Donnerstag, 12. Februar 2015

Nachtschnee.

Nächtliche Schneeflocken tanzen im Schein der Straßenlaterne vor meinem Fenster in einer schweigenden, schwer atmenden  Nacht. Auf den ersten Blick friedliches, schmerzloses Gewirbel. Stille, die in den Ohren schmerzt, weil sie mich unvorbereitet trifft in meinen lauten Gedanken. Friedliches Rieseln. Doch wenn man den Flockenwirbel im mondfarbenen Lichtkegel der Straßenlaterne länger betrachtet, dann fallen die Flocken nicht leise und friedlich, sondern stürzen sich wie Selbstmörder aus der Geborgenheit des wirbelnden Schwarms in den sicheren und schnellen Tod auf die Straße. Auf der Flucht vor der Helligkeit rasen sie Richtung Asphalt, wo sie unverzüglich und lautlos sterben. 

Vor und hinter dem Licht mogelt sich der Rest des Schwarms von rechts nach links fast waagrecht vorbei, jede einzelne Flocke hüpfend und tänzelnd und doch gemeinsam eine homogene, unangreifbare Schar bildend, die unausweichlich einem Ziel zu folgen scheint. Schweigende, weiße Zugvögel, stürzen sie wie Lemminge einander nach. 

Und doch. Einzelne Flocken stemmen sich dem Strom entgegen, sie brechen aus, tänzeln aus der Reihe, verharren sekundenlang auf der Stelle und tanzen einen glitzernden Spitzentanz. Wie kleine Ballerinas in bauschigen Tütüs nehmen sie die Arme über den Kopf und lächeln ein kurzes, seliges Kleinmädchen-Lächeln im Rampenlicht, bevor die Masse sie überrennt, umwirft, mitreißt und sie für immer davongewirbelt werden. Ihre kleinen Münder formen ein erschreckt staunendes „O“.

Einige prallen gegen die Scheibe meines Fensters und stürzen sterbend wie Spatzen mit gebrochenem Genick auf das Fensterbrett. Als ich sie sacht in die Hand nehme und vorsichtig anhauche, schmelzen sie unter einem letzten Glitzern dahin und tropfen zwischen meinen Fingern hindurch wie gläserne Tränen.

Ich schließe meine Augen und strecke meine Zunge hinein in den Flockentanz. Ein paar der eiligen Tänzerinnen stürzen sich darauf, um sich an meinem Atem aufzuwärmen und zu vergehen. Sie schmelzen wie die sahnige Karamellfüllung in weihnachtlichen Schokoladenkugeln und genau wie diese reichen sie nie bis zum letzten Gedanken der Nacht. 

(Aus meinem Tagebuch, Dezember 2005)

... mit Gruß an Lotta, die mich kürzlich gefragt hat, ob ich früher Tagebuch geschrieben habe.
Schneeflocken, nächtlicher Schneefall, tanzende Flocken, Nachtschnee, glitzernder Schnee in der Nacht, Flockenwirbel

Kommentare:

  1. Ich hoffe, das Tagebuch weiß es zu schätzen, was es für wortgewaltige Schätze in sich trägt...;-). LG Lotta.

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  2. So eine Sprache ist bewundernswert.
    Die einzelne Flocke auf Deinem Mantel?? klasse - gefällt mir.
    Auch das zweite und vierte Photo - ungewöhnliche Perspektive und Schwarz-Weiss. Hast Du schon mal drüber nachgedacht ein Buch herauszubringen - Dein Blog hat so viele Beiträge, die sich auch in gebundener Form gut machen würden.
    winterliche Grüße
    Judika

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  3. Vielen Dank für diesen wunderschönen Tagebuchauszug! Sehr poetisch und bildlich. Und so einen Nachtschnee finde ich immer ganz besonders heimelig.
    Liebe Grüße :)

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  4. Du meine Güte: so poetische Dinge standen nie in meinen Tagebüchern (deshalb konnte ich sie auch irgendwann leichten Gewissens verbrennen...). Aber erstaunlich, dass du für dich selbst so schön formulierst!

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  5. Ach Du Schreck, was für nachtschwarze Gedanken Du früher mit Dir getragen hast. Das ist zwar schön geschrieben, aber trotzdem nicht schön.

    LG Verena

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  6. Liebe Katja,

    ich war wirklich, wirklich erschrocken über deine Worte - froh jedoch als ich sah, dass es sich um einen Eintrag von 2005 handelt.
    Es sind sehr poetische Worte. Um so erdrückender die Wehmut, die Schwere, die ihnen inne wohnt.

    Schreibst du immer noch Tagebücher?

    Liebe Grüße
    Katja

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  7. Liebe Katja, ich war auch froh, als ich las, dass deine wunderschöne aber so traurige Schreibe schon von 2005 war. Herrliche Fotos...
    Grüßle
    Ursel

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  8. wow, katja, das trifft. mich. und diesen scheißtag heute. das schöne-gute-laune-füchslein hilft glücklicherweise beim übertünchen.

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  9. unglaublich.
    und dass dir solche fotos gelingen...
    gruss*

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  10. Du hast recht: Ich habe mich schon oft gewundert, wie schnell Schneeflocken fallen! Kein Geriesel oder sanftes Schweben. Je länger man hinschaut, desto atemloser scheinen sie herabzuwirbeln.
    Wirklich als ob Frau Holle ihre Federbetten ausschüttelt...

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  11. Sehr poetische Worte! Zum Trost: Schneeflocken sterben nicht sie transformieren, sie metamorphoseln sie wechseln die Gestalt! Gewaltiges Foto das mit der einzelnen Flocke in weiß!
    Gros bisou
    Sandra

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!