Sonntag, 10. August 2014

Vom Heijucka, den Huinzen, Schumpen, Rangga und den Holderkiechla.

Ich bin nicht so der Museumstyp. Nicht mehr, sollte ich vielleicht sagen, denn früher, da bin ich sehr gern in Museen gegangen. Früher, das war zu den Zeiten, als die Computertechnik, 3D-Animation, Beamer, Multivisionsshows und das Edutainment dort noch keinen Einzug gehalten hatten. Jahrelang habe ich selbst an dieser Entwicklung in der Ausstellungsgestaltung mitgearbeitet und fühlte mich immer unwohler dabei. Jede ganz normale Ausstellung zum Anschauen und Anfassen musste auf einmal den angeblich dringenden Erfordernissen des digitalen Zeitalters angepasst und zur Show umgestaltet werden. Überflüssig zu sagen, was da noch an Spannendem übrigbleibt, wenn die Computertechnik und die Audioguides im alltäglichen Dauereinsatz streiken. Inzwischen stellen sich meine Nackenhaare auf, wenn ich höre, dass wieder ein Museum in eine Edutainment-Spielhölle umgestaltet wird - um "die Besucher dort abzuholen, wo sie stehen". Eine Formulierung, bei der mir übrigens schlecht wird. Meiner Meinung nach muss nicht alles auf den kleinsten gemeinsamen Bildungs-Nenner einer gelangweilten Onlinekindergeneration heruntergebrochen werden, sondern man darf ruhig auch mal darauf vertrauen, dass Kinder noch Augen zum sehen, Hände zum Gestalten, ein Hirn zum Denken, einen gesunden analogen Spieltrieb und Begeisterungsfähigkeit besitzen. Erwachsene übrigens auch. 




Eine für mich sehr angenehme Ausnahme im Edutainment-Museumsumgestaltungswahnsinn stellen für mich die Freilandmuseen in Bayern da - wie das Fränkische Freilandmuseum in Bad Windsheim, das ich euch schon öfter ans Herz gelegt habe, der Geschichtspark Bärnau-Techov, oder das Allgäuer Bergbauernmuseum im Immenstadt-Diepolz, zu dem ich euch heute mitnehmen möchte. Auch neu gestaltet, auch mit Museumsshop, aber so liebevoll reduziert, mit so vielem zum Staunen, Anschauen, Anfassen und spielerischen Erfahren der Eigenverantwortlichkeit, dass ich auch den Filmraum ganz gut aushalten kann, der hinter der Heijucka und dem alten Trecker sowieso fast übersehen wird.

Mittendrin im Museumsgelände steht der Sattlerhof mit seinem schönen Bauerngärtchen, der kompletten Wohnausstattung und der belebten Flurküche, in der eine Dame Holderkiechla bäckt und die Kinder probieren lässt. Wie viele Stadtkinder haben das wohl schon mal gegessen? Die großen Augen beim Eintauchen der Blütendolden in den Teig und ins siedende Butterschmalz verraten: fast keines. 




Draußen hört man die Glocken der Museumskühe auf der Weide und an den Schafen und Schumpen (Jungrindern) im Stall vorbei gelangt man in den nachgebauten Verdauungstrakt einer Kuh, wo man den Weg vom Futter bis zur Milch nachverfolgen, etwas über die Qualität des Futters, die unterschiedlichen Rinderrassen und über die traditionelle Haltung auf einem Bergbauernhof erfahren kann. Im Getränkeautomat gibt es keine Softdrinks, sondern hauseigene Molke und wer wissen will wie die entsteht, der kann auch das dort erfahren. Durch die Mägen einer Kuh zu spazieren ist übrigens weit weniger eklig als es sich anhört, sondern sehr anschaulich und humorvoll, inklusive der Geräuschkulisse.



Immer wieder finden sich Möglichkeiten für die Kinder, ihre überschüssige Energie auszutoben - nicht nur auf dem großen Spielplatz zwischen den gebäuden, sondern auch in den Gebäuden selbst, wo man zum Beispiel zum Heijucka, dem Springen von der Tenne ins Heu, ebenso ausdrücklich eingeladen wird, wie zum Beklettern des alten Traktors. Die Museumsleitung setzt auf Eigenverantwortlichkeit der Kinder und so finden sich auch keine großartigen Verbotsschilder und Regeltafeln, keine Absperrungen und Haftungshinweise. Wer von der Tenne ins Heu hüpft, der muss eben Obacht geben und wer auf die Bienen ditscht, der wird gestochen - so ist das im Leben und das finde ich sehr angenehm.





An der Heuschinde und dem Rindenkoben vorbei geht es durch das Spielwäldle mit seinen Natur-Musikinstrumenten hinauf zur Rosshütte der Holzarbeiter und dann weiter über die Wiese zur Höfle Alpe. Auch diese Sennalpe wurde am Originalstandort abgebaut und auf dem Museumsgelände wieder aufgestellt und dient heute als Ausstellung über die traditionelle Bergbauernsennerei, den historischen Bergtourismus und als Wirtschaft, in der man hervorragend Brotzeit machen kann. Kuchen und Schmalzbrot waren prima und der Obazde mit einem ordentlichen Rangga Bauernbrot erst Recht. Mit einem Blick über das komplette Ammerngebirge schmeckt die Brotzeit außerdem nochmal so gut und so schnell möchte man von dort nicht wieder aufstehen.





Irgendwann haben wir es dann doch geschafft und unsere vollen Bäuche wieder hinunter Richtung Bauerngarten getragen. Mit dem Anblick des tollen Gartens mit all seinen duftenden Kräutern und Heilpflanzen, die früher zur Selbstmedikation in der Abgeschiedenheit einer Alpe unerlässlich waren. Und zu den Huinzen, den Heumännchen, die in meiner Kindheit noch oft anzutreffen waren auf den Wiesen und heute wohl nur noch im Museum zu finden sind. Ich bin älter als ich dachte. ;-)



Danke liebe Steph, für den wunderbaren Hut - der Junior will nicht mehr darauf verzichten.



Im Museumsladen wanderte noch Honig von den Museumsbienen, Marmelade, ein Kochbuch vom Sattler-Museumshof und gleich nebenan in der Sennerei ein großes Stück Bergkäse von den Museumskühen in mein Körbchen. Auch Museumsshops können ein sinnvolles, themenbezogenes, regionales Sortiment haben - in diesem Fall absolut gelungen. 
Ein kleines, entspanntes Freilandmuseum - bodenständig, sympathisch unaufgeregt und deshalb für mich uneingeschränkt empfehlenswert als Ausflugstip für einen Urlaub im Allgäu.

Das Allgäuer Bergbauernmuseum in Immenstadt-Diepolz* ist vom 13. April bis zum 19. November täglich zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.
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*Das ist kein gesponserter Link - sondern ein Mir-hat-es-prima-gefallen-Link.

Kommentare:

  1. Ach was für ein wundervoller Ausflug. Hollerkiacherl gibts bei uns jedes Jahr. Den der Holler wächst hier an jeder Ecke!
    LG aus der Holledau, Steffi

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  2. Ich gebe dir absolut recht, ich kann den ganzen "neumodischen Kram" im Museum auch nicht leiden...
    Danke für die tollen Bilder, es ist echt schön dort!!!

    LG
    Jessi

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  3. Danke für diesen tollen Ausflug am Sonntagmorgen.
    Das sind mal wieder Bilder von denen man sich an Ort und Stelle versetzt fühlt.
    Noch ein schönes Restwochenende und ganz liebe Grüße,
    Kerstin

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  4. Ja, genauso sollten Museen sein: Orte zum wirklichen Erleben und Nachspüren.
    Ganz wundervoll! Habe den kleinen Ausflug grad sehr genossen.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  5. Ja, muss Dir voll und ganz zustimmen. Letztes Jahr war ich mit meiner Tochter im Dürerhaus, das ist ein schreckliches Negativbeispiel... Und letzte Woche dann ein gemütlicher Besuch im Illerbeurer Museumsdorf, sowas von entspannt! Und ja, auch die anderen z.B. in Neusath-Perschen, und vor allem die Glentleiten, nicht zu vergessen das Tiroler Museumsdorf bei Kramsach.... Entspannt und daheim wurde/wird dann immer was aus Omas Küchenzettel (Knopf, salziger Kucha, Sauerkraut und Striezel, Schneckanudla usw.) gekocht, das animiert. Meine Kinder sind ja schon 'groß' und von diesen Ausflugszielen schwärmen sie bereits...LG, Sieglinde

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  6. Ohja, dort würde ich mich auch wohl fühlen!

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  7. Wundervolle Eindrücke! Besonders der Bauerngarten ist Sommer pur.
    Diese digitalen Krimskrams in vielen Museen finde ich auch ätzend und ziemlich langweilig obendrein.
    LG, Varis

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  8. Was für ein schönes Museum, danke fürs Zeigen! Würden es doch viel mehr Eltern so machen wie du! "Auf der Arbeit" versuchen wir auch, den Kindern die Natur wieder nahe zu bringen, aber viele von ihnen sind schon so eingeschossen auf die ganzen digitalen Unterhaltungsmedien, dass das gar nicht so leicht ist....
    L.G. Gabi/ Pyrgus

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  9. danke für diesen tollen ausflug, ich werde den tipp gleich weiterreichen, der kleine mann ist nämlich heute unterwegs richtung allgäu. nur leider ohne mich und bei diesen schönen bildern bedauere ich manchmal dass ich nur zeit finde die familie zu besuchen und die ist nunmal größtenteils in dk.
    ja, die ausstellungslandschaft hat sich stark verändert und ich denke ähnlich wie du, weshalb ich mich auch gefreut habe, mal wieder das wikingerschiff-museum in roskilde zu besuchen, wo das auch sehr gelungen ist. man kann echten handwerkern bei der arbeit zusehen, im museum die ausgegrabenen schiffe bewundern und in wikingerkleidung modelle davon besteigen. unser besuch wurde dazu noch von einer ruder/segelfahrt auf den sund hinaus mit einen nachkommen der wikingerboote gekrönt. liebe grüße, wiebke

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  10. Ja, ich muss es neidlos zugeben...bei Freilandmuseen habt ihr Bayern eindeutig die Nase vorn...ein Grund mehr, endlich mal irgendwann meinen Hintern in Richtung Bayern zu bewegen...irgendwann...demnächst...;-) LG Lotta.

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  11. Oh wie wundervoll. Mit Dir möcht ich Ausflüge machen. Freilichtmuseumseindrücke sind in meinen Kindheitserinnerungen wichtige Momente, weil mich das Echte, das Alte, die Künste, die da Überlebenskünste waren, schon immer begeisterte.
    Und auch im Ausland sind das für mir schönste Anlaufstellen weil sie so viel erzählen können. Und erklären.
    Bayerische Freilichtmuseen stehen längst auf der Wunschliste. Ein Grund hier zu bleiben... wo doch grad Aufbruchstimmung aufkeimt.
    Herzlich lieben Gruß und herzlich lieben Dank für den wundervollen Einblick.

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  12. Was für ein Kleinod. Ja, da geht es mir so wie dir, museumstechnisch muss ich wohl auch an anderer Stelle abgeholt werden, als die Freunde von Computer-Animation und ähnlichem....Dieses Freilichtmuseum muss ich mir mal anschauen, gar so weit ist es ja gar nicht entfernt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  13. Ein absolut gelungener Ausflug! Danke fürs Mitnehmen und die schöne Fotos!
    LG MAry

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  14. Vielen Dank für diesen tollen Ausflug. Ich fühle mich, als wäre ich selber dabei gewesen. Das hört sich ganz wunderbar an. Und jetzt gucke ich mal, wo das genau ist. Vielleicht können wir das irgendwie auf unsere Rückreise einbauen, wenn's an der Strecke liegt.
    Liebe Grüße. ;)

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  15. Ich liebe solche Museen! Dankeschön für's Mitnehmen, und ich habe mir gleich mal die Adressen alle vorgemerkt.
    Grüßle
    Ursel

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  16. Oh ich liebe Freilandmuseen und möchte unbedingt wieder Ballenberg in der Schweiz besuchen. Ich war auch Norwegen mal einem. Ein Traum in die alten Zeiten einzutauchen! Tolle Bilder hast du gemacht.
    liebe Grüsse Paula

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  17. das war wiedermal ein schöner ausflug mit dir - und ein paar anregungen hab ich mir auch geholt - zum beispiel find ich alle zäune wunderschön;)
    liebst birgit

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!