt es wieder.

    Ich drücke dich ganz fest.

    Lieben Gruß Eva

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  17. "...denn ein würdeloser oder ungerechter Tod hinterlässt bei den Angehörigen eine ganz eigene Hölle, die einfach weiterbrennt, ob man möchte oder nicht."
    Ach, Katja. Wie gut, dass Du hier darüber schreibst. Denn jedes Laut-Werden ist wichtig, um zumindest andere zukünftig vor diesem Feuer zu bewahren. Auch ein leises, weil zu mehr die Kraft einfach nicht mehr reicht. Denn es unterstützt dieses andere Laut-Werden, dieses mutige, tapfere, wie in Berlin gerade. Hilft, wenn die Stimme droht zu versagen und gibt vielleicht sogar Kraft, noch lauter zu brüllen.

    Unser Gesundheitssystem ist so krank. Und das fängt ja schon im Kreißsaal an.

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    1. Oh ja. Auch daran kann ich mich noch lebhaft erinnern... :-(

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  18. deine Zeilen machen mich sehr betroffen.
    Was ist das nur für eine Zeit, in der wir leben...
    Der 13-jährige Sohn einer Freundin ist vor ein paar Jahren gestorben, von einem Autofahrer niedergefahren, der Bub hatte keine Chance. Der Fahrer beging Fahrerflucht, konnte aber ausgeforscht werden und bekam letztendlich... eine sehr geringe Geldstrafe.

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  19. Darf ich noch eins nachschieben? Niemand redet darüber was in Altersheimen passiert, dass dort ähnlich grässliche Zustände herrschen wie in Krankenhäusern, dass dort alte Menschen zur Ware degradiert werden. Würdevolles Altwerden sieht anders aus, würdevolles Sterben auch. Wenn ich daran denke, dass man ein Gesetz auf den Weg bringen möchte, dass Medikamententest an Demenzkranken sowie geistig Behinderte erlaubt näheres hier zu entnehmen: https://ddrm.de/medikamententests-an-demenzkranken-und-geistig-behinderten-ein-verstoss-gegen-das-informationelle-selbstbestimmungsrecht/ dann wird mein Unbehagen noch größer. Eins ist eine nicht mehr wegzudiskutierende Tatsache der Dienst am Menschen ist nichts mehr wert. Es wäre so an der Zeit deswegen auf die Straße zu gehen und dafür einzutreten, dass sich das sofort ändert. Denn Geld ist genug da. Dir liebe Raumfee weiterhin viel Kraft!!! Herzlichst bjmonitas

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  20. Puh, das ist schwer, das ist viel... unsagbares dabei - und bei den Kommentaren gleich nochmals. Tatsächlich, die Gesundheit der Menschen und (Notfall-)Medizin sollte kein Profitfaktor sein, doch denkt man nur noch ein Stückchen weiter an die Pharma-Industrie (mit einer der mächtigsten Lobby-Gruppen in den verschiedensten Regierungen Weltweit) ist das wohl grösstenteils illusorisch.
    Magst / wirst Du Deinen Beitrag von hier (ev. auch in Teil-Auszügen, da verschiedene Themen behandelt werden) auch als Leserbrief / offenen Brief (an den Klinik-Direktor, verantwortliche Politiker, etc.) veröffentlichen? Und ich weiss, das ist etwas klischeehaft, aber auch Druck und Öffentlichkeit über kritische TV-Sendungen, mit entsprechenden Bildern aus der Klinik,... könnte helfen, wenigstens das öffentliche und politische Bewusstsein für das Thema herzustellen...?
    Dir persönlich und Deinen Lieben hilft das leider nicht weiter, man kann mit noch so viel Kampf nichts mehr ungeschehen machen - und das tut mir sehr, sehr leid!
    Mir selbst wurde heute wieder einmal bewusst, wie privilegiert wir hier und mit unserem Spital sind! Der Grat ist so schmal! Mein Mann liess sich vorsichtshalber mit einer geschwollenen Hand nach einem Katzenbiss im Spital untersuchen, wurde sofort behalten und intensiv behandelt. Wäre die Blutvergiftung (und er) ignoriert und vernachlässigt worden, wäre er zwei Tage später vielleicht tot gewesen. So durfte er zu diesem Zeitpunkt wieder nach Hause kommen.
    Fühl Dich vielfach gedrückt! Miuh

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  21. Deine Wut kann ich sehr gut erstehen lebe Katja, ginge mir mit Sicherheit nicht anders. Die Missstände in den Kliniken, aber auch in Altersheimen sind ja furchtbar, war mir so gar nicht so bewusst. Ich finde es so toll, dass ihr darauf aufmerksam macht... nur so kann sich vielleicht was ändern... Danke!! ♥ Ich drück dich mal lieb!!
    Christel

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  22. ...ich habe Tränen in den Augen und habe das Gefühl das jedes weitere Wort von mir nichts an allem ändern kann...
    Ich bewundere deinen Mut und deine Stärke, Wut gehört immer zur Trauer, lasse sie dir nicht nehmen, weder die Trauer noch die Wut!
    Fühl dich mal lieb gedrückt
    Yvonne

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  23. Liebe Katja, lange habe ich nicht mehr bei dir gelesen......ich bin ganz traurig und still, über das was deiner Familie widerfahren ist.

    Ich? Wünsche dir ein Leben, wie es sich deine Mutter für dich gewünscht hat.


    Alles liebe und gute für euch

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    1. Das ist ganz lieb gemeint - aber ich hätte doch lieber gern ein Leben, wie ich es mir für mich wünsche. Das Leben, das meine Mutter sich für mich gewünscht hat, würde mich nicht glücklich machen. ;-)

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  24. Liebe Katja,
    da fehlen einem wirklich die Worte. Es tut mir so leid - aber was hat irgendwer davon? Es ist so, so unendlich zum Kotzen. Schon dass die Krankenkassen profitorientiert arbeiten, widert mich reichlich an - bei Kliniken jedoch geht das auf keine Kuhhaut. Ausgabendeckend würde ich noch einsehen ... aber profitabel, really? Seit wann geht es denn derart abwärts? Ich muss mich da umfassender schlaumachen. Seit Melanie nach langem Anlauf ihr Schweigen über die näheren Umstände von Nils’ Tod gebrochen hat, bekomme ich das Thema nicht mehr aus dem Kopf. Was Du schreibst, ist ebenso entsetzlich. Und die Pflegekräfte und Ärzte haben ja kaum eine Chance, sie stecken ebenso mit drin in diesem System und kämpfen ums Überleben, darum, sich nicht gänzlich aufzureiben. Da ist ein riesengroßer Wurm drin, dem man den Kampf ansagen muss.

    Zu dem Unfallfahrer: "Gott wird schon einen Grund gehabt haben" - das ist einer der dümmsten, schlimmsten Sätze, die man im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen sagen kann. Das darf man schweigend für sich ganz allein denken, wenn man es denn braucht, aber nie, niemals einem anderen gegenüber äußern, der jemanden verloren hat. Allein beim Lesen packt mich eine eisige Wut, ich will mir nicht ausmalen, was Du erst empfinden musst. Allerdings hat das zu mir auch jemand gesagt, nach dem neun Jahre währenden elenden Sterben meines Vaters. Da war ich einundzwanzig, es war drei oder vier Tage nach dem Tod meines Vaters, und ich habe ein Messer zur Hand genommen und gesagt: "Raus. Ich zähle bis drei, und wenn du dann noch hier bist, werden die Leute über dich sagen: Gott wird schon einen Grund gehabt haben, ihn erstechen zu lassen." Ich bin immer noch froh, dass er mir geglaubt hat, ich weiß nicht, zu was ich in dem Moment imstande gewesen wäre. Dabei ist es oft nur Hilflosigkeit und der Versuch, dem Unerträglichen wenigstens ein Quentchen Sinn abzupressen ... aber zu welchem Preis für die Angehörigen, die sich einen solchen verschissenen Rotz anhören müssen?

    Ich wünsche Dir sehr, dass es Dir mit der Zeit besser gehen wird. Aber ich weiß, dass es dauert und unfassbar schmerzt. Die Menschen, die man liebt, nicht schützen zu können, das ist die schlimmste Erfahrung, die man im Leben machen kann. Und nun hast Du sie so kurz hintereinander doppelt machen müssen - dabei hat sich gar kein Gott irgendwas gedacht, das ist einfach nur scheiße. Ich hoffe, Dein Zorn hilft Dir ein bisschen, das zu (er)tragen. Wie auch bei Melanie bin ich froh, dass Du so viel Schönheit in Dir trägst. Ich traue euch beiden zu, das zu überleben, ohne bitter zu werden. (Und davon ist gelegentliche Bitterkeit ganz ausdrücklich ausgenommen - wie solltet ihr das denn hinkriegen ganz ohne? Geht gar nicht. Aber es gibt die heilsame, schützende Dosis und die, welche die eigene Substanz angreift. Und ich glaube, ihr beide bekommt es hin, erstere zu nutzen und zweitere nicht langfristig in euch Fuß fassen zu lassen, so schwer sie auch oft zu unterscheiden sein mögen.)

    Alles Liebe
    Maike

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    1. Danke.
      Sicherlich ist manches nur hilflos und "gut gemeint", aber eben völlig unangebracht.
      "Es wäre besser für sie, wenn sie stirbt" und danach "Es war besser so" haben wir im Zusammenhang mit dem Tod meiner Mama unendlich oft gehört - weil sich fast jeder, die Ärzte eingeschlossen (in ihrer Anwesenheit!), anmaßte, darüber urteilen zu können, was für sie ein "noch lebenswertes Leben" gewesen wäre. Das kann aber niemand, außer dieser Mensch selbst, beurteilen.

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    2. Ich erinnere mich - viele maßen sich auch sehr gern an, zu "wissen", ob ein Mensch sie noch hören kann oder nicht.
      Es ist sehr schwer, wenn man jemanden sieht, der leidet, und ich verstehe den Impuls, ihn trösten zu wollen, so gut. Aber ich wünschte, es würden mehr Leute aushalten können, die momentane Trostlosigkeit einen Augenblick zu teilen, wenn man denn gerade trost-los ist, einfach weil eben gar nichts "besser so" ist. Ich weiß immer noch, wie mal eine Pflegerin kopfschüttelnd gesagt hat: Mensch, was für eine Scheiße euch da passiert, das ist einfach nicht fair. Ich habe ihr das bis heute nicht vergessen, weil es wirklich gut tat, dass jemand nicht wie fast alle anderen zurückzuckt und versucht, so ein kleines Phrasenpflaster über eine halbmetergroße klaffende Wunde zu kleben. Da habe ich mich bei aller Anerkennung der schwierigen Lage meines Gegenübers doch oft ein wenig veralbert gefühlt.

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  26. PamyLotta29. November 2016 um 12:08

    Liebe Katja,

    erst jetzt kam ich dazu, diesen Post zu lesen. Das was Du schreibst, ist wirklich mehr als erschreckend. Zweimal so ein Elend miterleben zu müssen, ist wirklich der blanke Horror und ich stelle es mir wirklich grausam vor, danach wieder einigermaßen wieder in die Spur zu kommen.

    Und dann noch sowas bei Gericht anhören zu müssen. Das Schlimme ist ja, dass man in dem Moment auch noch die Fassung bewahren muss und nicht einfach aufstehen kann und aus vollem Leib dem Typ verbal das an den Kopf zu knallen, was man ihm eigentlich zu sagen hätte. Schließlich wäre es doch an der Zeit, dass es ihm endlich mal jemand sagt. Ein schwacher Trost bleibt da vermutlich nur, dass man ihn eh nicht erreicht hätte. Dafür bleibt die Wut. Absolut. Und Euch die Last, das alles irgendwie zu verarbeiten.

    Ich finde es übrigens höchst beeindruckend, dass Du mit Deiner so persönlichen Geschichte an die Öffentlichkeit gehst. Vielleicht animiert es dafür aber den ein oder anderen, der ganz Ähnliches erlebt hat, es Dir gleich zu tun. Je größer der Aufschrei, desto größer vielleicht die Chance, dass es irgendwo da oben erhört wird und vielleicht sich wenigstens ein bisschen was in die richtige Richtung tut?

    Ich drück Dich aus der Ferne und schick Dir liebe Grüße,
    Pamy

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    1. Eigentlich wollte ich hier nicht darüber schreiben und hab das bisher auch nicht getan. Aber wahrscheinlich wollte Melanie das auch nie. Dass sie den Schritt gewagt hat und dass so die Chance besteht, dass diese schlimme Problematik ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht und damit vielleicht, vielleicht den Verantwortlichen Druck gemacht werden kann, hat mir den Anstoß gegeben, darüber zu schreiben. Nur wenn niemand mehr schweigt, besteht eine Chance auf Veränderung, das wurde mir durch Melanie bewusst. Ich kenne inzwischen so viele Angehörige von Patienten die Ähnliches erlebt haben und auch viele Pfleegkräfte, die daran verzweifeln, dass es unvorstellbar ist, dass das nicht thematisiert wird.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!