Sonntag, 9. August 2015

Essentialismus.

Als ich noch sehr klein war, zerlegte ich meine Plastikpuppe, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es da drin aussah. Mehr konnte ich damit nicht anfangen. Etwas größer geworden, spielte ich am liebsten mit diesen kleinen bunten Steinchen, die man zu den unglaublichsten Bauwerken zusammenstecken kann. Immer wieder baute und zerlegte ich meine Kreationen. Das Zerlegen von Dingen in ihre Einzelteile und das Bauen anderer aus möglichst wenigen Komponenten hat mich schon immer fasziniert. Die Suche nach des Pudels Kern. Meine Liebe zu Freilandmuseen, zu ländlicher historischer Architektur und auch Inneneinrichtung entspringt nicht dem momentan so modischen, romantisierenden "Zurück zur Natur"-Ding, das die Verwendung von Holz, Leinen und Stein in Innenräumen zu rein dekorativen Zwecken propagiert, sondern ist logische Folge eines Drangs zu wissen, aus was Dinge warum gemacht sind und was sie im Inneren zusammenhält. "Form follows function" klingt nach einer trendigen Erfindung der Moderne, dabei ist es ist schon seit Menschengedenken das Grundprinzip jeglicher guten Gestaltung. Heute wird leider oft nach dem umgekehrten Prinzip entworfen - für mich in jedem Bereich ein großes Ärgernis, ob nun in der Architektur, im Möbel- und Produktdesign oder im Bekleidungsbereich.



“Essentialism means undoing the clutter and getting to the core, paring back to the bone and achieving authenticity, simplicity and purity.”

(Vincent Van Duysen - großartiger belgischer Architekt... irgendwo gelesen und gemerkt)




Jedes Material hat eine Essenz, eine Schönheit, Haptik, Eigenschaften, die es prädestinieren für einen ganz bestimmten Zweck. Wenn man alles Überflüssige weglässt, all den dekorativen Chichikram, die darübergelegten Schichten, die verstecken sollen, wie etwas konstruiert ist, aus was es eigentlich besteht und welche Funktion es hat, dann bleibt die Essenz übrig. Als würde ein Mensch seine Kleider ablegen, den Schmuck, die Schminke und einfach ganz natürlich da stehen, wie Gott und die Natur ihn geschaffen haben. Dazu gehört aufgrund unserer auf glatte, austauschbare, makellose Oberflächen getrimmten Gesellschaft Mut, aber was unter den Schichten zum Vorschein kommt, kann niemals hässlich sein, egal welches Alter und welche Form es hat, denn es ist ehrlich, authentisch und pur, es ist der essentielle Mensch in all seinen unterschiedlichen Formen, in denen er vorkommt.



Das Gleiche empfinde ich beim Betrachten einer einfachen, gezapften Holzbank, an der nichts versteckt und nichts übertüncht ist. Man erkennt das pure Material, die Verbindungstechnik der einzelnen Komponenten, von denen keine überflüssig ist und man sieht die Spuren der Verarbeitung und auch die Spuren des Lebens, das ein Möbelstück bereits hinter sich hat. Ein hundert Jahre alter Schrank, ein 500 Jahre alter Steinboden wird mit jedem Jahr, mit jedem Jahrhundert schöner und charaktervoller. Man muss sich nur mal vorstellen, wie ein 100 Jahre alter Laminatboden oder ein ebenso alter Kleiderschrank aus folierter Spanplatte aussieht. Hat das Charakter? Es ist Müll.




Die ehrliche Konstruktion eines Fachwerkhauses, eines Dachstuhls, eines Möbelstücks, eines Gebrauchsgegenstandes, die seine Statik ausmacht und gleichzeitig eine völlig natürliche Ästhetik besitzt, die genau aus dieser Reduktion auf das richtige Material am richtigen Ort zum richtigen Zweck entspringt - das ist für mich Essentialismus und das macht für mich Ästhetik aus. Zum Glück hat der "Trend" Natürlichkeit den positiven Nebeneffekt, dass die Nachfrage nach ehrlich hergestellten Baukonstruktionen, Möbeln, Gebrauchsgegenständen und Lebensmitteln wieder steigt - hoffentlich gerade noch rechtzeitig, bevor all die Handwerker, die sie noch herstellen können, ausgestorben sind. Ich freue mich sehr über die Wiederbelebung des Handwerks und seiner gestalterisch in die heutige Zeit übersetzen traditionellen Techniken und wünsche ihm viele Kunden, die die Ästhetik des Materials und der Konstruktion wieder zu schätzen wissen und sich ebenso daran freuen wie ich es tue.





"Essentialismus beschreibt die Annahme, dass Gegenstände - unabhängig von Kontext und Interpretation - eine ihnen zu Grunde liegende, alle Veränderungen überdauernde Essenz aufweisen, die ihre "wahre Natur" bestimmt und sie notwendig zu dem macht, was sie sind."



„Whether it be the sweeping eagle in his flight, or the open apple-blossom, the toiling work-horse, the blithe swan, the branching oak, the winding stream at its base, the drifting clouds, over all the coursing sun, form ever follows function, and this is the law. Where function does not change form does not change.“ 
(Louis Sullivan in „The tall office building artistically considered“, 1896, S. 111)  

Meine Dinge werden immer weniger. Im Lauf der letzten Jahre ist fast alles wirtschaftlich vertretbare ausgezogen, das unpraktisch, hässlich, negativ belastet oder aus unangenehmem Material ist. Allem voran Plastik, das ich noch nie gerne angefasst habe, schon gar nicht in der Küche. Keine bewusste Entscheidung, sondern ein automatischer, schleichender Prozess hin zu mehr Wertschätzung und Lebensqualität statt Quantität. Vielleicht braucht man aber auch mit zunehmendem Alter einfach immer weniger Dinge und möchte sich nur noch mit Dingen und Menschen umgeben, die angenehm im Umgang und schön sind und deshalb dem Leben guttun? Womöglich.


Die Fotos zeigen Eindrücke aus dem Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim, von der Rosenburg in Riedenburg, aus dem Dorf Mund im Schweizer Wallis, dem Allgäuer Bergbauernmuseum im Immenstadt und aus der kleinen Kirche in Postbauer-Heng. Essentialismus, Form follows Function, alte Handwerkstechniken, traditionelle Bautechnik, handwerklicher Möbelbau, ehrliche Herstellung, Freilandmuseum Bad Windsheim, traditionellke bäuerliche Möbel, Büttner, Holzofenbrot, Korbmacher, Weidenkörbe, Schmalzbrot, Garben, alte Holzleiter, Mehlsäcke, Flederwisch, Blockbauweise, Fachwerkhaus, alter Dielenboden, alte Holzbank, Brettbank, alte Dachziegel, alte Holzdielen, Flur mit Solnhofner Platten, alter Steinboden, historisches Kopfsteinpflaster

Kommentare:

  1. Katja, ich bin entzückt! Dein Post trifft direkt in mein Herz. Die Farben, die Bilder, der Text.. ich kann nur kräftig nicken! Ganz liebe Sonntagsgrüße, Nicole

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  2. Auf dem Steinfußboden oder auf den alten Dielen möchte man barfuß laufen, auf der Oberfläche der Bank mit der Hand entlang streifen...Ich kann mich nicht erinnern, diesen Wunsch bei Plastik oder einem Schrank aus Spanplatten verspürt zu haben. Deine Bilder sind wunderschön anzusehen...eine Wohltat fürs Auge. Gestern wurde im Freundeskreis über das Thema Handwerk und Nachwuchs diskutiert. Die traurige Realität ist, dass die meisten jungen Leute lieber einen Bürojob wollen als irgendwo an der Werkbank zu stehen...Dir einen schönen Sonntag...und eine gute Fahrt (?). LG Lotta.

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    1. vielleicht würden es ein paar mehr junge Leute mit Interesse fürs Handwerk, wenn sie es von klein auf kennenlernen und machen dürften..., selbst die theoretisierenden Anteile des Werkenunterrichts werden immer mehr: Wirtschaft, Arbeit und Technik, immer weniger selber machen... Und die perfekten gestylten Wohnumfelder, selbst im und ums Eigenheim auf dem Dorf, tut ihr Übriges. Die Beziehung zur Handarbeit und ihr jahrtausendelanges Verflochtensein mit natürlichen Prozessen (wann ist der Flachs reif zum Ernten, damit er sich verspinnen lässt, wann schlägt man das Holz fürs Schreinern, wie lange lagert es...), ist kaum noch da und nicht modern... Insofern ist das trendige "ZurückzurNatur" so lange nur "Mode" und "Deko" und stylisch, solange der Schritt zum Lebendigseinwollen unter Lebendigem nicht gegangen wird. Wunderbare Fotos, liebe Katja! Herzliche Sonntagsgrüße Ghislana

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  3. Vielen Dank für die schöne Fotostreckenreise!!! LG bjmonitas

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  4. Wir haben damals in der Grundschule schon das hiesige Freilichtmuseum besucht und ich erinnere mich, dass ich es toll fand, wenn auch völlig aus der "normalen" Welt meines industriellen Stadtlebens gefallen. Heute beschäftige ich mich vor allem aus wissenschaftlich interessierter Perspektive mit dem Alltag von damals. Und finde das, was ich sehe, wunderbar, aber irgendwie immer noch aus der Zeit gefallen...

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  5. Du sprichst mir schon wieder aus der Seele. Jedes Mal wenn ich durch ein gruselig renoviertes Bauernhaus gehe,reiße ich in Gedanken Teppichboden und Laminat fort und schleife die Bodendielen ab, kratze das Fachwerk frei, hacke Holzimitate von den Decken... Gutes, ehrliches altes Handwerk, wo gibt es das noch?
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. ja, genauso ist es . Essenz! Mein Mann liebt deshalb die Industriearchitektur mehr als alles andere... ich freunde mich damit an... für mich war die Industriearchitektur immer etwas zu essentiell... aber ich mag dafür umso mehr Gebrauchsgegenstände, die für den Gebrauch gemacht sind.. wie die Bank von der du schreibst! Dafür schlägt mein Herz sehr!
    herzliche Grüße und großen Dank
    Denise

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  7. Ja...die guten alten Dinge...ich hasse diesen ganzen Trash, der für wenig Geld in Fernost produziert wird, den Konsum, kann mich schlecht von Dingern trennen und überlege mir deshalb dreimal, wenn nicht öfters, was Einzug in unser Heim halten darf. Ich mag es sehr, wenn Dinge auf das Wesentliche reduziert sind, eine gute Qualität haben, eine gute Haptik und wenn sie dann noch ein schönes , schnörkelloses Design haben...perfekt !!!
    Deine Fotos und dein Text sprechen mich sehr an, liebe Katja , wie immer :-)
    Ganz herzliche Grüsse und einen entspannten Sonntagabend, helga

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  8. ein wunderwunderbarer beitrag, liebe katja, der mir aus dem herzen spricht.

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  9. deine wunderbaren fotos von handwerklichen kostbarkeiten haben mir große freude gemacht. und dein text hat mich darin bestärkt, noch viel mehr auszumisten, als ich es bisher schon getan habe.
    liebe grüße, mano

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  10. Ganz großartig hier, liebe Katja, Fotos und Text!
    Danke.

    Liebe Grüße,
    Ariane.

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  11. Ein ganz wunderbarer Post, liebe Katja.
    Vielen Dank für diese g'scheiten Worte. Und die schönen Bilder.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!