Mittwoch, 1. Juni 2016

Maitisch . Der stachelige Kokon

Nach zwei Wochen in der Abgeschiedenheit und Ruhe der österreichischen Berge fühlt sich die Stadt und der Alltag an wie ein Death Metal Konzert direkt vor den Bühnenlautsprechern. Dreizehn Tage lang waren die einzigen nennenswerten Geräusche das Vogelkonzert im Morgengrauen, die nektarsammelnden Hummeln, das gelegentliche Muhen einer Kuh, die Glocken der Kälber, manchmal ein nächtliches Gewittergrollen, das Murmeln und Rauschen der Bergbäche und der eigene Atem. Unter den Füßen Blumenwiesen, Waldwege und Felssteige und in den Lungen Luft. Richtige Luft. Und dann wird man zwangsweise wieder hineinkatapultiert in die brüllende, stinkende, staubige Kakophonie der Stadt - aufheulende Motoren, Hundekacke, bulgarische Popmusik, eine Fritteuse und kreischende, rauchende Nachbarinnen unter dem Fenster, den Dreck und Lärm der Dauerbaustelle im eigenen Haus, dauerblinkende Anrufbeantworter, vierhundertsiebenundachzig Mails im Posteingang, eine Wohnungsauflösung und die halbstündige Parkplatzsuche am Abend. Rushhour und nachbarlicher Raucherhusten statt Vögel als Wecker im Morgengrauen. Luft, die man schneiden kann, nicht atmen.




Einigeln in einen stacheligen Kokon möchte ich mich da können, meine zerknitterten seidenpapierdünnen Flügel um mich zusammenfalten, mich zur Kugel rollen und mich abwehrend haarig unter einer schützenden, harten Schale schützen gegen das, was mir da wie eine Flutwelle entgegenbrandet. Im widerborstig stacheligen Kokon würde ich gerne beschützt abwarten, bis der Wahnsinn da draußen vorbei ist, ich die Schale sprengen, meine Flügel ausbreiten, entknittern und wieder fliegen kann. Bis ich wieder fasziniert davon sein kann, wie unglaublich, wahnwitzig und absolut dunkel und still es nachts sein kann - wenn man all das wegnimmt, was Menschen verursachen. Nächte so schwarz wie schwärzeste Tinte und so still wie zweihundert Meter unter der Erde. Wolken, die sich in der Morgensonne aus Wiesen und Wäldern heben und sich im Nichts auflösen, nachdem sie die Berge vor mir ein bisschen umschmeichelt haben. Bergbäche, sie sich tosend in der schönsten Farbe der Welt durch schmale Felsenschluchten zwängen. Natur, die so schön ist, dass sie mir die Tränen in die Augen treibt. Klare, reine Luft. Menschen, die hart arbeiten, sich unterstützen, helfen, die Familie schätzen, geradeheraus sind, ihr Leben leben - mit Selbstverständlichkeit, nicht Kalkül. Erst dann möchte ich wieder rauskommen, aus meiner stacheligen Schale. Wie der Klatschmohn.



Der Gedanke kam mir, als ich den Mohn am Feldrand stehen sah. Wie feinstes Seidenpapierr entfalten sich seine Blüten und man kann nicht glauben, dass etwas so Zartes, Zerbrechliches, eine solche Kraft besitzt, dass es den harten, stacheligen Kokon aufsprengen kann, der es umgibt. Unbandig lebendig scheinen die schlenkernden Arme mit ihren widerborstigen Kapseln am Ende zu sein, wie sie sich wild in jede Richtung schlängeln. Und irgendwann liegen sie dann einfach da, die beiden Kapselhälften. Wie die abgesprengten, nutzlos gewordenen Trägerteile einer Weltraumrakete bleiben sie zurück, wenn sich der Mohnschmetterling entknittert und entfaltet um im Wind zu fliegen. Als Kind dachte ich, dass Klatschmohnblüten Schmetterlinge sind, weil sie sich genauso entfalten wie diese.  Und irgendwann fliegen sie davon.



Als ich am Montag zwischen zwei Terminen des ersten Arbeitstages nach den Ferien die Wiesen und Feldränder nach Blumen für die Vase absuchte, fiel mir auf, dass es fast keine mehr gibt. Wo wir früher mühelos bei jedem Spaziergang im Mai und Juni dicke Sträuße aus Margariten, Glockenblumen, Schafgarbe, Klee, Mohn, Frauenmantel, Kornblumen, Butterblumen und Wiesenkerbel gepflückt haben, gibt es nur noch Gras und Löwenzahn. Die Blumen sind verschwunden. Wieso ist mir das bisher noch nie so deutlich aufgefallen? Vielleicht, weil die Wegränder und Wiesen in Tirol, wo nur Weidewirtschaft betrieben wird, nicht einfarbig grün, sondern so bunt wie die Wiesen meiner Kindheit sind. Die Kühe fressen dort nicht Gras, sonden eine kunterbunte Blumen- und Kräutermischung und innerhalb von Minuten ist ein Strauß für die Vase gepflückt, weil Wegränder und Wiesen üppig voll mit den verschiedensten, wunderschönsten  Blumen sind. Fast hatte ich schon vergessen, wie eine richtige Wiese aussieht. Unsere Art der Landwirtschaft duldet dagegen keinen Wildwuchs neben sich. Wie arm.

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Kommentare:

  1. Genau das sind die Gründe dafür, liebe Katja, daß wir leben, wo wir leben und nicht inmitten einer Großstadt. LG

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  2. sehr schöner maitisch! mohn ist vorgestern im garten erblüht. hier gibts schon noch üppige wegränder. auf dem lande. das ist sehr schön. bei meinem blick stehe ich bis zum hals im gras. zurückziehen und mal durchatmen konnte ich damals in leipzig auch nicht so gut wie hier. es bereichtert das leben sehr. aber ab vom schuss heißt dann auch ab vom schuss. für alles andere ;o) kino, konzerte, ausstellungen, läden, geselligkeiten ...

    liebe grüße . tabea

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  3. Ach, du hattest Urlaub - daher ging es hier etwas ruhiger zu! Sehr schön! Auch Bilder und Text...

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  4. Da hilft nur eins, Katja: Samenbomben im nächsten Frühjahr ;)) Dein Maitisch gefällt mir total gut. Ich mag Mohnblumen soo gerne, doch ist die Freude ist leider immer kurz. So schnell fallen die zarten Blüten ab, nicht wahr?! Schön, dass Du Deinen Urlaub genießen konntest.. er hört sich wunderbar an. Herzlichst, Nicole

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  5. Besondersschön finde ich ja das Foto von der nicht entfalteten Mohnblume. Wie fest zusammengeknüllte rote Seide.
    Die "armen" Wiesen sind mir auch schon aufgefallen. Als Kind konnte ich so schöne Blumensträuße pflücken, jetzt ist das schwer. Was ich aber postiv finde, in unserer Nähe wurden 3 Verkehrskreisel mit einer wilden Wiesenblumenmischung besäht. Die Blumenarten wechseln über das Jahr auf's schönste. Gerade blühen Mohn, Margariten und andere und die Blumen breiten sich auch aus. Jenseits der Fahrbahn auf einem Brachland blühen inzwischen auch Margaritten und etwas Mohn. Ich glaube auch für die Stadt ist die Bepflanzung ganz pracktisch. Für die Gärtner ist wenig zu tun. Im Herbst runtermähen und im Frühling etwas nachsähen den Rest macht die Natur alleine.
    LG Jennifer

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  6. Katja, egal was du uns zeigst oder über was du schreibst - deine Beiträge haben alle Tiefgang, aber sowas von...
    Lg Carmen

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  7. so gut, dich zu lesen, deinen immer klugen gedanken beizuwohnen, die du in so treffende bilder hüllst. auf dass das rundherum bald wieder erträglich genug sei für deine schmetterlingsentfaltung.

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  8. Ja. Die Blumen sind verschwunden und mit ihnen die Schmetterlinge. .. Ich erinnere mich,dass ich in meiner Kindheit alle möglichen Arten auf den umliegenden Wiesen und an den Stauden beobachtet habe...Heute sehe ich vielleicht mal einen müden Kohlweißling oder,ganz selten,einen Zitronenfalter daher fliegen. So traurig!
    Lieben Gruß
    Gabi/Pyrgus

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  9. Ähnliches spielt sich hier auch ab, und manche Hausgärtner tun das Übrige zur Verarmung. Manchmal vermute ich die Städter kapieren das inzwischen eher, was hier draußen noch dauert zu begreifen. Eine andere Welt ist pflanzbar. (http://www.eine-andere-welt-ist-pflanzbar.de/). Hier sind gerade die paar biobewirtschafteten Felder auch eine Augenweide. Denn die Samen stecken alle noch drin und ein buntes Treiben setzt sofort ein... Lieben Gruß Ghislana

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    1. Den Mohn habe ich auf einem extra angesäten Bienenweide-Streifen mitten zwischen den verarmten Feldern gepflückt - denn wer alles totspritzt, dessen Getreide wird ohne genug Wind auch nicht mehr bestäubt, weil Insekten keine Nahrungsvielfalt mehr finden...

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  10. Ein bisschen traurig dein Text aber ich kann so gut nachfühlen. Wenn wir aus unserer französischen Land- und Meeridylle zurück kommen geht es mir auch jedes Mal so. Dabei habe ich noch Glück und wohne in einer ruhigen Gegend der Großstadt...Warum schaffen wir es nicht einfach, zu gehen und dort zu leben wo wir uns wohl fühlen? Aber es ist eben auch nicht so leicht, sich aus seiner Komfortzone zu begeben und Risiken einzugehen...
    Ich grüße dich ganz herzlich und denke immer daran, dass auch wieder ein Urlaub kommen wird,
    Dani

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    1. Die Antwort ist ganz einfach: weil wir den Lebensunterhalt für unsere Familien verdienen müssen...

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  11. ich liebe mohn. deine aufnahmen sind wunderschön. ganz besonders mag ich das 3.letzte bild.
    liebe grüße aus südtirol
    andrea

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  12. Was die Menschen der Natur und sich selbst antun und letztendlich aus purer Habgier ist unglaublich und traurig zugleich...
    Ganz herzliche Gruesse , helga

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  13. Wunderbar geschrieben und der üppige Strauß ist ein Traum. Mohn ist wirklich so faszinierend. Ich bin auch ganz hin und weg :)
    Allerliebste Grüße
    Kama

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  14. so schön deine Mohnbilder und so "traurig" die Beschreibung deiner Wohnsituation..
    da hab ich es hier doch ruhiger ;)
    und Mohn gibt es in den umliegenden Feldernb und Weinbergen zum Glück auch noch genug
    behalte das Gefühl von Urlaub noch etwas in deiner Erinnerung fest
    liebe Grüße
    Rosi

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  15. wie glasklar du diese kakophonie beschrieben hast! wenn ich zwei tage in berlin war, fühle ich mich urlaubsreif und möchte eigentlich nur wieder in unsere dörfliche idylle, wo sich fuchs und hase gute nacht sagen und wo mich die amseln in den schlaf singen.
    natürlich hat diese idylle auch heftige risse. die kapitalistische landwirtschaft lässt kaum etwas über als raps und mais, stinkende gülle aus vechta wird über die felder gespritzt, glyphosatwolken hüllen uns des öfteren ein. wie froh bin ich dann, im benachbarten bundesland durch gegenden zu kommen, wo mohn- und kornblumenfelder noch sichtbar sind und ich hundertmal aus dem auto springen möchte, um fotos zu machen.
    liebe grüße! ich hoffe, du kommst bald wieder an deine sehnsuchtsorte!

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  16. Liebe Katja,
    ich bin auf Amrum auf einem Friedhof gewesen, da war ein Grab mit Wiesenblumen bepflanzt - nebendran die übliche Bepflanzung. Ich stand davor und weinte weil ich es so wunderbar fand.
    Klatschmohn ist meine allerliebste Sommerblume, nachher gehe ich welchen pflücken.
    herzlich Margot

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!