Samstag, 28. März 2015

In heaven No. 158 - Bessermenschen

Wenn einhundertfünfzig Menschen bei einer Naturkatastrophe sterben, macht mich das betroffen. Wenn einhundertfünfzig Menschen bei einem Unfall sterben, macht mich das betroffener. Wenn einhundertfünfzig Menschen womöglich sogar einem Homizid-Suizid zum Opfer gefallen sind, trifft mich das noch um ein vielfaches mehr. Es macht mich betroffener, wenn Kinder sterben, als wenn es Erwachsene sind. Es macht mich betroffener, wenn hundertfünfzig Menschen bei einem Flugzeugunglück in Europa sterben, als bei einem in Asien. Es macht mich betroffener, wenn ich die Städte des Start- und Zielflughafens auch schon besucht habe, auf der Strecke oder mit dieser Fluggesellschaft auch schon geflogen bin, als wenn das nicht so wäre. Einhundertfünfzig bei einem Flugzeugunglück in Frankreich getötete Menschen, von denen viele Deutsche, darunter viele Kinder waren, treffen mich emotional mehr, als einhundertfünfzig an Ebola gestorbene Afrikaner, oder einhundertfünfzig Kriegsopfer im Nahen Osten. Und ich schäme mich kein bisschen dafür.

Es ist noch nicht lange her, da fragte mich jemand, ob es Dinge im Netz gäbe, die mich so richtig grillig machen würden. Ja, es gibt eine Sache, absehen von unhöflichem, respektlosem Benehmen, die mich mehr als grillig macht, die mich sogar stinkwütend macht: Zeigefingerakrobaten*. Selbsternannte Bessermenschen, die meinen, sie hätten die ultimative Wahrheit und Moral gepachtet und müssten andere permanent darüber belehren, wie sie zu fühlen, zu glauben, zu essen, zu trauern und sich generell moralisch richtig zu verhalten hätten. Menschen mit übersteigertem moralischem Sendungsbewusstsein, die sich selbst als systemkritisch bezeichnen und für ethisch höher entwickelt halten, denen aber jegliche Toleranz und Empathie für Andersdenkende, Andersglaubende und Andersfühlende abgeht und die der irrigen Meinung unterliegen, sie könnten die absolute Wahrheit, vor allem im ethischen Bereich, für sich beanspruchen. 
Momentan sind das für mich vor allem diejenigen, die von dem Flugzeugunglück in Frankreich zutiefst Betroffene als Betroffenheitsheuchler bezeichnen, wo doch täglich weltweit tausende Kinder verhungern, tausende Menschen in Kriegsgebieten und im Straßenverkehr getötet werden, ohne dass man deren Familien sein Mitgefühl aussprechen würde. Als gäbe es ein ultimatives, unumstößliches Betroffenheitsranking*, das sich ausschließlich auf die Zahl der Toten gründet und woraus sich auf den gefälligst aufzubringenden Betroffenheitsumfang schließen ließe. Wenn ich diese Kommentare in Medien wie der taz und unter fast jedem Presseartikel und Social Media-Beitrag zum Flugzeugunglück lese, dann werde ich nicht nur grillig, sondern mir wird schlecht von so viel Überheblichkeit.

Würde sich jeder Mensch von jedem Tod auf dieser Welt in gleichem Maße betroffen fühlen, dann wäre die Menschheit schon lange an den Folgen kollektiver Depression ausgestorben. Die Genetik hat es deshalb aus gutem Grund so eingerichtet, dass wir emotional selektiv fühlen und betroffen sind, je näher uns Menschen stehen, je näher uns ein Ereignis faktisch und räumlich ist und je wahrscheinlicher es ist, dass uns und den Menschen die wir lieben theoretisch etwas Ähnliches zustoßen könnte. 
Dass einem der Tod eines Kindes "näher" geht als der eines Erwachsenen, der eines Familienmitglieds näher als der eines Freundes und dieser näher als der eines Nachbarn, jener wiederum näher als der eines Menschen aus der selben Stadt, dieser näher als der eines Menschen am anderen Ende Deutschlands, dieser näher als der Tod eines anderen Europäers und der Tod eines Europäers näher als der eines Menschen auf einem anderen Kontinent hat nichts damit zu tun, das man das Leben des einen Menschen für wertvoller hält als das eines anderen, sondern einfach damit, dass er einem in unterschiedlichen Aspekten "näher" ist. 
Wo es über Jahrmillionen überlebensnotwendig war, die eigenen Sippe zu beschützen und für deren Überleben, Wohlergehen und Fortbestand zu sorgen, war es auch schon immer überlebensnotwendig, sich dafür den Menschen im eigenen engen und weiteren Umfeld emotional viel näher zu fühlen als Wildfremden. Dass dieses Gefühl der emotionalen Erschütterbarkeit mit der geografischen Distanz ebenso abnimmt wie mit sich reduzierenden gemeinsamen Schnittmengen, ist völlig natürlich und auch wichtig, um das eigene emotionale Überleben zu sichern. Fakten und Berichterstattung sind im besten Fall objektiv, Gefühle und Betroffenheit sind das niemals, können das niemals sein.
Wer fordert, das Maß der Betroffenheit müsse sich allein proportional zu der Menge der Opfer entwickeln, um moralisch zulässig und tadellos zu sein, der hat meiner Meinung nach weder das Wesen von Moral und Ethik, noch die Funktionsweise von Emotionen, Empathie und auch nicht den Mensch an sich verstanden.

Ein wegen kritischer Äußerungen zu Folter und jahrzehntelanger Haft verurteilter saudischer Blogger, der dreifacher Vater ist, macht mich betroffener als ein zu gleicher Strafe verurteilter  saudischer Dieb, der keine Kinder hat. Weil ich für das Recht auf freie Meinungsäußerung eintrete, weil ich Bloggerin und Mutter bin.
Die Vorstellung des Leids der Eltern, die ihre Kinder bei diesem grausamen Flugzeugunglück in Frankreich verloren haben, nimmt mich mehr mit als die Vorstellung des Leids der Menschen, die einen Freund bei einem Flugzeugunglück in Asien verloren haben... weil mir Deutschland und Europa näher sind als Asien und ich noch nie in Asien war... weil ich als Mutter weiß, dass der Tod eines Kindes das größte vorstellbare Leid ist, das Eltern wiederfahren kann... weil ich selbst mehrfach in Barcelona war, in den französischen Alpen und in Düsseldorf... weil ich auch schon mit dieser Fluglinie durch Europa geflogen bin... weil ich selbst schon einen Notfall-Sinkflug mit Todesangst erleben musste... weil ich selbst in der Schule einen Spanischkurs belegt hatte... weil die Schule meines Sohnes auch Schüleraustausch mit europäischen Partnerstädten betreibt... weil es auch mein Sohn hätte sein können, wäre er ein paar Jahre älter... und weil ich vor einigen Jahren das unvorstellbare Leid einer Mutter hautnah erleben musste, die sich nach einem Autounfall über ihre drei toten Kinder warf. Diesen unheimlichen Schrei des tiefsten, dunkelsten, maximal möglichen Leids vergisst man sein ganzes Leben lang nicht mehr, vor allem nicht, wenn man selbst Kinder hat.
Weil ich unterschiedlich viele und große Schnittmengen und emotionale Berührungspunkte mit anderen Menschen habe, berührt mich ihr Leid auch mehr oder weniger und deshalb erlaube ich mir auch, vom Leid und Tod des einen betroffeer zu sein als von dem eines anderen, ohne den Wert des einen Lebens höher zu stellen, als den eines anderen.
Wer meint, sich darüber moralisch erheben zu müssen, muß sich meinen Vorwurf der empathielosen Arroganz gefallen lassen.

Meine Gedanken sind in diesen Tagen bei all den Eltern, deren Kinder nie mehr nach Hause kommen werden, bei all den Kindern, die ihre Eltern nie mehr wiedersehen werden und bei all den Brüdern, Schwestern, Großeltern, Enkeln und Freunden der Opfer.  May they rest in heaven.
Meine Gedanken sind auch bei den Bergungsmannschaften, den vielen Helfern vorort, den Gerichtsmedizinern und psychologischen Betreuern, deren Arbeit so unverzichtbar wie emotional belastend ist.
Meine Gedanken sind auch bei meinem Vater, der heute vor zwei Jahren starb und wenigstens davor 78 Jahre lang ein Leben leben durfte.

*Ein Dank an den Journalisten Michael Hufnagl für die Begriffe "Zeigefingerakrobaten" und "Betroffenheitsranking", die aus seinem bemerkenswerten Artikel "Das Monster der Betroffenheit" stammen, über den ich bei der Recherche für meinen heutigen Post zu diesem Thema gestolpert bin.

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe. 
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel, seine Gedanken und den entsprechenden Post hier zu verlinken.

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Betroffenheitsranking, Zeigefingerakrobaten, Bessermenschen, Moralapostel, erhobener Zeigefinger, Muß man jeden Tod in gleichem Maße beklagen? Flugzeugabsturz & Betroffenheit, Germanwings Flug 4U9525

Kommentare:

  1. Liebe Raumfee, alles, was ich am Anfang des Textes dachte, hast du in einem späteren Teil behandelt... Die Empathie mit den "Nächsten", die "Sippe", die Kinder (unsere Zukunft und gleichzeitig oft die hilflosesten Mitglieder der Gesellschaft)... So bleibt mir nur zu sagen: ja, genau. Es ist einfach nur Menschlich und Mitfühlend und das sind doch wirklich nicht die schlechtesten Eigenschaften! Mit der Trauer geht jeder anders um... Einige werden wohl vor lauter Hilflosigkeit auch patzig, haben Mühe, Ihre Gefühle und diejenigen anderer Leute einzuordnen. Andere können etwas durchs Schreiben verarbeiten und vielleicht erst richtig erfassen. Wieder andere (da bin ich meistens dabei...) sind einfach nur sprachlos. Traurige Grüsse, Miuh

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  2. Mir fehlen die Worte, weil dem nichts hinzuzufügen ist!
    Gros bisou
    Sandra

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  3. Liebe Katja,
    der Text ist perfekt! Nur Schade, dass es überhaupt nötigt ist ihn zu verfassen. Wie Du so schön geschrieben hast, denkt und fühlt jeder anders und so sollte auch jeder das Recht habe sich dazu zu äußern ohne danach eine ellenlange Begründung abgeben zu müssen! Die "Zeigefingerakrobaten" wie Du sie sehr passend nennst sind die, die sich mal hinterfragen sollten, wo ihre MENSCHLICHKEIT geblieben ist?!? Meine Mutter reagierte auf das Flugzeugunglück auch sehr emotional, sie gehört auch zu denjenigen die sehr empatische auf Unglücke reagiert. Dabei ist es egal ob der Absturz wie jetzt in Frankreich passiert oder ob ein Flugzeug in Asien abstürzt. Sie nimmt es sich immer sehr zu Herzen. Ich ticke da etwas, ich nenn es mal, rationaler. Mich macht das auch alles sehr betroffen und es macht mich sprachlos, was bei den Ermittlungen ans Tageslicht kommt. Aber bei meiner Mutter habe ich das Gefühl es überwältigt sie teilweise und das wiederum macht mir ein bisschen Angst, grade weil sie es sich so zu Herzen nimmt. Aber nichts desto trotz finde ich es schade, dass man sich heutzutage rechtfertigen muss, warum man betroffen ist! Ich denke das sollte jeder für sich ausmachen dürfen!
    Lieben Gruß
    Steffi

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  4. Danke für diesen großartigen Artikel.
    Judika

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  5. Wiedereinmal schaffst Du es meine Gefühle in Worte zu kleiden. Hab' Dank dafür, liebe Katja. Herzlichst, Nicole

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  6. Servus Katja!
    Ich kann deinen Worten nichts hinzufügen, du hast alles schon gesagt. Ich kann mich ihnen nur anschließen.
    Liebe Grüße
    ELFi

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  7. Deinem Post ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen..."Die Genetik hat es...so eingerichtet, dass wir...betroffen sind, je näher ...uns ein Ereignis faktisch und räumlich ist...". Genauso ist es! Und es macht Sinn, denn wir können nun mal an dem Ort, an dem wir leben, wesentlich mehr bewegen und verändern als an einem Ort, der tausende Kilometer von uns entfernt liegt. Allein von Beleidsbekundungen ist die Welt noch nicht besser geworden, d. h. ich werde erst einmal nichts am massenhaften Kindersterben in Afrika ändern können, bloss weil ich beileidige Worte formuliere und darauf hinweise, dass es sich dort um eine wesentlich größere Zahl handelt als um die Kinder, die hier beim Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Das ist absurd. Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass sich in der Welt nur dann etwas zum Guten wendet, wenn jedes Volk in seinem Land versucht, seine Probleme zu lösen, für die Menschen lebenswürdige Umstände zu schaffen und für seine Kinder eine hoffnungsvolle Zukunft zu gestalten. Leider scheint so manche Regierung oder so mancher Machthaber keinerlei Empathie mehr für das eigene Volk zu entwickeln...doch daran können wir tausend Kilometer entfernt nichts ändern, zumindest nicht mit hohlen Bessermenschen-Phrasen...Ich bin auch zutiefst betroffen von diesem so sinnlosen Flugzeugabsturz...gerade weil ich Kinder im Alter der Kinder habe, die bei diesem Absturz ums Leben gekommen sind und ich zumindest eine Ahnung bekomme, wie es den Angehörigen jetzt geht und wie sehr es schmerzt, wenn man sterben muss, wenn eigentlich das Leben noch vor einem liegt.
    Es ist ein Trost, wenn man weiß, der Mensch, der da gestorben ist, hat viele erfüllte Jahre erleben dürfen...Trotzdem wird der heutige Tag ein trauriger...zumindest sehr nachdenkliche Tag für dich werden. Ich denke an dich! Liebe Grüße.

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  8. Ein langer Post, der meine Gefühle dermaßen ausdrückt...
    Andrea

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  9. danke für deine Worte, denen ich zu 100% zustimmen kann.
    Meine Gedanken sind aber auch bei den Angehörigen, vor allem der Mutter des Kopiloten, denn was die jetzt sicher durchmachen müssen, kann man sich noch weniger vorstellen.
    lg

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  10. Hallo Katja,
    ähnliches Thema hatte auch mein post gestern, aber Du kannst das soooo toll in Worte fassen - ganz toll.
    liebe Grüße von Petra

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    1. Danke für den Hinweis. Auf das mit den Verschwörungstheorien bin ich gar nicht genauer eingegangen, weil da vieles so haarsträubend ist, dass es einem die Zehennägel aufrollt. Da werden Fotos eines völlig Unbeteiligten als Andreas L. veröffentlicht und er als Massenmörder betitelt, da verbreiten amerikanischer "News-Sites" die Meldung "aus sicheren Quellen", der Copilot wäre zum Islam konvertiert und es wäre ein deutsches 9/11, woraufhin sich Tausende nicht entblöden zu kommentieren, das wäre doch klar gewesen und man müsse diese Religion ein für allemal ausrotten, da belagern "Journalisten" das Wohnhaus der Eltern des Copiloten, die Schule in Haltern, die Häuser der Opferfamilien und bieten 75 € für Interviews. Das ist alles bodenlos, pietätlos, respektlos, unprofessionell und man könnte sich den ganzen Tag fremdschämen.
      An diesen ganzen Spekulationen um Motive und Hintergründe möchte ich mich nicht beteiligen - das ist einzig Sache der Ermittler.

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  11. Danke!

    Du hast hast alles geschrieben, was es dazu, und zu anderen Bereichen des Lebens, des zwischenmenschlichen Miteinanders, zu schreiben gibt.

    Viele Grüße und ein stiller Händedruck für dich,
    Antje

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  12. Vielen Dank für deinen bewegenden, klärenden und ehrlichen Post. Du hast mir mal wieder meine Gedanken in Worte gefasst, ich bin eher in meinen Beiträgen wortreduziert. Danke auch für den Link zu dem tollen Autor Michael Hufnagl, den ich bisher noch nicht kannte. Deine und auch seine Meinung und Sichtweise auf Menschlichkeit, Trauer, Empathie und den all-täglichen Umgangston entsprechen genau meiner Meinung und Verständnis von Menschenwürde.
    Einen guten Gedenktag an deinen Vater wünsche ich dir.
    heiDE

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  13. Du hast mit sehr vielen Worten deine eigene Betroffenheit zum Ausdruck gebracht, dir offenbar etwas von der Seele geschrieben, was in dir gärte. Das ist gut so, wenn es dir hilft, und ich gebe dir in vielen Aspekten recht. Gleichzeitig diskreditierst du aber Andersdenkende, die auch ihre Meinung haben dürfen. Mit dem Satz "Wer meint, sich darüber moralisch erheben zu müssen, muß sich meinen Vorwurf der empathielosen Arroganz gefallen lassen", fällt für mein Gefühl der Vorwurf der Arroganz auf dich zurück.
    Elke
    _____________________________
    mainzauber.de/elke

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    1. Ich lese nicht, dass Katja an irgendeiner Stelle sagt, dass sie jemandem zum Vorwurf macht, wenn ihn die grassierende Ebola-Seuche persönlich mehr betrifft als der Absturz? Die moralische Erhebung, die sie kritisiert, besteht doch genau daran, dass man anderen ihre persönliche Gewichtung vorhält - nicht, dass man selbst eine andere hat. Ich selbst beispielsweise bin sehr viel nachhaltiger betroffen und mitgenommen von dem Ebola-Ausbruch als von diesem Flugzeugunfall und habe nach dem Lesen von Katjas Artikel nicht im Mindesten den Eindruck, dass ich ihr das nicht sagen könnte, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen, wie ich empfinde.

      Die Verstandesebene ist die eine - auf der Verstandesebene lassen sich Versuche anstellen, Verhältnismäßigkeiten zu analysieren und Gewichtungen aufzustellen. Auf der Gefühlsebene funktioniert das jedoch nicht. Wann immer Zahlen für uns zu Menschen werden, sind wir betroffen, je mehr sie es werden, desto näher geht es uns. Wann und weshalb aber diese "Umwandlung" stattfindet - das ist ein zutiefst persönlicher Prozess und hat nichts mit "Fairness" zu tun und auch nicht mit kühler Logik. Schwierig wird das nur dann, wenn man seine eigenen Parameter zu generalisieren versucht und anderen vorschreiben will, wann sie was zu empfinden haben - wobei man seine eigenen Maßstäbe zugrundelegt oder aber eben die der Ratio auf die Ebene der persönlichen Betroffenheit zu übertragen versucht, und zwar nicht nur fürs eigene Empfinden, was jeder für sich halten darf, wie er will, sondern als Maßstab für die "Richtigkeit" der Betroffenheit anderer Menschen. Das lese ich aus dem Artikel nicht heraus, und dementsprechend kann ich den Vorwurf der Arroganz hier nicht recht nachvollziehen.

      Mich hat übrigens am entsetzlichsten die Erwähnung der Mutter mit den drei toten Kindern getroffen. Das Bild, ich weiß es jetzt schon, garantiert mir drei Wochen lang Alpträume. Weil es für mich plastischer ist als der Absturz, der mir seltsam fern bleibt. Aus ganz persönlichen gründen.

      Nachdenkliche Grüße
      Maike

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    2. Meiner Meinung nach nicht. Denn all die Kommentare, die ich gelesen habe und die sich darüber empört haben, dass man nicht gleich viel Empathie für alle Toten aufbringt und diese wenigen doch lächerlich seien im Vergleich zu den vielen anderen waren darin bar jeglicher Empathie für eben jene Toten und straften sich damit selbst Lügen - und sie gehen in ihrer Forderung an dem vorbei, was Menschen psychisch leisten können. Sie selbst übrigens auch. Es dann trotzdem zu fordern, ist arrogant.
      Selbstverständlich darf jeder seine persönlichen Gefühle haben oder auch nicht und ebenso seine persönliche Meinung, sie leben und sie auch auf seinen eigenen Kanälen äußern, teilen, verbreiten - sie jedoch den (mit)fühlenden Menschen als direkte Antwort auf deren Betroffenheit vorzuhalten, ist schlicht geschmacklos.

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    3. Danke Maike, das ist besser ergänzt, als ich das konnte. Ich werfe niemandem vor, wenn ihn andere Tote betroffener machen, weil eben jeder andere Schnittmengen mit Menschen hat - und genau das macht für mich den Unterschied.
      Allerdings wehre ich mich gegen die Forderung, alle müssten jeden gleich betroffen machen - denn das ist psychisch unmöglich und hat nichts mit Scheinheiligkeit zu tun.
      Zusätzliche Alpträume wollte ich bei niemandem verursachen, es reicht, dass es mir seit 20 Jahren welche bereitet und mit dazu beiträgt, dass mit der Tod von Kindern näher geht, als er das sicher vorher getan hat.

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    4. Ich wollte Dir nicht vorgreifen, es ploppte mir nur so rasch aus der Tastatur. Und ja, es ist psychisch unmöglich, für jedes Leid die gleiche Betroffenheit zu empfinden - dazu sind wir viel zu vernetzt, dafür ist unser Informationsradius zu beklemmend riesig geworden. Wollte man hier Gerechtigkeit walten lassen, müsste man sich augenblicklich die Kugel geben oder würde eben nahezu gar nichts mehr empfinden, für niemanden. Beides erscheint mir nicht eben wünschenswert, da lasse ich lieber die Ratio beleidigt in der Ecke schmollen. Sie darf ja ran, wenn es sinnvoll ist, aber sie muss auch wissen, wo sie sich mal raushalten muss.

      Seit 20 Jahren. Ich kann es mir gut vorstellen. Da hast Du ein tiefes Trauma mitgenommen.Manche Bilder wird man nicht mehr los. Da sind wir auch wieder bei der Ratio - davon zu hören, darüber nachdenken, oder es zu erleben, das ist einfach nicht dasselbe. Es tut mir leid, ich hoffe, Du hast so halbwegs Deinen Frieden damit gemacht - soweit es eben geht. Ab einem bestimmten Punkt hilft mir immer nur, mir klarzumachen, dass auch ich sterblich bin. Das ist der einzige Trost. So gern ich lebe, aber Unsterblichkeit finde ich nicht wünschenswert, solange man die verlieren kann, die man liebt.

      Liebe Grüße und so vielen Dank für Deine offenen und intensiven Beiträge!
      Maike

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  14. Und ich nehme mir das Recht, eben genau das zu denken: Dass kein Unterschied zwischen meinen toten Landsleuten besteht und meiner Betroffenheit darüber (und egal, wie es nun passiert ist) und den 150, die diese Woche durch Selbstmordattentate im nahen Osten sterben mussten - und meiner Betroffeneheit genau darüber auch.
    Und mit Genetik hat das meiner Meinung nach gar nichts zu tun, nur mit der empfundenen Nähe zur Lebenswelt und unserem Vorverständnis ("Hätte mir auch passieren können, war ich schon, kenn ich, kann ich mir vorstellen" versus "den orientalischen Schau-/Marktplatz habe ich noch nie besucht und täte es auch zur Zeit nicht").
    Und ich lasse mir deshalb weder Schreib- noch Mittel- oder erhobenen Zeigefinger zeigen ;-)
    Anna

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    1. Liebe Anna, wärest du von allen Toden/Toten auf der ganzen Welt in jedem Maße gleich betroffen, würdest du das nicht aushalten können. In dem Fall klappt dein Vergleich deshalb nur, weil du dich auf zwei Fälle beschränkst und dich womöglich in beide nicht komplett hineinziehen lässt. Es gab ja zusätzlich zum Flugzeugabsturz nicht nur Selbstmordattentate im Nahen Osten. Ich muss dir leider an dem Punkt widersprechen, dass es nichts mit Genetik zu tun hat. Das können Anthropologen aber besser erklären als ich - wenn ich den Artikel wiederfinde, werde ich den Link hier einfügen.

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  15. Und jedesmal sind Deine Himmelsbilder so besonders.
    Dem Text hab ich auch nichts zuzufügen, ausser vielleicht der Hoffnung, dass er den ein oder anderen erreicht.
    Oh dieser Schrei.

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  16. Hmm, da ist viel Wut in Deinem Post. Und auf der einen Seite gebe ich Dir recht: Haltern liegt bei mir um die Ecke, ich hab selbst Kinder und Enkel, ich bin Deutsche, ich bin auch schon mit der Fluglinie geflogen....ect. All das lässt mich persönlich intensiver mitfühlen, mitleiden, dem Unglück näher sein im wahrsten Sinne des Wortes.
    Was mich aber auch nachdenklich macht ist, wie in den Nachrichten jedes Detail des Unglücks drei, vier fünffach ausgewalzt, wiederholt und ein ums andere mal mit noch mehr Emotion vorgetragen wird und dann z.B. die Nachricht, dass in Nigeria 500 Frauen und Kinder entführt wurden, nicht mal einen angemessenen "Betroffenheitsraum" bekommt. Dass mir persönlich in dem Moment die Eltern in Haltern auch näherstehen, ist doch klar. Dass es aber ein unangenehmes Gefühl auch in mir weckt, dass das Schicksal der 500 in Nigeria nur mit einem mageren Satz erwähnt wird, ( das in anderen Zeiten garantiert lang und breit benachrichtigt worden wäre) finde ich auch logisch. Denn mir ist doch bewußt, dass wir uns an Leid in Krisengebieten gewöhnt haben. Das ist aber ein global-politisches Problem. Kein emotionales.
    Leid lässt sich in Wirklichkeit nicht relativieren.
    Menschen ihre Betroffenheit abzusprechen, weil woanders in der Welt auch Leid herrscht, ist einfach nur dumm. Da hast Du vollkommen Recht. Die Wahrnehmung von unangemessen "parteiischer" Berichterstattung habe ich trotzdem aber auch oft.

    So, und nun wünsche ich Dir ein friedliches, vielleicht mit einem Deiner schönen Ausflüge bestücktes Wochenende
    Herzliche Grüße von
    Lisa

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  17. Es war schon immer befremdlich für mich, wenn Freunde, Bekannte, Kollegen, auf mich zukommen und meinen sie müssten mir ihre Betroffenheit signalisieren. Dazu die Medienüberinformatisierung und deren fehlende Empathie. Das führt bei mir nur dazu, dass ich mich selber innerlich abschotte, die fremde, auf oktruierte Betroffenheit nicht an mich heranlasse und selber nicht mehr dazu finde. Nichts zu fühlen, das passt eigentlich nicht zu mir.
    Danke für deine Worte!

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  18. Liebe Katja, ich verstehe deine Sichtweise einerseits - muss aber anderseits zugeben, dass es für mich eben keinen Unterschied macht. Ich unterscheide hauptsächlich nach fremd und bekannt, wenn jemandem etwas zustößt, denn, wie du richtig schreibst: Jeden Toten auf der Welt zu betrauern würde einen in den Wahnsinn treiben. Und nähme man zum Leid der Menschen noch das der Tiere hinzu, wäre es ganz aus. Den Unterschied zwischen Blogger und Dieb mache ich auch, aber da steht für mich der Grund der Strafe im Vordergrund: Der eine hat eine kriminelle Handlung begangen, der andere nicht. Der eine trägt also eine Schuld, der andere nicht (abgesehen natürlich von der unangemessen harten Strafe auch für bloßen Diebstahl).
    Ich denke oft an Familien in Kriegsgebieten, an Kinder, die ihre Familie vor ihren eigenen Augen brutal verloren haben, an Mütter, die ihre Kinder verhungern sehen. Aber dann muss ich auch wieder emotional auf Abstand gehen, weil ich es sonst nicht aushalten kann.
    Ebenso differenziert sehe ich übrigens die Trauer um berühmte Menschen, denn auch dort habe ich oft das Gefühl, da wäre einer wichtiger gewesen als andere. Und das stimmt für mich so nicht. Für die Angehörigen fehlt dann ein lieber Begleiter. Für alle Fans hingegen ist es mehr oder weniger egal, ob der, dessen CD ich gerade einlege, irgendwo auf der Welt noch lebt oder nicht mehr.

    Und bei allem Leid, das geschieht, dürfen wir dankbar sein, dass bzw. wenn es uns nicht persönlich betrifft!

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, trotz allem!
    Regina

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  19. Ich hatte gestern schon einmal versucht, zu kommentieren, bin aber dann als "Anonym" betitelt worden, obwohl ich mich mit meinem WordPress-Account angemeldet hatte...
    Was gäbe ich darum, Ihren Post rebloggen oder auf meinem Blog online stellen zu dürfen! Sie sprechen mir mit jedem Wort so aus der Seele, vor allem, weil ich gestern im Laufe des Tages "Besuch" von so einer Art Betroffenheits-Kontrolleurin hatte, die sich genau darüber echauffierte, dass wir in unserer Anteilnahme die "wahren", "echten" Probleme dieser Welt außer acht lassen würden. Sie forderte von uns Mitgefühl, Verständnis und Empathie, und persönliches Engagement - und konnte andererseits nicht nachvollziehen, dass wir mit den Angehörigen der Absturzopfer leiden...
    Ich hoffe, diesmal bei Ihnen "landen" zu können, und wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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  20. Mich persönlich stört jede Form des sich moralisch über andere Erhebens. Und doch passiert es überall und ständig. So lange jemand mit seiner Meinung oder seinen Handlungen niemand anderes verletzt - soll doch einfach jeder machen, was er will. Ich denke immer: Die Welt wäre so viel einfacher, wenn wir alle so dächten. Aber gleichzeitig weiß ich, dass das eine sehr fromme Hoffnung ist...

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  21. Auch, wenn das Thema ein trauriges ist - ich freue mich immer wieder über deine intelligenten Beiträge, sie sind ein wirklicher Mehrwert für mich!
    Viele Grüße
    Leni

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  22. Ein wunderbarer Beitrag, der mir aus der Seele spricht.
    Herzliche Grüße, Ingrid

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  23. Das ist ein wunderbarer, ehrlicher Artikel, der mich berührt. Ich bewundere dich für deine Ausdrucksfähigkeit, liebe Katja. Du bringst die Gedanken so toll auf den Punkt.
    Danke für diese Bereicherung des www.
    Liebste Grüße
    Eva

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    1. Dein Artikel lässt mich nicht los. Ist die unterschiedliche Wertung von Menschenleben in Ordnung? Aber am Ende bewertet man nicht Menschenleben sondern nur das Maß der Betroffenheit ist unterschiedlich. Und am Ende nerven mich die Nachrichten, die entscheiden, wann welchen schrecklich Ereignissen wie viel Raum gegeben wird. Dabei möchte ich für mich selbst entscheiden, welcher Tod mich betroffener macht. Ein schweres Thema für mich, wo deine Worte so klar und einleuchtend sind.
      Liebste Grüße zu dir und hab noch einen schönen Ostermontag,
      Eva

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    2. Betroffenheit fällt - sofern es um Menschen geht, die man nicht persönlich kennt - eben kein Urteil über den unterschiedlichen Wert von Menschenleben, das ist an der Grundannahme derer, die den vom Tod vergleichsweise weniger Menschen stark Betroffenen Heuchelei vorwerfen, schlicht falsch. Und selbst wenn es um Menschen geht, die man persönlich kennt, ist es nur eine größere Betroffenheit und Traurigkeit wegen der persönlichen Bindung und keine Wertung darüber, wessen Tod allgemein "schlimmer" ist. Jeder Tod ist gleich schlimm. Aber wird sind alle Menschen, die emotional berührbar sind und von verschiedenen Themen und Dingen emotional berührt werden - und deshalb hat einfach niemand das Recht, anderen die ehrliche Berührtheit abzusprechen - egal über wessen Tod.

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    3. So ist es gut und wahr für meinen Kopf. Der Tod ist für mich an sich ein Schreckgespenst mit dem ich zum Glück noch wenig Berührungspunkte hatte. Vielleicht auch deshalb für mich ein schwer greifbares Thema und nie würde ich mich erdreisten, das Maß der Betroffenheit anderer zu bewerten. Vielen Dank für deine Antwort. Hab noch eine schöne Woche.
      Eva

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  24. selbsternannte sheriffs waren mir schon immer ein gräuel.
    danke für den artikel, liebe katja.
    verspätete, dafür besonders herzliche grüße,
    mano

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!