Donnerstag, 2. Juli 2015

Sau oder Fêve.

Unsere deutsche Sprache ist oft erschreckend unsexy. Dass viele Ausländer sich daran fast die Zunge verknoten und Deutsch als hart und uncharmant beschreiben, kann ich verstehen, seitdem ich auch andere Sprachen kenne. Vielleicht ist Sprache doch auch ein Ausdruck der Weltsicht und des Temperaments? Der Deutsche an sich gilt in der Welt per Klischee nicht gerade als besonders heißblütig, romantisch, emotional, genussfreudig, charmant oder phantasievoll und ein bisschen trifft das auch auf unsere Sprache zu. Als Kind bin ich immer wieder über das Wort "Brot" gestolpert. Hart, unsympathisch, wie ein militärischer Befehl, der keinen Widerspruch duldet - "Iss das!". Dagegen klingt "Pain", "Pane" und "Pan" wie eine sehr charmante Einladung zum Genuss... und erinnert sofort an den Hirtengott Pan - Freude an Musik, Tanz und Fröhlichkeit und unbedingt: Siesta. So liegt es womöglich auch an der uncharmanten Bezeichnung "Saubohne", dass dieses wunderbare Gemüse hierzulande so selten auf dem Markt und somit auf dem Teller landet, denn am Geschmack kann es nicht liegen - der ist in keinster Weise hart und derb, sondern ist zart und buttrig.




Dass die Saubohne in Frankreich Fêve heißt, finde ich deshalb auch angenehm harmonisch und weich und somit deutlich angemessener für diese zarte, leckere Hülsenfrucht. Wie kann man etwas, das die Natur so unglaublich geheimnisvoll, sorgfältig und vorsichtig in dicke Watte verpackt wie einen höchstzerbrechlichen Schatz nur "Saubohne" nennen. Das klingt wie ein Faustschlag in die Magengrube nach einer widerlichen Beleidigung, genauso wie Viehbohne oder Ackerbohne. Zumal die Saubohne auch gar keine Bohne ist, sondern eine Wicke aus der Familie der Schmetterlingsblütler, die ihre Blüten nachts zärtlich und schützend in Hüllblätter einwickelt. "Fava" oder "Haba" heißt sie viel sympathischer in Italien und Spanien, "Babarrun" im Baskenland,  wo sie ebenfalls wie in Frankreich nicht so verächtlich links liegen gelassen wird wie bei uns.



Noch in ihrer ledrigen Verpackung.

Gestern erklärte mir ein türkischer Gemüsehändler auf unserem Wochenmarkt, er hätte sie mehrfach angeboten, aber die Fürther wollten sie nicht kaufen, deshalb hat er sie jetzt nicht mehr. Und dabei bekomme ich doch immer so lange Zähne, wenn Micha wieder ein wunderbares Rezept  mit Fêves einstellt, die sie nicht umständlich suchen muss, weil sie einen grandiosen Gemüsegarten hat und Fêves überhaupt in Frankreich auf jedem Markt zu finden sind. Deshalb war ich umso glücklicher, dass ich sie Gestern beim türkischen Lebensmittelhändler entdeckt habe - "Bakla" heißen sie dort und ich hoffe sehr, sie sind bis in den Herbst im Sortiment. Was bin ich froh um diesen Markt - er bereichert meine Küche nicht nur um riesige Melonen, Feigen und Mirabellen, sondern auch um Süßkartoffeln, Stielmus, Melde, Erdbeerspinat, Löwenzahn, Postelein, Mizuna, büschelweise Liebstöckel, Minze, verschiedenem Basilikum und Schnittknoblauch, um Berberitzen, Sumak, Bockshornklee, Schwarzkümmel und Chilis in allen Varianten.



Und so kam es, dass ich Gestern doch Michas Rezept nachkochen konnte, klingt es doch in seiner Einfachheit und Gartenfrische genau nach meinem Geschmack. Aber wie das immer so ist bei mir, schaffte ich es bei der Zubereitung dann doch nicht, mich an die Vorgaben zu halten, sondern es wanderte doch noch dies und das mit die Pfanne und so kam geschmacklich wahrscheinlich doch ein etwas anderes Gericht dabei heraus, als aus Michas Gartenküche. Außerdem besitze ich zwar eine Pastamaschine, wie Micha sie verlost, aber ich war zu hungrig und zu faul, um die Pasta selbst herzustellen. Längerfristiges Vorplanen ist in der Küche nicht meine Stärke. 
Aber das nächste Mal, da halte ich mich dann an das Rezept...... vielleicht. ;-)


Zutaten für 2 Portionen:

250g Hartweizen-Spaghetti, 1kg Saubohnen (das meiste daran ist Verpackung), 3 Knoblauchzehen, 1 Bio-Zitrone, 1/2 Bund glatte Petersilie, ein paar Zweige Thymian, Basilikum, Parmesan, Olivenöl, Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Die Kerne aus den Schoten lösen, 30 Sekunden in kochendem Wasser blanchieren, eiskalt abschrecken und dann aus den ledrigen Hüllen drücken.
Die Spaghetti in reichlich Salzwasser bissfest kochen. Währenddessen die Schale der Zitrone in Zesten anziehen, den Knoblauch schälen und hacken oder in Scheiben schneiden, Thymian abrebeln, Petersilie grob schneiden. Knoblauch im Olivenöl leicht anbraten, Bohnen, Thymian und Zitronenschale dazugeben und ca. 2 Minuten schwenken und salzen. Die abgetropfen Spaghetti und die Petersilie dazugeben, nochmal mit Salz und Pfeffer abschmecken. Auf Tellern anrichten, mit frisch geriebenem Parmesan und Basilikum bestreuen. 
Schnelle Sommerküche nach meinem Geschmack - lecker.




Viele Jahre fiel mein Auge übrigens gar nicht auf diese Hülsenfrucht, denn ich hatte mit sechzehn Jahren ein Saubohnen-Trauma erlitten. Zu Besuch bei meinen englischen Verwandten, kamen die "broad beans" dort in einem dicken Mehlpapp mit viel Pfefferminze auf den Tisch - ungesalzen, dafür noch in der Hülle, die wie aufgeweichter, gummierter Karton am Gaumen klebte und auch so schmeckte. Ab da waren Saubohnen für mich mit einem sofortigen Würgereiz verbunden, bis ich mich dann doch mal selber daran wagte und feststellte, wie wunderbar sie schmecken, wenn man achtsam und freundlich mit ihnen umgeht. Gemüse unterscheidet sich da nicht so sehr vom Menschen.
Saubohnen, fêves, Dicke Bohnen, Ackerbohnen, Viehbohnen, Feingefühl und deutsche Sprache, hartes Deutsch, Rezept für Pasta mit dicken Bohnen, Schönheit von Sprache, melodische Sprachen

Kommentare:

  1. Meine Mutter liebte diese Bohnen sehr. Und allein deshalb gab es sie reichlich in meiner Kindheit zu essen - frisch aus dem eigenen Garten. Ich uß zugeben, daß ich sie unendlich lange Jahre garnicht mehr gegessen habe. Aber ich wüßte auch garnicht, wo ich sie hier herbekommen sollte. Ich bin auch so jemand, der sich so gut wie nie an Rezeptvorgaben hält. Manchmal gut - manchmal nicht so ;-).
    Herzliche Grüße, M.

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  2. das micha-rezept hab ich auch schon für mich gespeichert, weil ich spagetti in einfacher form einfach liebe - solange nur frischer parmesan dabei ist. deine variante mit zitrone klingt auch prima. ich muss allerdings gestehen, dass ich saubohnen noch nie zubereitet habe. vielleicht kann ich das ja ändern - wenn ich denn welche hier finde.
    liebe grüße, mano

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  3. ...ich bin wieder mal beeindruckt, liebe Katja,
    wie deine Gedankengänge Verbindungen schaffen und Bogen schlagen...und dazwischen noch so schöne Link, da kann ich mich direkt festlesen...danke...ob ich allerdings die Saubohnen mal probier, weiß ich nicht, bisher habe ich das nicht...vielleicht, wenn sie mir mal als Feve (ich kann es nicht mal französisch schreiben) begegnen...

    wünsche dir einen müßig gehenden Sommertag,
    lieber Gruß Birgitt

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  4. just reif! und die zweite portion wartet im keller aufs pulen. wären sie nicht im garten gäbe es sie hier auch nicht zu kaufen. sowas.
    liebe grüße*

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  5. Ich gebe zu: Ich habe Saubohnen noch nie gegessen und es reizt mich auch nicht, ganz unabhängig von Ihrer Namensgebung. Die Assoziationen damit kann ich aber gut nachvollziehen. "Tisch" kann man zum Beispiel nicht essen, mit dem Wort konnte ich mich jedoch nie anfreunden. Klingt auch wie ein Befehl.... und wenn ich darüber nachdenken würde, würden mir sicher noch mehr Beispiele einfallen!

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  6. Die Sprache, in ihrer grammatikalischen Logik und Tönung prägt für mich ganz sicher das Lebensgefühl eines Volkes mit (gut, dass es da noch andere Dinge gibt, die dieses beeinflussen und in Bewegung halten; ein Hoch auf die individuellen Unterschiede...). Deshalb finde ich es auch immer wieder spannend, sich in andere Sprachen einzuhören, hinter ihre Verknüpfungen zu schauen. Es eröffnen sich Welten.
    Hülsenfrüchten trauere ich sehr nach. Ich vertrage sie einfach überhaupt nicht. Dafür war mir Kürbis eine sehr lange Zeit ein Graus, nachdem ich ihn nur süßsauer eingelegt kennengelernt habe. Bis mir ein Teller Kürbissuppe vorgesetzt wurde und Widerstand zwecklos war. Seitdem bin ich ihm verfallen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Da Saubohnen keine Bohnen sind, sondern Wicken, würde ich es mal versuchen - ich vertrage auch keine Bohnen und LInsen (mehr), aber Saubohnen schon.

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    2. Ah, das wusste ich nicht. Dafür habe ich mich erinnert, dass sie in meiner Kinderzeit als "Dicke Bohnen" auf den Tisch kamen. Dann werde ich mich mal wieder vorsichtig herantasten - nein - herankosten...
      Der französische Name hat mich irgendwie an "Favismus" erinnert. Und siehe da - es gibt Menschen, für die ist die Fêve lebensgefährlich... und für Parkinson-Patienten wohl sehr empfehlenswert.
      Liebe Grüße
      Andrea

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  7. yummy, ich liebe saubohnen! allerdings habe ich sie auch schon ewig nicht mehr gegessen. vielleicht ein grund morgen bei 38°c mal den wochenmarkt zu besuchen.
    glg!!
    claudia

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  8. Wie du schon geschrieben hast, heißt es bei uns Bakla und meine Mutter hat sehr oft damit Fava gemacht. Jetzt weiß ich woher das Wort Fava kommt, ich denke mal das wir das vom franz. Feve abgeleitet haben. Hat übrigens sehr lecker geschmeckt das Fava.
    Liebe Grüße Papatya

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  9. Ich mag die deutsche Sprache, sehr gern sogar (und mir gehen Anglizismen zuweilen auf die Nerven...). Aber ich muss zugeben, wenn ich französische Bezeichnungen für Gerichte lese, dann habe ich von vornherein die Assoziation, dass das Gericht lecker ist...lecker sein muss...;-). Gern lasse ich mich auch an deinem Tisch nieder...nur nicht heute...und vermutlich auch noch nicht morgen...es sei denn, es gibt "Pain blanc" (...wobei...soooo charmant klingt das jetzt auch nicht...erinnert mich irgendwie an das englische "pain"....;-)). LG Lotta.

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    1. Beim Lesen deiner Zeilen ist mir noch mal bewusst geworden, dass man die Begriffe "Kleidung" und "Mode" strickt trennen sollte...Jemand, dem Mode sehr, sehr wichtig ist, der muss nicht zwangsläufig auch Kleidung wichtig finden...besonders, wenn er seine Kleidung je Saison komplett austauscht, um "trendy" zu bleiben...und sich wenig Gedanken macht, aus welchem Materialien sie hergestellt wird...und unter welchen Bedingungen...LiebeGrüße.

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  10. Ich wollt schon wegklicken, weil ich Nudeln, besonders weiße, gar nicht gerne mag. Aber mhhh, ich hab so Lust auf leckeres Essen in fremden Sprachen bekommen. Hatte auch schon ganz vergessen, dass man Nudeln selbermachen kann. Und Saubohnen wie Berberitzen kommen auf meinen Gartentraumplan. Traumgartenplan. Oder auf die Fensterbank. Lecker.
    Bei der momentanen Hitze bleibt aber die Küche kalt. Bzw. muss eben noch das saure Brot (der militärische Befehl ist auch noch mies drauf!) in den Ofen *schwitz*.
    Danke Dir!

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  11. Sieht das lecker aus - hätte ich nicht erst vor einer Stunde gebackenen Couscous gegessen würde ich glatt Hunger kriegen.
    Saubohnen habe ich ehrlich noch nie gegessen, werde aber Deiner und Michas Beschreibung mal die Augen danach aufsperren,
    herzlich Judika

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  12. Mir gefällt die deutsche Sprache. Mein kroatischer Freund stupst mich immer mal auf wunderschöne deutsche Wortkreationen und hat mir unlängst mit Lachen vom "Reißwolf" erzählt. So ein tolles Wort.
    Oder "Ohrwurm" ... Phantastisch!!!
    Dagegen ist natürlich "Saubohne" wirklich ein hässliches Wort. Sie schmeckt mir allerdings auch sehr und mit französischer Bezeichnung ist sie einfach >très délicieux<.
    Hier im Südwesten finde ich öfters mal ein Marktstand mit diesem leckeren Gemüse. 1000 Dank für das tolle Rezept und den höchst amüsanten Text dazu.

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  13. Es gibt ja noch ein paar andere Bezeichnungen für die Saubohne, gut: Puffbohne muss man auch nicht mögen, aber Ackerbohne klingt doch ganz gut.
    Und das ist doch gerade das Schöne an der deutschen Sprachen, diese vielen Möglichkeiten der Umschreibung, ohne dabei aber zu ausufert werden zu müssen...

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  14. Oh, ich freue mich, ein Rezept zu entdecken! Bin heuer auch erstmals auf diese Bohne, die keine ist, gestoßen worden und habe sie, da ich heuer erstmals glückliche Nutzerin einer Parzelle eines Gemeinschaftsackers bin, auch angebaut. Ich hoffe, es wird was draus - war übrigens gar nicht einfach, überhaupt die Samen dafür zu finden! Ich habe unheimlich Lust darauf!

    Deine Überlegungen zur Sprache finde ich interessant - wobei mir gleich der Spruch eingefallen ist "uns trennt nichts so sehr wie die gemeinsame Sprache" oder so ähnlich. War bezogen auf den Unterschied englisch-amerikanisch, passt aber auch auf deutsch - österreichisch. Ich denke, die selben Wörter klingen anders mit einer weicheren Aussprache. Wobei - Saubohne bleibt Saubohne, an der Beleidigung lässt sich nichts ändern, leider.

    Ursula

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  15. Einen ganzen, kleinen Roman könnte ich dazu schreiben, nicke aber einfach lächelnd zu den letzten beiden Sätzen :)

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  16. ich dachte zuerst es ist ein witz ... *les fèves* so zu nennen ! ich finde das wort ackerbohne viel schöner und man kann sie auch roh essen (mit salz eventl. butter) wenn sie ganz jung sind *févette à la mode corse* - ja schade dass so eine nahrhaftes gemüse so einen schrecklichen namen hat...dein rezept mit *zeste de citron* gefällt mir gut ! und bei mir sind die rezepte auch oft anders im teller als auf dem papier. liebe grüsse
    monique

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  17. das sieht total köstlich aus! würde ich trotz hitze nicht nein sagen! danke für rezept und tolle bilder! erfrischende grüße julia

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  18. beizeiten kann man gar nicht anders, als der deutschen sprache die lange nase zu zeigen und zu wohlklingenderem zu greifen, sich bedienend aus fremden sprachkörben oder eben einfach selber bastelnd. lecker sieht das gericht mit den blassgrünen damen aus.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!