Sonntag, 5. Juli 2015

Honig im Topf . Nichts im Kopf.

Wer an Bienen denkt, denkt automatisch an Honig. Bienen sammeln unermüdlich Nektar und produzieren daraus Honig - eigentlich als Futter für Ihr Bienenvolk. Aber weil Honig gut schmeckt und viele gesunde Inhaltsstoffe enthält, nutzen auch wir Menschen den Honig als natürliches, gesundes Lebensmittel und vergessen dabei oft, dass Bienen nicht primär unsere Honiglieferantinnen sind, sondern vor allem eine unverzichtbare Rolle bei der Bestäubung der Blumen, aber vor allem der meisten Obst- und Gemüsesorten spielen. Mehr als 1/3 unserer Lebensmittel gäbe es ohne Bienen nicht mehr, denn von all dem Obst und Gemüse, das auf unserem Speisezettel steht, bleibt außer dem Windbestäuber Getreide nicht mehr viel übrig, wenn wir all jene Pflanzen wegnehmen, die auf die Bestäubung ihrer Blüten durch Bienen angewiesen sind. 

Die Honigsammlerinnen.

Bienenhaus im Freilandmuseum Bad Windsheim.

Nach der Führung.

Die Brutpflegerinnen.
In vielen Regionen Chinas und in weiten Teilen der USA und Kanada, in denen nicht nur intensive, industrielle Landwirtschaft mit Hilfe von exzessivem Pestizid- und Herbizideinsatz betrieben wird, sondern deren Einsatz auch in Privatgärten völlig selbstverständlich ist,  ist es bereits seit Jahren Realität: die Bienen sind ausgestorben. Ausgestorben sind sie nicht wirklich, denn das legt nahe, sie hätten das alleine getan - sie wurden ausgerottet von der bornierten Dummheit und unersättlichen Gier der Landwirtschaftsindustrie und der Masse an Konsumenten, für die ein Privatgarten klinisch steril und ein Lebensmittel vor allem billig sein muss - unter Zuhilfenahme welcher Mittel es erzeugt wurde, ob es noch ein natürliches Lebensmittel oder ein Industrieprodukt ist, wie sein Lieferant bis zu seiner Nutzung gelebt hat und ob dieser auch in Zukunft noch eine Lebensgrundlage hat? Egal. 
In den USA entwickelt sich das Geschäft des Wanderimkers zu einer sicheren Quelle für Wohlstand - wo alle Insekten und damit auch die Bienen vergiftet sind und alle natürlichen Bienenweidepflanzen ebenso, müssen Farmer sich zur Blütezeit von Mandeln, Pfirsichen, Erdbeeren, Gurken und Melonen temporär Bienenvölker zur Bestäubung mieten, damit sie auch etwas ernten können. Bei 150 US Dollar Miete pro Bienenvolk und 1.000 Völkern für eine große Plantage macht das 150.000 $ für einen 2 - 4-wöchigen Einsatz. Ein lohnendes Geschäft - auch wenn 40% der Bienen dabei draufgehen, weil sie von dem pestizid- und herbizidverseuchten Wasser der Bewässerungsanlagen trinken und der dabei produzierte Honig mit eben diesen Stoffen vergiftet ist.
In China arbeiten Heerscharen menschlicher Bestäuber, um Obst und Gemüse von Menschenhand zu befruchten. Die Bienen haben wir alle vergiftet? Macht doch nichts, menschliche Arbeitskräfte gibt es genug. Gift wird weiterhin massiv gespritzt. 

Und bei uns?
Die durch Giftexposition geschwächten europäischen Bienen sind leichte Beute für die für sie fremde, aus Ostasien eingeschleppte Varroamilbe, die als Parasit die Bienenlarven so stark entkräftet, dass die Bienen entweder schon vor dem Schlupf sterben, oder aber verkrüppelt und nicht überlebensfähig sind. Das Bienensterben (oder nicht doch eher: der systematische Bienenmord?) hat in den letzten Jahren 30% aller Bienenvölker in Europa getötet, in Nordafrika bis zu 85%. Viele Obstblüten blieben im Frühling unbestäubt, weil nicht genug Bienen vorhanden sind.
Wird Honig von Ökotest auf Pestizidrückstände getestet, sieht das Ergebnis meistens erschreckend aus. Im Jahr 2014 bekamen nur sechs von neunzehn Honigen eine Verzehrempfehlung, alle anderen waren mit Pestiziden, Gentechnik und giftigen Stoffen belastet.

Fütterung für den Nachwuchs.

Voll beladen.

Wer aus einem Ei schlüpft, entscheidet die Königin - einmal von den Drohnen befruchtet, legt sie vier Jahre lang Eier nach Bedarf: unbefruchtete für männliche Drohnen, befruchtete für weibliche Bienen. Das Futter der Larven entscheidet darüber, ob eine weibliche Biene zu einer neuen Königin wird. Und die Drohnen? Die werden nach dem Hochzeitsflug als unnötige Fresser aus dem Stock geworfen und verhungern, da sie sich nicht selbst ernähren können.

Jeder natürliche Honig kristalliert nach einiger Zeit aus. Tut er das nicht, sind im künstliche Hilfsstoffe zugesetzt. Cremiger, zähflüssiger Honig entsteht durch kontinuierliches Rühren während des Kristallisationsprozesses.



Wie kann man nur eine so kurzsichtige, umwelt-, tier- und menschenverachtende Produktionspolitik betreiben, die ausschließlich und ohne Rücksicht auf Verluste auf Gewinnsteigerung ausgelegt ist? Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern? Womit ernähren wir unsere Kinder? Wie kann man allen Ernstes dem Freihandelsabkommen TTIP zustimmen, das dieser lebensverachtenden Form der Landwirtschaft auch in Europa Tür und Tor öffnet und einer Vergewaltigung der Europäer gleichkommt, was die Produktion von Lebensmitteln angeht? Wo ist die Verantwortlichkeit unserer Politiker in Brüssel? Das sind die anklagenden Fragen, die man an andere richten kann.
Und wir selbst?
Leisten wir mit unserem Kauf- und Essverhalten dieser kranken industriellen Nahrungsmittelproduktion Vorschub? Ja, tun wir offensichtlich. Wir postulieren, unsere Lebensmittel gerne natürlich, nachhaltig und ohne industrielle Zusatzstoffe haben zu wollen, lesen fleissig Hochglanzzeitschriften, die eine heile Welt zurück zur Natur anpreisen... und greifen trotzdem im Supermarkt nach dem makellosen, gespritzten Obst, dem vermeindlich billigen Honig "aus Nicht-EU-Ländern" und verspritzen Gift in unseren unkraut- und somit bienenweidefreien Hausgärten. Mitmachen und diese Entwicklung fördern, oder bewusst anders handeln? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. 

Die Königin bei der Arbeit. Eier legen.

Biene beim Schwänzeltanz - wo gibt es die besten Blüten?



Eine Diebin im Bienenstock.
Es ist ihr nicht bekommen - sie hatte keine Chance gegen die wütenden Soldatinnen, die den Bienenstock beschützen.
Lieblingsbrotaufstrich.
Ist beim Honig regionaler Einkauf eine Kostenfrage?
Für ein 500g-Glas Lindenblütenhonig von Imker Kopelent aus Sugenheim bezahle ich direkt bei ihm 6 Euro. Für Frühjahrstrachtblütenhonig von Imker Kral aus Bräunigshof bezahle ich 5 Euro. Das sind 6, bzw. 5 Euro für die regionalen Imker-Familien Kopelent und Kral und ihre Honigproduktion, deren Bienen gleichzeitig dafür sorgen, dass Obstbäume, Wildbäume und Wiesenblumen hier bestäubt werden, so dass ich im Herbst regionale Äpfel kaufen und schöne Blumensträuße pflücken kann. Für ein 500 Gramm-Glas Lindenblütenhonig mir unbekannter Nicht-EU-Herkunft im Supermarkt bezahle ich ebenfalls 6 Euro, für 500 Gramm Blütenhonig von La...ese 5 Euro. Die Einzelhandelsspanne beträgt ca. 50 Prozent, dazu kommt die Einkaufsspanne des Importeurs/Großhändlers und der Transport durch Europa. Wieviel der 6 Euro - die für mich gleich bleiben - kommt dem Imker im Herkunftsland da wohl zugute, wie kann er dafür den Honig nachhaltig produzieren und was bringt das für den einheimischen Bienenbestand? Ich muß nicht lange überlegen, welchen Honig ich kaufe.

Die natürliche Wabe aus Wachs - Rohstoff für Kerzen, Kosmetik und vieles mehr.

Nachwuchsimker 2012.

Würzige Kräuter im Smoker beruhigen durch ihren Rauch die Bienen beim Arbeiten am Biennestock.

Süßes Gold.
Imker, Kleinkinobetreiber und Germanist Josef Kopelent erklärt bei tollen Führungen im Freilandmuseum Bad Windsheim*, warum Bienen unverzichtbar sind, wie das Leben im Bienenstock organisiert ist, warum eine Königin zur Königin wird, warum Männer im Volk die meiste Zeit überflüssig sind, warum Wespen gegen Bienen keine Chance haben, wie man Honig schleudert und was Bienen dann im Winter fressen. 
Kurzweilig, spannend, launig und absolut empfehlenswert. Wann die nächste Führung stattfindet, könnt ihr im Museum erfahren.

Dokumentationen zu diesem Thema:

GreenSeven Report 2015 - Bienen Alarm
Film: More than Honey

Petitionen gegen das Freihandelsabkommen TTIP und gegen bienengefährliche Pestizide:

Stop TTIP
Stopp TTIP und CETA!
Bayer, stopp bienengefährliche Pestizide!


verlinkt mit:
Ghislanas wildem Garten - ein Paradies für Wildbienen und andere Insekten

* Dieser Post ist, ebenso wie alle anderen über das Freilandmuseum Bad Windsheim, kein gesponserter Post, sondern eine Herzensangelegenheit.
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Kommentare:

  1. klasse, dass du dieses thema hier so ausführlich behandelst. es liegt mir schon so lange am herzen und ich hoffe, viele lesen deinen beitrag!!
    viele liebe grüße
    mano

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  2. Ja, es muss dringlich ein Umdenken erfolgen...denn es ist Fünf vor Zwölf...wie man so schön sagt...Es sollte viel mehr solcher Freilandmuseeen geben, damit auch die Stadtkinder einen Einblick haben, was schützenswert ist...was Ökologie bedeutet...anschaulicher Biologieunterricht sozusagen...nicht nur Bilder im Lehrbuch. Aber langsam tut sich da was in der Gesellschaft...dank der regionalen NABU...habe ich bei der Recherche zum Leipziger Auwald herausgefunden. Irgendwie passt zu deinem Post der Post von Ghislana sehr gut...HIER...Dir einen schönen Sonntag. Liebe Grüße.
    P.S. Nichts im Kopf habe ich heute auch...der Petrus...der muss doch spinnen...;-).

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  3. sehe ich auch so. lieber weniger und gut, als günstig und viel. haben manchmal sogar phasenweise gar keinen honig im regal.

    und ich glaub, in diesem fall hilft nicht mal, wenn »bio« drauf steht. dann müsste es bio und regional sein. ich verstehe nicht, dass bio automatisch regional bedeutet. logisch, außer dinge die hier nicht wachsen und möglich sind. kann es sogar sein, dass bei honig, der kauf beim imker die besser wahl wäre? also statt pauschal »bio« ...

    liebe grüße . tabea

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    1. Nein, "bio" hilft in diesem Fall leider nicht automatisch, weil auch viele Honige mit diesem Attribut aus dem Ausland importiert werden und dort einfach die Kontrollmöglichkeiten nicht so gut sind - und für unseren inländischen Bienenbestand so nihcts getan wird. Der kann aber auch nur wachsen, wenn der Pestizideinsatz zurückgefahren wird.
      Unsere Feriengastgeber letztes Jahr im Allgäu hatten auch Schwierigkeiten mit dem Honig-Ertrag - dort gibt es zwar keinen Ackerbau und dementsprechend auch kaum Pestizideinsatz, aber weil die Wiesen wegen dem vielen Vieh ständig als Futter gemäht werden, kommen die Blumen nicht mehr zum Blühen - die Bienen leiden alle unter Futtermangel.

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  4. Vor einigen Wochen haben Unbekannte in Kappeln die Fluglöcher mehrerer Bienenvölker absichtlich geschlossen, als der Imker über WE verreist war. Die Folge: Die Bienen starben einen elendigen Hitzetod. Das Wachs und der Honig zerflossen zu einer einzigen Pampe.....Ich hoffe der Imker macht weiter, denn der war am Boden zerstört und kämpfte mit den Tränen bei seiner Rückkehr. Vor allem hoffe ich, dass man die Schuldigen findet und bestraft. Denn Bienen egal ob Immen oder Wildbienen sind wichtig für unsere Nahrung und für die Natur. LG bjmonitas

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  5. Seit längerem kaufe ich Honig nur noch von den Eltern meiner Freundin. Deren Fluggebiet geht auch bis in unseren Garten. und bei ihnen dürfen die Bienen so viel Honig behalten, wie sie brauchen, es gibt kein Zuckerwasser. Das bedeutet zwar auch, dass sie mal keinen Honig haben, aber das ist auch okay, wie ich finde. Ein Glas kostet 4 Euro.
    Vielen Dank für deinen ausführlichen Artikel.
    Vor einiger Zeit habe ich eine Reportage zu Bienen gesehen. Die war sehr aufschlussreich und beängstigend zugleich. "Bitterer Honig" hieß die glaube ich.
    LG von TAC

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  6. Wenn ich so etwas lesen, muss ich immer an das Zitat von Albert Einstein denken: "Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr."
    Bei uns in der Gegend wurden in den letzten Monaten einige Bienenvölker sogar gestohlen.
    Danke, dass Du dieses wichtige Thema hier angeschnitten hast!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Ganz lieben Dank für diesen schönen und wundervollen Bericht. Wir essen seit Jahren einheimischen Honig eines Bekannten und als Mitbringsel immer wunderbar bei Besuchen.
    Da ich die landwirtschaftliche Bäuerinnenschulbe besuche, ist die Landwirtschaft und das ganze Ökosystem von zentraler Bedeutung. Da ich gerne das Diplom in 2 Jahren als Bäuerin machen möchte, muss ich eine Diplomarbeit schreiben. Schon lange schwirrt mir die Idee im Kopf, dass ich einen Imkerkurs machen könnte. Hier in meiner Gegend gibt es einen Verein und ich wäre im ersten Imkerjahr nicht alleine, ich würde mit einem erfahrenen Imker zusammenarbeiten. Da es aber hier noch familiäre Hürden zu besteigen gibt, wird sich mein Wunsch noch etwas in die Zukunft ziehen, doch mein Garten ist schon mal sehr Bienenfreundlich angelegt und ich versuche meinem Mann die Blumen- und Artenvielfalt der Wiesen wieder schmackhafter zu machen. Das Nahrungsangebot für Bienen ist ja im Frühling gross-> Löwenzahn und Obstbäume, doch danach ist oft Schluss, da die Wiesen kaum noch andere Blumen spriessen lassen.-> ein Phänomen der Düngung mit Mist und Gülle.
    Dein Bericht hat mich weiter einen Schritt in diese Richtung bestärkt, ganz vielen Dank!!
    Einen schönen und möglichst kühlen Sonntag, herzlich Rita

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  8. Ein toller Bericht, mit erstklassigen Fotos.
    Den Honig der großen Firmen kaufe ich schon lange nicht mehr, ich will lieber die Imker im Land unterstützen. Und meine Supermarktkette verkauft tatsächlich einen Honig aus der Gegend. Teurer und sehr schmackhaft. Aber das ist es mir allemal Wert.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  9. Wow, die Nahaufnahmen der Bienen sind großartig!! Ich wusste, dass die Bienen in Gefahr sind und auch was das für die Natur bedeutet, aber dass es Länder gibt in denen sie bereits ausgestorben sind und dass die USA dazugehören, das wusste ich nicht und das schockt mich ehrlich gesagt auch! Wir kaufen auch nur Honig vom lokalen Imker. Und jetzt mit noch größerer Überzeugung! Danke für den tollen Bericht!

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  10. Du fasst das alles sehr gut zusammen... Was könnten Gärten und ihre Gärtner leisten, ihre Fläche in D übersteigt die der NSG!, wenn manche (oder eher viele...) Gärtner ihren Kopf nicht nur zum Garten stylen und Garten putzen und "Schädlinge" vergiften, sondern auch zum ökologischen Denken und vor allem Handeln benutzen würden... Aber der (Bau)markt spricht eine andere, viel zu laute Sprache. Und ahnungslos kaufen die Leute ein... Wenn du Zeit hast, ich hab heut' passend zum Thema auch einen Post zum Schulgarten geschrieben, aber vielleicht hast du ihn auch gleich gelesen. Herzliche Grüße und Danke für deinen Post - er passt prima in den Zusammenhang! Ghislana

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  11. Liebe Katja
    Herzlichen Dank für deinen spannenden Beitrag über Bienen. Den verlinke ich gerne auf meinem BiOeko Blog, wenn es für Dich okay ist. Neben dem spannenden und interessannten Bericht sind deine Fotos wie immer wunderschön. DANKE!
    liebe Grüsse Paula

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  12. Das müssen wir auch nicht ... überlegen wo wir unseren Honig kaufen: beim Schwiegervater, der Hobbyimker ist. Und noch ein ganz toller dazu. Schöner Beitrag finden wir Bienen- und Honigliebhaber!

    Herzlichst,
    Steph

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!