Sonntag, 22. Februar 2015

Roschdl.

Auf dem Rückweg von Terminen im fränkischen Umland nehme ich mir gerne die Zeit ein paar Schlenker zu machen, Umwege zu nehmen und spontan dort anzuhalten, wo mich irgend etwas anspricht und mich dort ein bisschen umzusehen. So trieb ich letzte Woche mal nicht, wie sonst immer, an Roßtal vorbei, sondern mittendurch. Die kleine Marktgemeinde Roßtal liegt nur ein paar Kilometer von meinem Heimatort entfernt im Landkreis Fürth und dementsprechend oft bin ich auch schon durch den Ort gefahren, das erste Mal bereits 1978 mit dem Schulbus. Aber ausgestiegen, das bin ich in all den Jahren nie. Und so war ich - wie schon oft vorher - überrascht, was mir trotz der Nähe all die Jahre entgangen war und welche Kleinode sich in "Roschdl" versteckten...

Dornröschen etwa...?

Ehemaliges Schloß aus dem 17. und Wohnhaus aus dem 16. Jhdt.

Torhaus der Kirchhofbefestigung aus dem 15. und großes Wohnhaus aus dem 17. Jhdt.

Die barocke "welsche Haube" auf dem gotischem Turm der romanischen St. Laurentius-Kirche.

Ehemaliges Schloß.




Dramatisch auf einem Felsendorn gelegen, befindet sich ein alter Ortskern mit guterhaltenen Fachwerkhäusern, einem ehemaligen Schloß aus dem 17. Jahrhundert, einem Museumshof, zwei Pfarrhäusern, einem historischen Brunnen, einem Klostergarten, alten Gasthäusern und ganz oben mit der Kirche St. Laurentius und dem sie umgebenden Friedhof. Schulter an Schulter in die Kirchhofmauer eingepasst, bilden Wohnhäuser zusammen mit dieser eine geschlossene Wehrmauer um den Kirchhof, passierbar durch ein Torhaus mit Glocke.

Häuser und Torturm bilden eine Wehrmauer um den Kirchhof.

Welche Bedeutung hat wohl das Gesicht mit der Kleeblattmaske unter der Traufe des Kirchenschiffs...?

Mesnerhaus aus dem 18. Jhdt., evangelisches Pfarrhaus aus dem 15. Jhdt., Kirche aus dem 11. - 17. Jhdt.

In unserer heutigen Gesellschaft, in welcher der Tod weitestgehend ausgeklammert und Friedhöfe an den Ortsrand ausgelagert werden, als könne man das Sterben durch schieres Ignorieren überwinden, wirkt es auf den ersten Blick etwas befremdlich, wenn die umliegenden Anwohner aus ihren Fenstern den Totengräbern bei ihrer Arbeit zusehen. Und doch... hat dieser Ort etwas sehr Friedliches, Tröstliches. Vielleicht lag es an der ersten Frühlingssonne, aber ich wurde wohl noch nie in wenigen Minuten so oft freundlich lächelnd gegrüßt wie dort auf dem Kirchhof, in dem die Gräberfelder wie Blumenbeete zwischen den alten Fachwerkhäusern liegen. Dieser Friedhof hatte nichts Trauriges, Bedrückendes an sich, denn die Verstorbenen sind auch weiter mittendrin im sie umgebenden Leben und so auch ihre Hinterbliebenen, die die Gräber besuchen. Der Tod bekommt dadurch etwas Selbstverständliches, Undistanziertes, natürlicherweise zum Leben Dazugehörendes, dass dieser Ort keine Beklemmung auslöst. Ein überraschendes Gefühl für mich, die ich sonst auch versuche, Friedhöfe zu umgehen.


Aufgesetzt auf die Kirchhofmauer, steht an Rand des Friedhofes das erste evangelische Pfarrhaus, ein alemannisches Fachwerkhaus aus dem frühen 15. Jahrhundert. Mit seinem überwachsenen kleinen Vorplatz, der offenstehenden Gartenpforte, seiner Hausbank und einem kleinen Sitzplatz hat es etwas ganz Freundliches, Heiteres, Einladendes.

Die evangelische Kirche St. Laurentius selbst ist eine sehr ungewöhnliche Kirchenanlage mit einem romanischen Langschiff aus dem 12. Jhdt., gebaut auf eine Krypta aus dem 11. Jhdt., einem gotischen Kirchturm aus dem frühen 15., mit einer barocken "welschen Haube" aus dem 18. Jhdt. und einem gotischen Chor aus dem späten 15. Jhdt. Die Kirche brannte mehrmals ab und wurde dann der jeweiligen Zeit entsprechend wieder aufgebaut und ergänzt.

In ihrem Inneren hat die Kirche für mich sehr viel von dem, was eine Kirche haben muss. Ein schlichter Sandsteinbau, der von innen mit seinem - nach einem durch Blitzschlag ausgelösten Großbrand Anfang des 17. Jahrhunderts angebrachten - hölzernen Tonnengewölbe und den Querstreben einer gekenterten Arche gleicht, in deren Luftraum des Schiffsbauches man aufgehoben auch eine Sintflut überstehen kann. Eine ungewöhnlich prosaische Decke für ein Kirchenschiff und doch hat sie in ihrer unprätentiösen, archaischen Schlichtheit etwas Poetisches, strahlt Ruhe und Bodenständigkeit aus. Ein Gefühl, dass sich für mich in den meisten historischen Kirchen unter all dem Pomp nur selten einstellt.



Auch die Galerien für die höhergestellten Bürger und ihr Personal wurden erst  im 17. Jhdt. einbaut und verdecken seitdem die seitlichen Kirchenfenster. Eine interessante historische Sitzordnung zeigt, dass es auch in der protestantischen Kirche bei der Verteilung der Sitzplätze und anderswo nicht ohne Standesdünkel ging...
Der ursprüngliche Hochaltar der Kirche befindet sich heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und so sind das einzig Pompöse an St. Laurentius der barocke Schalldeckel der Predigtkanzel aus dem 18. Jhdt. und die Chorfenster aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, die irgendwie nicht so Recht zum Rest passen wollen. Aber wie das Leben selbst, braucht wohl auch der Glaube manche Brüche und Veränderungen, um spannend und authentisch zu sein, weil perfekte Harmonie nur selten zu Fortschritt und Entwicklung beiträgt.

Gerne hätte ich mir die Hallenkrypta unter der Kirche angesehen, die als eines der ältesten Bauwerke in Franken gilt und zu ihrer Zeit ebenerdig war. Auch auf den Kirchturm wäre ich gerne gestiegen, um von dort ins Umland zu schauen, und das Heimatmuseum hätte ich gerne besucht, aber das war Vorgestern leider nicht möglich. Außerdem habe ich etwas von einem nach einem Gedicht angelegten Klostergarten gelesen, aber dafür reichte die Zeit zwische zwei Terminen nicht aus. Gute Gründe, um schon bald wiederzukommen...

Weitere Kirchen und Kapellen aus Franken, dem Allgäu und dem Schweizer Wallis:

Marienkapelle in Pinzberg
Kapelle auf der Alpe Bel, Wallis
Kapelle in der Nähe von Schlüsselfeld, Franken
St. Johannes Kirche in Postbauer Heng, Oberpfalz
Dorfkirche in Pottenstein, Fränkische Schweiz
Kirchenburg St. Georg in Effeltrich 
Klosterkirche St. Mang in Füssen, Allgäu
St. Laurentius in Rosstal, Landkreis Fürth, Fürth, oberer Markt Rosstal, Pfarrhaus, Friedhof, fränkische Fachwerkhäuser, hölzernes Tonnengewölbe, romanische Kirche in Franken, Roschdl

Kommentare:

  1. Als ich gestern bei Lotta Euren Deal gelesen habe, wußte ich, dass es heute Morgen für mich ein vergnüglicher Morgen werden wird. Mein Gefühl hat mich nicht getrügt: ein wunderbarer Heimat-Post, liebe Katja!! Die evangelische Kirche ist wunderschön, gerade ohne diesen ganzen Pomp. Liebe Sonntagsgrüße, Nicole

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  2. So, so...und so ein Stückchen zauberhafte Heimat hast du uns bisher also vorenthalten...Bitte ganz, ganz viel mehr RAUMFEE-Heimat...wenn ich mir das wünschen dürfte...Besonders gefreut habe ich mich über deine Friedhofsentdeckung. Der Tod gehört zum Leben dazu, die Toten zu unserem Leben. Dass Friedhöfe später ausgelagert worden sind...an den Rand einer Stadt oder Ortschaft, hatte wohl mit Seuchengefahr zu tun...Ich wünsche dir ( und mir auf deinem Blog...;-)) viele schöne Sonntage! LG Lotta.

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  3. Oh, da ist es aber wirklich schön! Anhalten und sich umgucken lohnt sich oft. =)

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  4. Deine liebevolle Ortsbeschreibung (zusammen mit einigen anderen Orten und Gegenden, die hier schon vorgestellt wurden) bestärkt mich in meinem Vorsatz, dieses Jahr öfter einmal die Autobahn Richtung Nürnberg zu benutzen - in der Stadt selber war ich schon ein paarmal, doch drumherum gibt es noch viel Schönes zu entdecken, wie man sieht.
    Was du über diesen Friedhof schreibst, spricht mir aus dem Herzen. Ich gehe seit jeher gerne über Friedhöfe, lese die Namen auf den Grabsteinen, die Lebensdaten - manchmal spricht daraus (vermutlich) Tragisches, manches vermittelt die Vorstellung von erfülltem Leben... aber alles ist eingebettet in das alltägliche Leben drumherum, mit Vogelstimmen, baumauf- und -abflitzenden Eichhörnchen, gießkannentragenden Leuten - im obigen Fall haben die Toten ihren Platz sogar mitten zwischen den Wohnungen der Nachkommenden gefunden. Schön ist das, und stimmig.
    Noch einen schönen Sonntag und eine gute Woche,
    Brigitte

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  5. ein ganz wunderbarer ort ist das ja! schade, dass er ein bisschen zu weit von hier entfernt ist.
    aber wir haben hier in unserer gegend auch noch so viel zu entdecken, und es gibt für mich kaum was schöneres, als am wochenende auf spurensuche zu gehen und kleinode am weg zu besuchen. da könnte ich ja gleich mein harbker schloss und den ascheberg vom freitag hier verlinken!
    herzlichst, mano

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  6. genau mein heutiges thema, anstatt zu beschleunigen, vorbei sausen zum nächsten Termin, anhalten, entdecken, staunen...und was für ein kleinod du da entdeckt hast. die kirche ist faszinierend. der ganze ort scheint wie aus einer anderen zeit erhalten geblieben zu sein...
    liebe grüße
    andrea

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  7. an Dornröschen habe ich auch gedacht – als ob die Zeit stehen geblieben wäre…
    Die Kirche erinnert mich stark an baskische Kirchen, die haben auch solche Galerien, zwei- oder dreistöckig, die den Männern vorbehalten sind (theoretisch jedenfalls). Und in den Küstenorten hängen oft Schiffsmodelle von der Decke, als Exvoto…
    Liebe Grüße und danke für die Besichtigung!

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  8. Solche Fachwerkhäuser sehen immer irgendwie gemütlich aus. Ein hübscher Ort. Schön, dass Du angehalten und Dich ein wenig mehr umgesehen hast, so haben wir auch was davon. Liebe Grüße. :)

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  9. wie gut, dass du einen schlenkerer und uns dabei mitgenommen hast!
    diese häuser, die kirche, das vorfrühlingshafte licht!
    herzliche grüße
    dania

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  10. Was für ein hübscher, malerischer Ort:) Danke fürs Anhalten und Mitnehmen....deine Bilder wecken auch gleich ein wenig Frankensehnsucht in mir;)
    ♥Kerstin

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  11. Danke für die wundervolle Führung durch den Ort. Du wirst lachen, ich hab es bis jetzt auch nicht geschafft durch Roßtal zu gehen. Obwohl ich von den vielen schönen alten Gebäuden wusste und sogar eine Arbeitskollegin dort wohnt *kopfschüttel*.
    Komisch, daß wir uns manchmal einfach nicht die Zeit nehmen.
    Liebe Grüße
    Gusta

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  12. Effeltrich und Pottenstein kenne ich sehr gut....ich mag die Fränkische Schweiz. Wir waren ganz oft dort wandern und ich hab eine Vorliebe für Fränkische Fachwerkhäuser und Sandsteinkirchen, die es ja in jedem Ort gibt. Danke für die schönen Fotos aus meiner zweiten Heimat.
    LG Sigrun

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!