Sonntag, 29. November 2015

Besinnung.

Hoffnung ist eine existentiell unverzichtbare, urmenschliche Empfindung. Wären wir der Hoffnung nicht fähig, die Menschheit wäre wohl schon seit vielen Jahrtausenden ausgestorben. Die Hoffnung auf besseres Wetter, eine Besserung der Lebensumstände, den Erfolg, der sich doch noch irgendwann einstellen wird, den Sieg der Menschlichkeit, die Erhörung einer unerwiderten Liebe, auf eine helfende Hand, auf Rettung in letzter Sekunde oder in größter Verzweiflung auch auf ein Wunder, treibt die Menschen seit Urzeiten an durchzuhalten, weiterzulaufen, immer weiterzumachen, alle Kräfte zu mobilisieren und manchmal auch das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.

Die Adventszeit symbolisiert in der christlichen Kirche eine Zeit der friedlichen Besinnung und der Hoffnung und des Wartens auf die Erscheinung des Herrn, des Erlösers. Auch die nicht so sehr religiösen Menschen wie ich schalten in dieser Zeit einen Gang zurück, schmücken ihr Zuhause, ziehen sich in den Familienkreis zurück, stellen Kerzen auf und zünden an jedem Adventssonntag bis Weihnachten eine weitere an. Traditionelle, menschliche, familiäre Rituale sind mindestens so wichtig wie Religion, weil sie ein Gefühl der Geborgenheit und Verbundenheit erzeugen, die durchs Leben trägt.

Dieses Jahr bestimmten wir in unserer Familie den Beginn der Zeit des Zurückschaltens und der Besinnung nicht selbst, sondern unser Leben wurde gewaltsam an einem regnerischen Abend Mitte Oktober auf einer Landstraße angehalten. 
Siebenundreißig Tage Reduktion auf das Wesentliche. Siebenunddreißig Tage Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Siebenundreißig Tage die Hand unserer Mama halten. Siebenundreißig Tage Leben in Zeitlupe. Siebenunddreißig Tage mit dem Gefühl, in einem seltsamen Film mitzuspielen und doch zu wissen, es ist der eigene. Siebenunddreißig Tage im Schockzustand. Siebenundreißig Tage funktionieren. Irgendwie. Siebenunddreißig Tage die Frage nach dem Warum. Siebenundreißig Tage Fassungslosigkeit. Siebenunddreißig Tage Qualen. Siebenunddreißig Tage Hoffnung. Ein Tag Abschied. Loslassen. Vorbei.

Das Warum.
Alles im Leben hat einen Sinn. Diesen Satz hört man sehr oft, wenn einem im Leben schlimme Dinge wiederfahren, die man bewältigen muss. Ich habe ihn in den letzten Wochen sehr oft gehört.
Welchen Sinn haben Kriege? Welchen Sinn könnte es haben, dass der Machthunger, die Grausamkeit, der Narzissmus, die Gier, die Selbstüberschätzung, Unaufmerksamkeit oder der Lebensüberdruss einzelner Menschen anderen Menschen unvorstellbare Qualen bereitet oder sie tötet? Und wenn im gewaltsamen Tod irgendein Sinn liegen soll, warum davor dann noch wochenlange Qualen? Ich habe große Schwierigkeiten, darin auch nur den Hauch eines göttlichen Sinns zu erkennen.
Meine Schwester sagt zu mir, dass jede Krise, durch die wir in unserem Leben gehen müssen, eine Lernaufgabe ist, die uns bewusst gestellt wird, auch wenn sie uns auf den ersten Blick noch so sinnlos oder grausam erscheint. Herausforderungen, die wir bewältigen und überwinden müssen, um zu Erkenntnissen zu gelangen, aus denen wir lernen und an denen wir wachsen können. Persönliche Lebenslernaufgaben. Ich arbeite daran.

Für jede Erkenntnis, die ich in den vergangenen Wochen gewonnen haben, brennt auf unserem Tisch im Advent eine Kerze. Nein, keine vier. Wahrscheinlich kommen noch ein paar dazu.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass es nichts Wichtigeres im Leben gibt, als für die Menschen da zu sein, die man liebt. Nichts. Bis es vorbei ist.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass vergangene, weit zurückliegende Differenzen oder Verletzungen keine Bedeutung mehr haben und völlig unverständlich erscheinen, wenn ein Familienmitglied in Not ist.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass der Tod des zweiten Elternteils den endgültigen Verlust des Kindseins bedeutet.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass die Ärzte und Pflegekräfte im Schichtdienst auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und überhaupt Tag und Nacht eine bewundernswerte, übermenschliche Leistung erbringen zwischen diesen allgegenwärtigen Schmerzen, all diesem Leid, dem Kummer, der Verzweiflung, der Angst, der Hoffnung, der Trauer und dem Sterben... die viel zu schlecht bezahlt wird.
  • Ein Kerze für die Erkenntnis, dass Empathie nicht jedem gegeben ist, es aber es trotzdem erstaunlich viele Menschen gibt, die große Herzensbildung besitzen. 
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass man sein Leben lang noch so vorsichtig, defensiv und besonnen Auto fahren und trotzdem durch einen Autounfall getötet werden kann... weil das eben nicht jeder tut.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass man das Leben nicht planen und kontrollieren, sondern nur geschehen lassen und leben kann. 
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass das Schicksal seine Gnade nicht nach objektiven und somit beeinflussbaren Kriterien verteilt.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass man die Verwirklichung von Ideen und Träumen niemals auf Morgen oder nächste Woche, nicht auf das nächste Jahr und schon gar nicht auf die Rente verschieben darf, weil innerhalb eines Sekunde alles vorbei sein kann.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass man den Menschen, die einem wirklich wichtig sind, das immer, jederzeit, laut und deutlich sagen und zeigen sollte. Zeigen, vor allem.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, wie unglaublich stark man sein kann, wenn man muss und dass man doch immer noch ein kleines bisschen mehr aushalten kann, wenn man denkt, es geht nicht mehr.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass die Unbeherrschbarkeit des Schicksals Wut und Demut gleichermaßen erzeugt.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass man Menschen nicht mit Liebe und purer Willenskraft am Leben erhalten kann, sondern sie mit Liebe gehen lassen muss, wenn sie das entscheiden.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass das Leben ein Kreis ist, der geschlossen werden muss, vollkommen und rund.
  • Eine Kerze für die Erkenntnis, dass die Hoffnung trotzdem immer ganz zuletzt stirbt.
Ist die Hoffnung nun Glück oder Unglück, Engel oder Teufel? Ist sie es, die uns tiefste Täler durchwandern und größte Kraftanstrengungen, Demütigungen und Qualen ertragen lässt, damit wir irgendwann wieder Licht sehen? Ist sie es, die uns antreibt, nicht verzweifeln und aufgeben, uns überleben und uns letztlich immer stärker werden lässt? Oder ist sie, wie Nietzsche es formuliert hat, "in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert"?
Sie ist beides. Hoffnung ist die Intensivmedizin, die mit viel Glück zwei Leben aus zehn vor dem ansonsten sicheren Tod bewahrt, aber damit auch Qualen vermeintlich unnötig verlängert und acht von zehn verliert. Aber diese zwei Bewahrten, die sind es wert, auch wenn meine Mama zu den Acht gehört, die verloren haben.

Und meine Lebensaufgabe? Die muss irgendetwas mit dieser Hoffnung zu tun haben. Mit Geduld. Dem Loslassen. Geschehenlassen. Mit der Akzeptanz dessen, was einfach passiert, ohne dass ich es kontrollieren oder verhindern könnte. Mit Demut vor dem Leben und dem Tod. All dem.
Mit dem Kreis, der geschlossen werden muss.

Habt einen schönen 1. Advent. Sagt euren Lieblingsmenschen, wie glücklich ihr seid, dass es sie gibt. Jetzt gleich. Morgen auch. Immer.

verlinkt mit:
Hoffnung, Besinnung, Advent, Abschied, Tod, Loslassen, Geduld, Kontrollverlust, Verkehrsunfall, Geisterfahrer, Demut, Stärke, Lebensaufgabe, Lerne, Elternlos

Samstag, 14. November 2015

In heaven No. 191 - Morgenröte

Das Land der Morgenröte liegt manchmal nur einen Steinwurf entfernt. So fern und doch so nah.


Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe. 
 
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.
Himmel,sky,skywatch, Himmelsansichten, in heaven, Himmelsblick, im Himmel, Morgenrot , brennender Himmel, Sonnenaufgang, sunset, Himmelsfeuer,Himmelsbrand, Fürth, Morgenröte, Himmel in Pink, Winterhimmel, Novemberhimmel

Samstag, 7. November 2015

In heaven No. 190 - Phönix

Wie Phönix versinkt der Tag am Abend in einem Flammenmeer, um am Morgen schön und prachtvoll aus seiner grauen Asche wieder aufzuerstehen. Ein bisschen davon erleben wir selbst jeden Tag, wenn wir uns abends müde und ausgelegt in unsere Kissen betten, um am Morgen frisch, ausgeruht und voller Energie in den neuen Tag zu starten. Normalerweise. Gerade hat die Welt ein mächtiges Problem mit dem Phönixding. Abends hockt sie sich zerrupft auf ihre Schlafstange und am Morgen kommt sie nicht in die Gänge, sondern sieht so erbärmlich aus wie ein ausgemergelter Papagei, der sich vor lauter Stress selbst die Federn ausgerupft hat und nunmehr nur noch zur lächerlichen Karrikatur seiner selbst taugt - und wenn er noch so laut kräht, er wäre ein majestätischer Adler. Glauben tut ihm niemand mehr.









Das Feuer hat genug gebrannt. Wo bist du, Phönix?


Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe. 
 
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.
Himmel,sky, skywatch, Himmelsansichten, in heaven, Himmelsblick, im Himmel, Abendrot, brennender Himmel, Sonnenuntergang, sundown, Himmelsfeuer, Himmelsbrand, Fürth