Sonntag, 24. August 2014

Abgeschaut.

Die Menschheit hat in den letzten hundertfünfzig Jahren komplett verlernt, sich an ihrer belebten Umwelt zu orientieren - sie hat sich darauf beschränkt, sie sich Untertan zu machen, zurechtzubiegen, zu stutzen oder sie als die Profitoptimierung störend zu beseitigen. Während unsere weit entfernten Vorfahren noch wussten, dass man den besten Nutzen aus der Natur ziehen kann, wenn man sie studiert und von ihr lernt, ist diese selbstverständliche Interaktion im letzten Jahrhundert in den Industrienationen komplett der Arroganz des Besserwissers Mensch gewichen. Aber weiß es der Mensch wirklich besser als die Natur? Ich denke die Frage erübrigt sich, wenn man sich die Welt heute ansieht.  
Dass die reine Ausbeutung und Zerstörung von Erde, Umwelt, Tieren und Pflanzen eine Sackgasse ist, weil wir keine Erde in Reserve haben, das hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten jedoch langsam herumgesprochen, auch wenn noch viel zu wenig dafür getan wird, dass wir uns nicht selbst unsere Lebensgrundlage entziehen. Auch die Wissenschaft denkt langsam um. Dort schaut man sich jetzt die Spezialisten, die Techniker und Überlebenskünstler unter den Tieren und Pflanzen ganz genau an und versucht von ihren zu lernen, anstatt sie auszurotten. Manche Tiere und Pflanzen können und wissen es nämlich tatsächlich viel besser als der Mensch und sie genau zu beobachten und sich von ihnen Nützliches abzuschauen, scheint mir ein großer Schritt in die richtige Richtung zu sein.
So waren wir letzte Woche in der neuen Dauerausstellung "Bionicum - Ideenreich Natur", die im ersten Stock des Naturkundehauses im Tiergarten Nürnberg eingerichtet wurde.


Bionik bezeichnet das Lernen von der Natur, also das Entwickeln von Technologien, die auf den Überlebensstrategien der Natur basieren und dem Menschen zu Nutze sein können. 
Schon einige Jahre gibt es nach dem Prinzip der Lotusblume beschichtete Sanitärkeramik, Fassadenfarbe und Dachziegel, bei denen reines Wasser reicht, um Schmutz kinderleicht abzuspülen. Die Haut des Sandfischs, einer unter dem Sand gleitenden Wüstenechse, war Vorbild für eine kratzfeste Beschichtung von Solarpaneelen in Wüstenstaaten, die bisher durch den Flugsand einem hohen Verschließ unterlagen. Die Stabilität der exakten Struktur von Bienenwaben und ihre Herstellung führte zu verformungsstabilen Blechprägungen. Wasserpflanzen und Wasserspinnen, die sich durch ihre besondere Oberflächenstruktur bei jedem Tauchgang Luft von der Oberfläche mit nach unten holen, dienten als Vorbild für Schwimmkissenstoffe und Luftkissenboote. Hochleistungsschwimmer tragen inzwischen Anzüge, deren Struktur der Haihaut nachempfunden ist, denn keine Oberfläche gleitet reibungsloser durchs Wasser. Der Faden von Spinnen ist das reissfesteste Material, das es auf der Welt gibt, setzt man es ins Verhältnis zu seiner Dicke. Was liegt näher, als sich anzuschauen, wie und aus was die Spinnen ihren Faden produzieren, um das reiss- und wasserfesteste Garn der Welt herzustellen, wenn schon die Ureinwohner von Indonesien seit Jahrhunderten die Netze von Radnetzspinnen zum Fischen verwenden? Oder es zum Nähen von Wunden verwenden? Und wenn ein Gecko mit seinen unklebrigen Füssen an der Decke laufen kann, dann sollte man sich vielleicht mal seine Fußsohlen genauer ansehen, um davon zu lernen, wie man ein unklebriges Superklebeband herstellen, oder einen Fassadenroboter entwickeln kann, der ohne großen Kraftaufwand senkrechte Glasscheiben emporklettern kann. Das funktioniert übrigens einem Mikroklettverschluss gar nicht unähnlich.



Auch Architektur und Design nehmen sich die Natur immer wieder zum Vorbild, um zum Beispiel stabile und trotzdem leichte Tragwerke zu schaffen. Wie das geht, kann man sich von Radiolaren, menschlichen Knochen, Astgabeln und Pflanzenhalmen abschauen, die Material nur dort einsetzen, wo es auch wirklich benötigt wird, um Zug- und Druckkräfte aufzufangen. Das ist ähnlich faszinierend wie der Aufbau von Perlmutt, der eine Muschelschale vier mal bruchfester macht als ein entsprechend dickes Stück Stahlbeton, oder die Entwicklung von intelligenten Gebäudebelüftungsystemen ohne anfällige Computertechnik, die man sich von den Bauen der Präriehunde und Termiten abschaut.



Das Bionicum ist eine kleine, aber mit vielen spannenden Informationen gespickte Ausstellung, in der man viele Dinge in die Hand nehmen und selber testen kann. Was durch Hands-On-Modelle nicht ausreichend erklärt werden kann, wird durch abrufbare Filme unterstützt, die an dieser Stelle tatsächlich mal Sinn machen. Ergänzt wird die gelungene Ausstellung durch die Stationen eines bionischen Rundweges durch den Tiergarten Nürnberg, auf dem man die Vorbilder für die bionischen Entwicklungen hautnah erleben und beobachten kann.
Der Eintritt in diese vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz finanzierte Ausstellung ist im Tiergarten-Eintritt inbegriffen - und da etwas abseits des Hauptweges gelegen, auch nicht überfüllt. Weitere Erfreulichkeit ist die lächelnde Antwort "Aber natürlich!" auf die Frage, ob das Veröffentlichen von Fotos der Ausstellung im Netz gestattet wird. Da habe ich in den letzten Jahren Dinge mit der Bayerischen Schlösserverwaltung erlebt, ich sags euch... aber das ist ein anderes Thema.

Wer also noch eine Unternehmung für die Sommerferien sucht - ich finde die Ausstellung sehr empfehlenswert. Plant aber trotz der übersichtlichen Größe ausreichend Zeit dafür ein - wir haben uns an den zahlreichen Exponaten und faszinierenden Ableitungen fast zwei Stunden aufgehalten, um alles auszuprobieren....
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Kommentare:

  1. Danke für den interessanten Post. Vielleicht schaffe ich es auch ja mal in den nächsten Wochen in diese Ausstellung, wir wohnen ja ab nächster Woche nur 2 min vom Bahnhof entfernt und Nürnberg ist schnell erreicht.
    Ja, es ist wirklich schade, dass wir uns nicht viel mehr die Natur im Positiven zu Nutze machen und von ihr lernen, leider wird sie nur im Negativen ausgebeutet.
    Für das Thema Bionic müssten viel mehr Gelder locker gemacht werden, um viel mehr in diesem bereich zu forschen.

    LG Verena

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  2. klingt alles sehr interessant, danke für den tollen post :) lustigerweise spielen solche themen auch in meiner ausbildung (bekleidungstechnik) eine rolle - demnächst werden referate gehalten über die sache mit dem spinnen-garn und der lotusblüten- und haifisch-beschichtung :)

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  3. Was für ein spannendes Thema!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Nein, einen Ersatzplaneten, auf den wir alle schnell umziehen könnten, den gibt es nicht. Aber Gott sei Dank gibt es Menschen, die uns immer mal wieder darauf hinweisen, dass es so ist! Danke für diesen Post! Martina

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  5. Schade, dass das Bionicum "nicht um die Ecke ist" - die Ausstellung hätte mich auch sehr interessiert! ...da hast du so Recht, das Leben heute mit all den unreflektierten Haltungen "...mir doch egal" und der Arroganz, mit der wir die Natur ausbeuten und sie in ihrem Lebensraum beschränken, ist eine Sackgasse... !!! Schöner, nachdenklich stimmender Post!
    liebe Grüße
    Kathrin

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  6. Die Ausstellung Bionicum wäre definitiv etwas für meine Familie...vielleicht ergibt sich da doch mal die Gelegenheit...;-). Es gibt nichts Faszinierenderes als die Natur...ihre Baupläne lassen einen immer wieder staunen...schön, dass Bionik zunehmend ein Thema wird ( übrigens auch in der Oberstufe...). LG Lotta.

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  7. Ein tolles Thema und ein toller Post.
    Und auch wieder tolle Fotos.
    Danke und noch einen schönen Sonntag.
    Liebe Grüße, Kerstin

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  8. DAS würde mir auch gefallen :)! Mit sowas könnte ich mich auch Stunden beschäftigen...

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  9. Wie spannend! Ich wäre in diesem Museum auch mit Neugier dabei. Und wie gut gesagt, Katja. Der Mensch müßte mit Sicherheit auf keine Bequemlichkeit verzichten und wäre dennoch nicht genötigt, die Natur mit derartiger Brachialgewalt auszubeuten. Ich bin mir gewiß: das 3-Liter-Auto ist längst möglich. Wind und Sonne könnten jeden Privathaushalt selbstständig versorgen uswusf.... ABER: die Frage ist, wer verdient dann noch. Wie machen die großen Konzerne dann noch den großen Reibach? Lieber schlachtet man diesen Planeten aus und plant schon, wie man zum nächsten gelangt, um dort genauso weiter zu machen...

    ... und ja, mit einem Seufzen füge ich noch an: auch du hast heute (kaum mal ein paar kritische Töne zum Zeitgeist) deutlich weniger Kommentare...

    herzliche Grüße, liebe Katja, ganz herzliche

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  10. wenn in unserer gesellschaft nicht alles auf profitgier und gewinn ausgerichtet wäre, wäre so vieles schon möglich. alleine, dass die ausstellung, die so herrlich klingt, weniger besucht ist als der tiergarten selbst, obwohl im preis inbegriffen, zeigt leider schon, wie wenig interessiert der mainstreem an seiner natürlichen umbegung ist...
    mir fallen zwar die vielen positiven beispiele auf, wie auch du eines bist, die sich besinnen und versuchen, anders zu leben, aber erreichen wir damit auch menschen, die bis jetzt nicht zu dieser gruppe gehören? nur so eine (selbst)frage am rande... gerne würde ich zusammen mit dem wirbelwind die ausstellung besuchen. hab dank für deine genaue schilderung! trotz meiner bedenken hinsichtlich der möglichgkeit, die gesellschaft verändern zu können, können wir gar nicht anders als unser andersdenken weiter (vor)zuleben - und das machst du so fein! hab dank, dass es menschen wie dich gibt!
    herzlichen gruß
    dania

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  11. Klasse, so nach dem Urlaub (zumindest lesend...) wieder in die Bloggerwelt einzusteigen - und wie ich mich über diesen Post freue ;-) Herzlich Ghislana

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  12. was für ein interessanter bericht! diese ausstellung würde ich zu gern sehen! hier in unserer dörflichen umgebung werden wir täglich damit konfrontiert, wie rücksichtslos menschen (hier: großbauern) mit ihrer umwelt umgehen. alle hecken sind abgeholzt, jeder ackerrand wird radikal bespritzt, monokulturen wie mais und raps sind an der tagesordnung und gedüngt wird mit antibiotischer putengülle, die hunderte von kilometern aus vechta und umgebung in riesigen lastern angefahren wird. nein danke!! da kann man nur hoffen, dass sich positives wenigstens in anderen bereichen durchsetzt und auch umgesetzt wird. wir haben hier jedenfalls im moment im wahrsten sinne des wortes von unserer - von menschen produzierten - stinkenden umwelt die nase voll.
    gut von dir zu hören, dass es auch erfreuliches gibt.
    herzlichst, mano

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  13. Das sieht wirklich sehr interessant aus! Ich habe schon davon gelesen und meine Tochter war bereits dort und fand es ebenfalls sehr interessant.
    Schade, dass unsere Dauerkarten schon abgelaufen sind...
    Schöne Grüße
    Jutta

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!