Sonntag, 20. November 2016

4620.

4620. Das ist Zahl der Menschen, die dieses Jahr auf ihrer Flucht vor Krieg und Armut im Mittelmeer ertrunken sind und die tot und anonym aus dem Meer gefischt oder an Stränden angespült wurden. Die Dunkelziffer dürfte ein Mehrfaches davon sein. Das sind mehr ertrunkene Flüchtlinge, als in allen vorigen Jahren zusammengerechnet, seit die Balkanfluchtroute versperrt wurde. Ich las sie gestern auf dem Blog von Ulrike Gastmann alias Fräulein Deutsch, die anlässlich dessen, der dieses Jahr gegangenen Prominenten und des heutigen Totensonntags die gute Frage stellte, warum liebevolle, wertschätzende Nachrufe eigentlich immer erst posthum veröffentlicht werden und warum wir den Menschen eigentlich nicht schon zu ihren Lebzeiten sagen, wie sehr sie unser Leben bis zu diesem Zeitpunkt aus welchen Gründen bereichert haben und wie wertvoll sie für uns sind, wie sehr wir sie schätzen und lieben. 

Tja, warum eigentlich? Weil wir immer viel zu beschäftigt sind mit Arbeit und anderem Gedöns, weil wir das auf irgendwann verschieben, weil es doch selbstverständlich ist? Nein, das ist es nicht. Es gibt wohl kaum einen Menschen den es nicht glücklich macht, wenn man ihm sagt wie wichtig er für einen ist und wie sehr geliebt. Glückliche Menschen leben länger und sie sind selbst menschlicher, weil man Liebe gerne weitergibt, wenn man üppig viel davon hat. Wer hier selbst einen ständigen Mangel leidet, der verteidigt alles mit Zähnen und Klauen und hat auch nichts abzugeben. Keine Menschlichkeit, keine Empathie, keine Liebe.
Vielleicht ein Grundproblem in einer immer schnelleren, immer effizienteren Welt, in der die reine Leistungsfähigkeit immer mehr den Wert eines Menschen bestimmt und in der man am Abend zu ausgelaugt, zu genervt ist, um selbst den Menschen in seinem privaten Umfeld, seiner Familie noch mit Aufmerksamkeit, Geduld und Liebe zu begegnen. Weil man die Liebe aus dem Fokus verliert.

In ihrem gerade wieder mehr als aktuellen Lied "Schrei nach Liebe" benennen die Ärzte den Liebes- und Aufmerksamkeitsmangel als Grund für Hass, Neid, Aggression und Gewalt gegen alle, bei denen sie fürchten, ihnen könnte genau diese Unterstützung, Aufmerksamkeit und ja, Liebe, zuteil werden, die sie nie bekommen haben. Liebesneid.
In jedem Video der Rechtspopulisten und ihrer Sympathisanten, in jedem zweiten Kommentar von ihnen unter irgendeinem Post in den sozialen Netzwerken, in dem es auch nur ansatzweise um Hilfe für Flüchtlinge geht, findet sich der gebrüllte Vorwurf, dass "die" in den A.... geschoben bekämen, was deutschen Familien fehlen würde und dass sich hier "niemand" um die armen Deutschen kümmern würde, um Rentner, Obdachlose, Kinder, um Familien in prekärer Lage.
Wie sieht es denn tatsächlich damit aus in Deutschland?
Deutschland leistet sich den Luxus von Wohngeld, Sozialhilfe, Grundsicherung im Alter und ALG II inklusive der Übernahme von Miet- und Nebenkosten, damit niemand mit absolut Nichts dasteht, wenn er in eine prekäre Notlage gerät. Es gibt Bildungszentren, die den Wiedereinstieg in den Beruf und die Suche nach Ausbildungsplätzen unterstützen und begleiten. Es leistet sich auch den Luxus von Erziehungsgeld, Kindergeld und den eines Bildungspakets, um Familien mit Kindern zu unterstützen und Kindern aus armen Familien die Teilhabe am kulturellen Leben, Schulessen, Klassenfahrten und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu ermöglichen. Das Bildungsgesetz sorgt mit der Schulpflicht dafür, dass alle Kinder unabhängig ihres Geschlechts und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Familie die Schule bis zu einem Schulabschluss besuchen dürfen - und zwar kostenlos. 

Und ansonsten?
Ansonsten arbeiten unzählige kirchliche und private Organisationen mit vielen, vielen meist ehrenamtlichen Helfern dafür, dass es Wärmestuben, Suppenküchen und Kleiderkammern für die Ärmsten gibt, die nicht von der Straße zu holen sind. Sie sammeln unermüdlich Geld- und Sachspenden und geben sie an die Hilfsbedürftigen weiter, unterstützen diese, Renter ohne Familie und Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen betreuend, beratend und mit tatkräftiger Hilfe, wenn nötig.

Zu behaupten, in unserem Land würde sich "niemand" um Obdachlose, Rentner, Kinder und Familien in Not kümmern, ist ein Faustschlag ins Gesicht für jeden Steuerzahler, der für die staatlichen Hilfen aufkommt, für die Mitarbeiter in den entsprechenden staatlichen Stellen und vor allem für tausende Organisationen und abertausende Ehrenamtliche deutschlandweit, die seit vielen Jahrzehnten vorort, dort wo Hilfe benötigt wird, mit jeder Stunde, die sie erübrigen können und mit aller Kraft helfen, um die Situation für Einzelne ein bisschen besser zu machen und ihnen ihre Würde zu erhalten oder zurückzugeben. Sie leisten freiwillig und meist ohne Bezahlung großartige, wichtige Arbeit.

Lieben ist ein Tätigkeitswort.
Wann immer ich in Zukunft persönlich und in regionalen Netzwerken diesen dummen, unreflektierten Spruch hören werde, dass für die Ärmsten der Armen unter den Deutschen nichts getan wird, werde ich sagen: "Dann tu etwas". Es wird von mir konkrete Vorschläge geben, wie derjenige selbst ganz konkret und Vorort das tun kann, was er anmahnt.

Über tatkräftige Unterstützung, Sachspenden und finanzielle Unterstützung für Menschen in Notlagen freuen sich in meiner Heimatstadt Fürth zum Beispiel:

Fürther Tafel
Lebensmittelspenden, ehrenamtliche Helfer, Geldspenden

Wärmestube Fürth
Sachspenden (für Kleiderkammer und Flohmarktstand), ehrenamtliche Helfer, Geldspenden

Mütterzentrum Fürth
Geldspenden
Sachspenden (Haushaltswaren, Bettwaren, evtl. Möbel), Geldspenden
Am 27.11.16 werden zum Beispiel Sachspenden in Form von Geschirr, Haushaltswaren und Bettwäsche für Frauen gesammelt, die mit ihren Kindern aus dem Frauenhaus ausziehen und eine neue, gewaltfreie Zukunft beginnen möchten, aber diese mit Nichts beginnen müssen.
Wer näheres dazu wissen möchte schreibt mich bitte an.

Sachspenden (Seminarausstattung und Mobiliar für die Veranstaltungshalle), Geldspenden

Kinderarche Fürth
Geldspenden
Ehrenamtliche Mitarbeiter (für Betreuung, Unterstützung, Begleitung, Beratung)
Sachspenden (Möbel, Kleidung, Haushaltswaren, Spielzeug)

Ehrenamtsbörse des Landkreises Fürth
Suchmaschine für die Wahl eines passenden Ehrenamtes im jeweilgen Wohnort des Landkreises

Diakonie Fürth
Ehrenamtliche Mitarbeiter (für Betreuung, Unterstützung, Begleitung, Beratung), Geldspenden

Was kann man selbst konkret tun?
Wer - gerade jetzt in der Weihnachtszeit, aber auch das restliche Jahr über - etwas dafür tun möchte, dass die Welt und vor allem unser Land ein lebenswerter Ort bleibt und immer mehr wird, aber nicht so genau weiß, was und wo er das tun soll, der fängt am besten direkt bei sich zuhause an.
Sagt euren Lieblingsmenschen, dass und womit sie euer Leben bereichern, sagt und vor allem zeigt ihnen, dass ihr sie liebt und unterstützt sie, wenn sie Hilfe benötigen. Seid da und nehmt nichts anders wichtiger.
Helft vom Leben überforderten älteren Menschen, Familien oder alleinerziehenden Müttern in eurer direkten Nachbarschaft bei Einkäufen, Behördengängen, Formularen, Schriftverkehr, Kinderbetreuung, Reparaturen oder einfach als Gesprächspartner. 

Engagiert euch örtlich in einem Ehrenamt. Ähnliche Gruppen wie oben beschrieben, die die Arbeit von Freiwilligen koordinieren, gibt es in jeder Stadt. Einfach nach eurer Stadt und "Ehrenamt" googeln.

Werft gut erhaltenes Geschirr und Haushaltswaren nicht weg und gut erhaltene Kleidung nicht in den Müll oder den Altkleidercontainer zum Verkauf nach Afrika und der Ruinierung der dortigen Textilproduktion, sondern gebt sie an örtliche Hilfsorganisationen, die Wärmestube oder Gebrauchtwarenhöfe der Diakonie weiter, die es in jeder Stadt gibt oder inseriert sie zum Verschenken in regionalen sozialen Netzwerken an den Schwarzen Bretter - fast jedes Dorf hat eines.
Im Zweifelsfall fragt bei den Kirchengemeinden nach, die kennen die hilfsbedürftigen Familien der Gemeinde, die sich über Sachspenden, auch über Spielzeug freuen.

Wenn euch die Zeit fehlt, selbst ehrenamtlich zu helfen, oder ihr das aus anderen Gründen nicht möchtet, dann bleibt immer und in jedem Fall die Möglichkeit einer Geldspende an eine örtliche Organisation, bei der ihr euch dann ganz sicher sein könnt, dass sie wirklich vorort bleibt und nicht irgendwo auf dem Weg zum Ziel am anderen Ende der Welt versickert. Auch kleine Beträge helfen.

Ein ganz großartiges Angebot habe ich gestern in einer regionalen FB-Gruppe gelesen. Dort erklärte eine Frau, sie hätte ein gutes, glückliches Jahr gehabt und würde davon gerne etwas an eine Familie abgeben, die nicht so viel Glück hatte und bei der dieses Jahr womöglich Weihnachten ausfallen muss, weil das Geld nur fürs Nötigste reicht. Sie bat sich zu melden, wenn jemand eine solche Familie kennen würde, mit der sie dann gerne auf ihre Rechnung die Einkäufe für das Weihnachtsessen erledigen, einen kleinen Weihnachtsbaum besorgen und auch ein paar Geschenke für die Kinder kaufen würde.
Die Resonanz war überwältigend. Sofort meldeten sich unzählige andere, die sich finanziell beteiligen wollten. Eine tolle Aktion. Vielleicht gibt es auch in eurer Nachbarschaft, eurem Dorf eine Familie, der ihr, vielleicht auch zusammen mit anderen Nachbarn, auf diesem Weg ein schönes Weihnachtsfest bereiten könntet...

Mein großer Wunsch für Gegenwart und Zukunft ist, dass wir alle den ewigen Nörglern, Krakeelern und Hetzern mit konkreten Vorschlägen für Hilfsangebote und eigenes Engagement entgegentreten, um Deutschland weiterhin zu einem lebenswerten Ort zu machen. Man muß nicht gleich im Alleingang die Welt retten und kann das sicherlich auch nicht. Aber wenn jeder für sich in seiner Familie, im Kleinen, in seiner Nachbarschaft, seinem Dorf und regional - zu Lebzeiten dieser Menschen - für etwas mehr Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung sorgt, dann wird das sicher am Klima in unserem Land etwas zum Positiven ändern. Ich glaube fest daran... und lasse mich dafür auch herzlich gern als Gutmensch und Sozialromantiker beschimpfen.
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Kommentare:

  1. Super Beitrag! Besonders gefallen mir die Hinweise auf regionale Hilfsorganisationen. Ich denke wirklich auch in Deutschland wird viel von Ehrenamtlichen und auch Hauptamtlichen geleistet. Ich selbst bin in der örtlichen Unicef-Gruppe tätig und neben dem Nutzen macht es auch noch Spaß.
    Grüße

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  2. Tausend Dank!! Deine Worte haben mich beflügelt und inspiriert! Ich werde garantiert etwas davon mitnehmen und verwirklichen. Gerade in der Schweiz ist Armut in der Regel unsichtbar, und häufig sind Haushalte mit Kindern betroffen. Herzlich, Sibylle

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  3. Sonntägliche Sympathiebekundung von einer weiteren Sozialromantikerin, die Liebe für das Größte hält.
    Astrid

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  4. Liebe Katja, du sprichst mir aus der Seele. Ja, JEDER kann etwas tun, um zu unterstützen, zu helfen. Und auch einwenig ist besser als nichts. Ich selbst war nie arm, aber meine beiden Eltern stammen aus ärmsten Verhältnissen anderer Länder. Sie selbst haben zeitlebens mit großem Engagement geholfen und unterstützt, wo es ihnen möglich war. Für mich ist es selbstverständlich, daß auch wir das als Familie tun.
    Ganz herzlichen Dank auch für diesen wertvollen Beitrag.

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  5. Liebe Katja,
    ich habe beide Seiten kennengelernt, ich war lange genug hier in der Flüchtlingshilfe tätig. Es gibt wie überall solche und solche Menschen.

    Ehrenamtliche Tätigkeit, jaaa sehr gerne, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass in den seltensten Fällen etwas zurückkam.

    Ich kann die Menschen verstehen, aber irgendwo ist auch ein ehrenamtlicher Helfer am Ende seiner Kräfte.

    Ich leiste aber meinen Beitrag in der Nachbarschaftshilfe immer noch, versuche auf meine Senioren einzugehen und ja, ich bekomme eine Aufwandsentschädigung, da meinen manche, dass man hier den großen Reibach macht, ist aber nicht so. Bei dem was ich mache, würde ich das hauptamtlich machen,
    so würde ich erheblich besser dastehen. Mir macht es aber Spaß und hier bekomme ich auch Dankbarkeit, was mir in der Flüchtlingshilfe ganz selten zugekommen ist.

    Liebe, ja nur wer Liebe bekommt, kann Liebe weitergeben.
    Was es mit der Politik auf sich hat, ich denke, da werden wir wohl noch einen schweren Gang gehen und noch viel erleben und nichts Gutes.

    Hab ein schönes Wochenende lieben Gruß Eva

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    1. Deien Erfahrung in der Flüchtlingshilfe kann ich nicht teilen. Erst seitdem weiß ich, wie dankbar Menschen sind, wenn ihr nacktes Leben gerettet wurde und sie die Chance haben jetzt - irgendwie - in Frieden leben zu können.
      Aber es ist doch prima, wenn du jetzt einen Bereich der Unterstützung für Menschen gefunden hast, in dem du die Dankbarkeit zurückbekommst, die du dir wünscht.
      Ich kenne übrigens niemand, der durch ein Ehrenamt reich geworden wäre - aber das ist ja auch nicht die Intension.

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  6. Liebe Katja, danke, danke, danke. Ich habe Deine Beiträge gelesen und ich würde Dich sozusagen gerne virtuell umarmen. Diese Geknatsche auf hohem Niveau geht mir so auf die Nerven. Ich habe mir vorgenommen, jetzt regelmäßig gegen diese rechte Stänkerei zu schreiben, weil es immer unerträglicher wird. Hab trotzdem einen schönen Sonntag.
    Magdalena

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  7. Es gibt nix Gutes, außer man tut es! Jederzeit, egal wem gegenüber...

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  8. Liebe Katja, danke! Ich werde etwas tun. LG I.

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  9. Hurrraaaa! Gut gebrüllt Löwe!
    Lieben Lisagruß!

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  10. Aber wenn jeder für sich in seiner Familie, im Kleinen, in seiner Nachbarschaft, seinem Dorf und regional - zu Lebzeiten dieser Menschen - für etwas mehr Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung sorgt, dann wird das sicher am Klima in unserem Land etwas zum Positiven ändern.
    **************************************
    Diesen Satz unterschreibe ich mit kräftiger Feder, liebe Katja!!
    Herzlichst, Nicole

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  11. Du hast so recht Katja - wie so oft sprichst Du mir aus der Seele. Was ich aber nun in letzter Zeit bei ein paar dieser "Diskussionen" feststellen durfte war, dass sich die beschweren, denen es eigentlich gar nicht schlecht geht. Die, von denen ich weiss, dass es ihnen finanziell nicht gut geht, die sagen nihts und wuerden im Traum nicht um Hilfe fragen, wel sie sich schaemen. Eine verkehrte Welt ist das...

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  12. Danke für Deine Worte! Und auch nicht nur die heutigen...

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  13. ein beitrag, der in jeder zeitung stehen sollte!
    danke, katja, du hast - wie so oft - den nagel auf den kopf getroffen!
    liebe grüße, mano

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  14. Ja, es gibt genügend Möglichkeiten etwas zu tun statt zu jammern, was alles nicht klappt. Die Liebe bleibt. Eine nicht gerade kurze Zeit meines Lebens habe ich mich aus Verantwortungsgefühl ehrenamtlich übers gesunde Maß hinaus engagiert, jetzt mache ich weniger, aber das intensiv, mit viel Freude und mit überaus freundlichem Echo. Lieben Gruß Ghislana

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!