Mittwoch, 20. April 2016

Äther.

In einem meiner Lieblingsbücher "Gottes Werk und Teufels Beitrag" von John Irving hat sich Dr. Wells den ungewollten Kindern verschrieben - auf die eine und andere Weise. Er fängt die mit Liebe auf, die keiner haben wollte und trägt sie ins Leben, aber er verhindert auch, dass noch mehr ungeliebte Kinder in dieses Leben geboren werden oder Frauen an verpfuschten Schwangerschaftsabbrüchen in dreckigen Hinterzimmern sterben müssen, weil Abtreibung zu dieser Zeit in Amerika illegal ist. Um diesen schwer zu überwindenden Zwiespalt zwischen Leben retten und Leben beenden dreht sich das Buch. Es ringt um Verständnis für beide Seiten und zeigt, wie seine Hauptfiguren, allen voran Homer, daran zweifeln und verzweifeln, straucheln, fallen und wieder aufstehen. Dr. Wells, der zweite Hauptprotagonist des Buches, beamt sich regelmäßig mittels Äther in eine andere Welt, weil er dieses Dilemma und diese Welt manchmal nicht mehr aushalten kann... bis er irgendwann von der anderen Seite nicht mehr zurückkehrt.



Das Buch dreht sich neben der Hintergrundthematik der ungewollten Kinder auch um die Frage, ob man andere Menschen retten kann und wie weit man gehen darf, um seine persönliche Überzeugung, wie ihr Leben glücklicher verlaufen würde, durchzuzusetzen. Auch darum, wie schmerzhaft und schwer es manchmal auszuhalten ist, wenn man dabei zusehen muss, wie sich jemand verrennt, sich selbst schadet, strauchelt, fällt. Es dreht sich um Einmischung und Toleranz, um Respekt für den Weg anderer und um die Suche des eigenen. Es dreht sich ums Aushalten, das sich Zurückhalten und um Akzeptanz. Auch darum, dass Hilfe das ist, was jemand gerade in diesem Moment braucht und erbittet, nicht das, was man selbst für besser hält und ihm aufdrängt. Es handelt von der Liebe.



"Willst du mich lieben, oder mir helfen? fragte sie ihn.
"Beides", sagte er elend.
"So was gibt es nicht, beides", sagte sie..." *

"Du kannst Leute nicht schützen", sagt Wally daraufhin zu seinem Sohn Angel. 
"Alles, was du tun kannst, ist, sie lieben." **

All das... kam mir wieder in den Sinn, als ich die Ätherflasche im Regal des Trödelladens stehen sah. 
Ich dachte an meine Geschichte. Dann ging ich nach Hause und küsste mein Kind.

*   John Irving, "Gottes Werk und Teufels Beitrag", Diogenes Verlag, S.726
** John Irving, "Gottes Werk und Teufels Beitrag", Diogenes Verlag, S.741
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Kommentare:

  1. Was für wunderbare Fotos! Und dann noch mein Lieblingsbuch! Deine Zitate sind fein gewählt!
    Ich bin tatsächlich einmal in Urlaub nach Maine gefahren, um die Obstplantagen zu begucken!
    Liebe Grüße von
    Christine

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  2. Diese Flasche hätte ich auch gekauft und das Buch sollte ich mal wieder lesen, eins meiner Lieblingsbücher!
    LG, von Annette

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  3. Alleine der Buchtitel, oder?
    Und schöner Beitrag, ganz und gar: kleine Flasche - große Wirkung!

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  4. Was für ein schöner Post. Nicht der erste. Ich mag deinen Style.
    John Irving war in meinen jungen Jahren DER Autor für mich.
    Das mir liebste Buch war der Wassertrinker.
    Man geht nicht mehr normal durchs Leben, wenn man Irving gelesen hat.
    Und das hat sich für mich immer bewährt.

    Ganz liebe Grüße von Tanja

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  5. Ja an der Flasche wäre ich wohl auch nicht einfach so vorbeigekommen!
    Und du hast wirklich schön dazu den Text geschrieben und Deine Fotos sind auch wieder so herrlich.
    Mein großer Favorit von Irving ist "Garp und wie er die Welt sah", aber er hat so viele tolle geschrieben, das es schwer ist eine Wertung zu machen. Liegt vielleicht daran, das Garp mein allererstes von ihm war.
    Einen sonnigen Gruß aus Niedersachsen sendet Dir
    Kirsi

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  6. Das Beste ist der letzte Satz! Schön geschrieben ist aber auch alles davor. Was dir alles einfällt, wenn du an einer Flasche vorbeikommst?! Viele Grüße, Uta

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  7. Wenn meine gleich wach sind, küsse ich sie auch ;)) Liebste Grüße, Nicole

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