Sonntag, 12. April 2015

Gibidum.

Gestern habe ich mit einer Orchidee Musik gemacht. Wie es dazu kam und was es damit auf sich hat, das werde ich euch bei anderer Gelegenheit noch ausführlich erklären, aber unter anderem hat mich diese Erfahrung auf ein Thema zurückgebracht, das mich vorletzten Sommer in der Schweiz sehr beschäftigt hat. Vielleicht erinnert ihr euch noch an mein Erlebnis absoluter Seligkeit am Rhônegletscher, das mich völlig unvorbereitet getroffen hat und das Gefühl großer Beklemmung und Last wie von tausend Tonnen Blei auf der Grimsel-Passhöhe. Damals habe ich Vermutungen über die Gründe angestellt, aber ich konnte es mir nicht wirklich erklären.
Einen eventuellen Grund dafür lieferte mir Gestern der Mann mit der Orchidee. Jetzt werde ich mich schlauer machen und dann... komme ich darauf zurück. Beim Nachdenken über die Wirkung von Orten auf mich fiel mir aber ein Ort ein, den ich damals im Wallis auch besucht, aber über den ich nicht geschrieben habe. Warum? Vielleicht, weil er genau zwischen den beiden anderen Erlebnissen lag und sehr ambivalente Gefühle in mir ausgelöst hat - der Stausee Gibidum oberhalb von Blatten bei Naters. Aber von Anfang. Vom Ort aus folgten wir mit Katzenbegleitung erst mal der Straße immer bergauf...







.. bis wir den Stausee Gibidum erreichten. Der Stausee ist nach dem Berg Gibidum benannt, einem 2.317m hoher Gipfel im Kanton Wallis. Er wird vom Aletschgletscher gespeist, dem größten Gletscher der Alpen, ist bis zu 104 Meter tief und fliesst bei Hochwasser durch die Massaschlucht ab, die nach sechseinhalb Kilometern in Ried-Mörel endet. In den Sommermonaten liegt die Massaschlucht seit dem Staudammbau 1967 fast trocken, da das Wasser zur Stromgewinnung durch den Berg nach Bitsch in ein Kraftwerk geleitet wird.
Vor annähernd vierzig Jahren bin ich als Kind mit meiner Familie durch die Massaschlucht unterhalb der Staumauer gewandert und kann mich noch daran erinnern, wie beeindruckend schön die Wildheit der Schlucht schon damals für mich war und wie unglaublich beängstigend diese Betonwand von unten aussieht, die so unglaubliche Wassermassen zurückhält.



Ähnlich zwiespältige Gefühle befielen mich auch viele Jahre später wieder, als wir nach dem Aufstieg aus Blatten oberhalb der Staumauer ankamen. Blickt man auf eine solche Staumauer, scheint es an Wahnsinn zu grenzen, solche Eingriffe in die Natur vorzunehmen. Auf der einen Seite wirkt der aufgestaute See fast idyllisch eingebettet zwischen die Berghänge und ist doch ein von Menschenhand geschaffenes Werk zu ihren Zwecken, das seine Folgen jenseits der unglaublichen Mauer offenbart, die die Landschaft wie mit einem gewaltsamen Spatenstich teilt - ein vormals lebendiger Bach, der sich mit stetiger Kraft über Jahrmillionen tief in die Berge gegraben hat, wird samt dem in ihm befindlichen Leben geopfert, um Energie zu gewinnen für die Menschen, deren Bedarf daran immer noch größer und größer und größer wird.


Beim Herunterklettern der windigen Stahlstiege auf die Staumauer zitterten mir gehörig die Knie und eine solche Mauer zu betreten, löst doch beklemmende Gefühle bei mir aus. Sicherlich eine Meisterleistung der Ingenieurskunst und doch bleibt ein diffus ungutes Gefühl, ob das denn wirklich halten kann. Einerseits ist der Anblick des Stausees zwischen den Bergen beeindruckend schön, andererseits konnte ich mich beim Blick die Betonwand hinab eines Gefühls der Scham nicht erwehren, dass wir die Natur so vergewaltigen. Ein gefühlsmäßiger Zwiespalt und mit zwiespältigen Gefühlen bin ich von dort auch wieder aufgebrochen.




Der Weg zurück nach Blatten führte uns durch den schönen Wald parallel zur Schlucht und erst dort begann ich wieder,  mich entspannter zu fühlen, weniger hin- und hergerissen. Im schattigen Wald fiel - wie meistens - der Grübelmodus von von mir ab und ich konnte den Weg hinunter ins Dorf genießen. Was nachhaltig blieb, war der Zwiespalt zwischen der einerseits umweltfreundlichen, da regenerativen Energiegewinnung und andererseits den Folgen der enormen Eingriffe in die Natur, die dafür nötig sind - sowohl bei der Wasserkraft-, als auch bei der Windkraftnutzung.




... und ja, das mit der Orchidee, das erzähle ich noch, wenn es soweit ist. :-)
Stausee Gibidum, Wallis, Blatten, Stauseen in den Alpen, Aletsch Gletscher, Massaschlucht, Wasserkraft, regenerative Energiegewinnung

Kommentare:

  1. Das sind wieder so berauschende Aufnahmen, Kompliment!

    Das Gefühl, welches Du bezüglich der Staumauer beschreibst, kenne ich auch.
    Einerseits Staunen, andererseits ein schlechtes Gewissen und der Gedanke, dass sich die Natur irgendwann wieder dafür rächen wird - und wir letztendlich doch nur winzig kleine Würmchen sind gegenüber den Naturgewalten...

    Liebe Grüße,
    Papagena

    ...die schon gespannt auf die Orchideen-Geschichte wartet!

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  2. so nachvollziehbar, diese ambivalenz. und oft denke ich: gut, wenn man diese zwiespältigen gefühle kennt, das bedeutet, dass man die schattierungen noch sieht und noch nicht zum graublinden schwarz-weiß-denker verflacht ist. das schätze ich grundsätzlich sehr. und entsprechend gern lese ich auch bei dir.

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  3. Wow, die Bilder sind dir wieder sehr gelungen. Die Farbe des Wassers....herrlich!
    Und doch kann ich deine Gedanken nachvollziehen, denn mir erging es auch schon einmal so. Da steht man mit offenem Mund vor der Staumauer und staunt. Gleichzeitig hat man ein schlechtes Gewissen, da man die Auswirkungen des Baus zum Teil sehr an der Natur gesehen hat.
    Liebe Grüße
    Anette

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  4. *schmelz* sind das wieder herrliche Bilder aus dem wunderschönen Wallis. Ich kann mich gut errinnern, als ich mit meinem Vater am Fuss der zweithöchsten Staumauer der Welt, dem Grand Dixence, ebenfalls im Wallis gestanden bin. Als wir oben waren, erzählte er mir, wieviele Bauarbeiter in dieser Mauer einbetoniert sind. Arbeitsunfälle......fällt einer rein, dann sinkt er im Beton so schnell ab, dass eine Rettung fast aussichtslos war. Ich war damals etwa 10 und es lief nir eiskalt über den Rücken.
    Lg Carmen

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  5. Da sieht man es mal wieder...auch umweltfreundliche Energiegewinnung hat ihre zwei Seiten...wobei man den Begriff "umweltfreundlich" auch noch mal näher unter die Lupe nehmen sollte...Welche Energiegewinnung ist jetzt eigentlich WIRKLICH umweltfreundlich...? Also die Windkrafträder sind es jedenfalls auch nicht...Aber so ganz ohne Energie geht es nicht ;-). Ich freue mich schon auf die Fortsetzung deiner Erzählung. LG Lotta.

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  6. Dieses leichte Gruseln vor der Staumauer und die Geschichten, die sich im Kopf abspulen, angesichts von geflutetem Natur- und Kulturraum. Aber ein Atomkraftwerk würde ich dort im Tal auch nicht gerne stehen sehen. Was wir alles für unsere Energiegier opfern...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Wow sind das tolle Bilder und wow bei dieser Staumauer. wunderschön eingefangen Bilder und Momente.
    Liebe Grüße
    anja

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  8. ich kann deine zwiespältigen gefühle ganz gut nachvollziehen. wenn ich durch die gegend rund um magdeburg fahre und ein riesiges windräderfeld nach dem nächsten kommt, geht es mir ähnlich. aber ich sag mir dann immer, dass alles besser ist als akw's. und denke mal wieder, dass ich selbst mehr energie sparen muss (ha, ha, wenn man nachts dort an der autobahn langfährt, sieht man reichlich einkaufszentren, möbelhäuser etc in vollster beleuchtung!!).
    übrigens hab ich im harz, der ja sehr viele staumauern hat, noch nie eine davon betreten. wahrscheinlich aufgrund der erzählungen meiner eltern, dass die edertalsperre nahe meiner heimatstadt kassel 1943 von den engländern gesprengt wurde und sich danach eine riesige flutwelle über dörfer und städte ausbreitete.
    liebe grüße, mano

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  9. Deine zwiespältigen Gefühle kann ich gut nachvollziehen. Es gibt so viele Orte, die verschandelt werden. Aber auf der anderen Seite giert die Welt nach Energie. Eine saubere Energiegewinnung gibt es leider nicht. Selbst durch die Nutzung der Geothermie in Island wird die Landschaft verschandelt. Und diese Stahltreppen bist Du runtergegangen? OMG, das hätte ich nie im Leben gemacht. Da schlottern mir schon die Knie nur vom Betrachten des Fotos. Aber sonst schüren Deine Fotos dennoch meine Vorfreude, denn dieses Jahr geht's auch ins Wallis (allerdings in den französichsprachigen Teil).
    Liebe Grüße. ;)

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  10. Liebe Katja
    Du sprichst mir mit deinem Beitrag aus dem Herzen. Ich lebe in der Schweiz und kenne unzählige Stauseen. Ich liebe deren Anblick, die Grün Nuancen des Wasser, die Wildheit und den mystischen Anblick. Aber es schwingt jedes Mal ein mulmiges Gefühl im Bauch mit und ich bin immer heilfroh wenn ich oberhalb des Stausees bin und nicht unterhalb.
    Liebe Grüsse Paula

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  11. Wow, das ist eine wunderschöne Natur und sooo schöne Bilder. Da wäre ich auch gerne mal. Die Stauseemauern wirken jedoch auch auf mich beängstigend und es gibt einem zu denken, ob das alles so richtig ist, was wir Menschen mit der Natur anstellen. Ich wohne im Norden von Deutschland und da haben wir nicht so eine bergige Landschaft.
    Liebe Grüße
    Diana

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  12. Tolle Bilder hast du da gemacht! Und auch ich finde es immer wieder faszinierend, aber auch erschreckend wie der Mensch in die Natur eingreift. Vielen Dank, dass du deine Gedanken mit uns geteilt hast. Liebe Grüße, Judith von "Mach mal"

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  13. In Frankreich sahen wir einen Stausee, dessen Wassermassen nicht ausgereicht hatten, die im Wasser untergegangenen Dörfer vollständig zu bedecken. Eine Handvoll von Ruinen alter Feldsteinhäuser lag "romantisch" am Wasserrand. Und mich durchfuhr auf einmal der Gedanke, wie es wohl ehemaligen umgesiedelten Familien gehen mag, die das sehen... Mir fällt immer Gandhi ein, es ist genug für alle da, aber nicht für eines jeden Gier... Lieben Gruß Ghislana (ich bin auch gespannt auf die Orchideengeschichte...)

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  14. Die Bilder sind einfach traumhaft schön. Ja, gestern sind wir auch an Fürth vorbeigefahren, es ist doch oft so, das man die eigenen "Sehenswürdigkeiten" nicht so schätz...
    Grüße
    Steph

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  15. wunderschöne bilder! und doch - sehr gut kann ich die ambivalenten gefühle nachvollziehen. am silvrettastausee geht es mir jedesmal ähnlich...
    liebe grüße
    dania

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!