Sonntag, 26. April 2015

Im Reich des kleinen Wassermanns.

Nachdem ich euch schon von dem blühenden Kirschbaummeer und dem Schloß kurz hinter Erlangen in Atzelsberg erzählt habe, nehme ich euch heute mit in den nördlich des Weilers gelegenen Wald. Während man heute Baumaterial über die ganze Welt verschifft und es oft nicht exotisch genug sein kann, wurden früher selbst die Schlösser auf dem Land aus den Materialien gebaut, die es vorort reichlich gab. In der Gegend rund um Nürnberg, Fürth und Erlangen ist es der rote Sandstein, aus dem die meisten Gebäude errichtet wurden und dessen Abbau überall deutliche Spuren hinterlassen hat. Ob im Fürther Stadtwald, in der Schwarzachschlucht oder am Schmausenbuck, der heute den Nürnberger Tiergarten beherbergt - der Sandsteinabbau prägte die Topografie einer Landschaft deutlich mit, die sich die Natur im letzten Jahrhundert Stück für Stück wieder zurückerobert hat. In Atzelsberg musste man die Steine auch gar nicht weit transportieren, denn diese wurden direkt im angrenzenden Wald abgebaut und die Relikte aus dieser Zeit bilden heute zusammen mit den natürlichen Sandsteinfelsen trutzige und von Wind und Wetter gegerbte, geformte und vernarbte Wegzeichen, die so ungewohnliche Formen angenommen haben, dass man sie einfach anfassen, besitzen und "bespielen" muss...







Durch den Weiler Atzelsberg hindurch geht es entlang der kleinen Straße ein Stückchen bergab, wo in einer Linkskurve der mit einem Schlagbaum für Fahrzeuge abgesperrte Waldweg nach rechts abzweigt. Schon nach kurzem Fußmarsch erhebt sich rechts ein hoher Sandsteinfelsen mit glatten Bruchwänden wie eine Kanzel, der als  Sitzplatz so einladend ist, dass man einfach nicht nein sagen kann. Nur ein kurzes Stück weiter ragt ein schlafender Drache aus dem mit Buschwindröschen übersäten Waldboden, über dessen Rücken man in einer Rinne Stein kullern lassen kann.
Müsste ich einen Platz aussuchen für einen Gottesdienst in freier Natur, dann würde ich wohl diesen Platz vorschlagen.





Und wo wohnt jetzt der kleine Wassermann? Sicher kennt ihr alle das wunderschöne Kinderbuch von Otfried Preußler aus dem Jahr 1956 über den kleinen Wassermann mit dem grünen Haar, der in einem Weiher lebt und dort zusammen mit dem Karpfen Cyprinus und seinen anderen Freunden Abenteuer erlebt. "Der kleine Wassermann" ist eines der liebsten Bücher aus meiner eigenen Kinderzeit und ich habe es viele Male gelesen und vorgelesen. In meiner Phantasie habe ich mir damals in Ergänzung zu den wunderbaren Illustrationen von Winnie Gebhardt-Gayler das Haus des kleinen Wassermanns und die Unterwasserwelt, die er jeden Tag erkundete so genau vorgestellt und sie mir bis ins Detail ausgemalt, dass ich selbst heute noch manchmal nachts davon träume auf dem Karpfen Cyprinus durch Unterwasserzauberlandschaften zu reiten und mich sehr vor dem unheimlichen Neunauge fürchte.



Und dann stand ich auf einmal vor dem kleinen Weiher im Wald unterhalb der Sandsteinfelsen und schaute direkt in das Reich des kleinen Wassermanns hinein, wie ich es mir seit Jahrzehnten in meiner Phantasie ausgemalt hatte. Zwar fehlt die Mühle und es gibt einen dichten Wald ringsherum, aber der Weiher ist umkränzt von Buschwindröschen und Veilchen und die verwunschene Welt aus hellgrünen Algen und überwuchertem Holz, die liegt dort unten unter dem sich spiegelnden Wald auf dem Grund des Sees... [Sic]





Habt ihr auch schon mal Orte aus Büchern wiedergefunden? Mir passiert das bisweilen.

Mehr Ausflugsziele in der Fränkischen Schweiz findet ihr > hier.

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Grünzeug bei den Naturkindern
Der kleine Wassermann, Otfried Preußler, magische Unterwasserwelt, Drachenfelsen, Sandsteinabbau, Atzelsberg, Fränkische Schweiz, Ausflugsziele Fränkische Schweiz

Kommentare:

  1. Habt Ihr auch Neunauge entdecken können, Katja?! Denn obwohl die Sonne auf Deinen Bilder wunderbar scheint, mutet der stille Weiher etwas unheimlich an. Vielen Dank für das Mitnehmen an diesen verzauberten Ort und in das Abtauchen in alte Kinderbücher. Und ja, Katja, ich finde ständig Orte meiner erlesenen Bücherwelt.. alleine schon Buschwindröschen lassen mich Mama Muh vor meinen inneren Auge stehen sehen.. grins!! Lieben Gruß zu Dir, Nicole

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  2. eine wunderschöne Bilderbuchreise hast du erzählt. Ich entdecke auch oft Steins-gestalten die mich an Fabel- und Buchwesen erinnern. Die Natur ist da ein großer Meister!!
    Ps. Vor vier Wochen habe ich in einem Secound-hand-laden < kleine Hexe< wiedergetrofffen und sie musste mit ::))
    einen schönen Sonntag wünscht
    heiDE

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  3. Hach...ist das schön dort! Deine Bilder geben die Stimmung sehr genau wieder, wie ich finde. Für mich macht der Weiher einen sehr friedlichen, versöhnlichen Eindruck und die Steine strahlen eine große Ruhe aus. Ich habe mal im Riesengebirge gedacht...hier muss Heidi wohnen...;-). Und wenn ich als Kind auf einer großen bunten Wiese gelegen habe, dann habe ich nach der Ameise Ferdinand Ausschau gehalten...der Hauptperson eines meiner absoluten Lieblingskinderbücher. LG Lotta.

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  4. Ja, absolut, das könnte des kleinen Wassermanns Teich sein! So schön! Witzig, dass wir auch so eine Stelle haben, die aus einem Buch von Otfried Preußler stammt. Ein Waldstück heißt bei uns im Familienslang: der Worlitzer Wald und der dort befindliche Teich, der Rabenteich. Familienfremde gucken immer leicht irritiert, wenn wir von der Hunderunde in den Worlitzer Wäldern berichten ;-) (NIcht jeder kennt den "Hörbe")
    Liebe Grüße
    Andrea Bahrig

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  5. wunderschön!!!
    und oh ja: ich war gerade an einem bullerbü-ort! ein paar bilder zeige ich demnächst davon.
    liebe grüße, mano

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  6. Ja klar, da kommt er gleich aus dem Wasser gesprungen. Die Geschichte habe ich auch sehr geliebt und toll, dass du sein Zuhause gefunden hast. Verrate bloß keinem wo es ist!
    Liebe Grüße, Dani

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  7. der kleine wassermann – für mich einer der großen buchschätze zum kindermal- und -zeichenimpulse finden. wie schön, dass du sein zuhause sogar fotografisch festgehalten hast. eine wundervoll verwunschene gegend.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!