Sonntag, 29. Juni 2014

Klamm.

Ein friedlicher kleiner Bach, sympathisch gurgelnd über blanke Steine gleitend und in der Sonne glitzernd, steigt an und an, wenn man seinem Bett berauf folgend nachspürt. Der Wasserstand hebt sich mit den felsigen Ufern, das Wasser wird schneller und schneller, während das helle Aquamarinblau aufschäumt wie Gischt und zu tiefem Smaragdgrün wird. An manchen ausgehöhlten Stellen noch ganz sanft und transparent stehend, sieht man an den wütend hingeworfenen Resten hoch über ihm das gewaltige Zerstörungspotential, das in ihm schlummert, wenn er losgelassen wird. Wo die Felsenwände, in die er sich in Jahrmillionen tiefer und tiefer eingegraben hat, näher und näher zusammenrücken und fast hundert Meter über meinem Kopf aufragen, wird er zum tosenden Strom, der mit lautem Grollen alles mitreissen würde, was er zu fassen bekommt.












Die Luft ist kühl und voller Gischt, die Wände zittern unter seinem Tosen und bringen in Rinnsalen das Wasser wieder zurück, das er hoch hinaufgeschleudert hat. Tropfendes Moos und grüne Farne halten sich im Halbdunkel am nassen Stein fest und hoch über mir berühren sich die Felswände unter den Bäumen in der grellen Mittagssonne.
Riesige Felsen wurden durch die Kraft des Hochwassers hoch oben in der Spalte eingeklemmt wie Kieselsteinchen und mächtige Baumstämme herumgeschleudert wie Mikados. Mein Herz pocht laut bei so viel Naturgewalt, die diese Schönheit entfesseln kann. Yin und Yang, Licht und Schatten, Weiß und Schwarz. Erschaffen und Zerstören... die ewige Polarität. Das Atmen fällt leicht in der frischgewaschenen Luft und die Augen finden so viel rauhe Wunder in dieser Natur, die den Menschen so ganz und gar nicht braucht, dass man sich gleichzeitig ganz klein fühlt und doch als lebendiger Teil von etwas ganz Großem. Ganz bei mir, ganz da, ganz nah. Als Teil der lebendigen Natur.







Seht ihr das Nest? Auch unter Vögeln scheint es Adrenalinjunkies zu geben...

Langsam wird es heller und die Mittagssonne fällt in den sich wieder weitenden Felsspalt über dem tosenden Bach. Als wäre der Berg an dieser Stelle gewaltsam aufgebrochen worden, tritt man durch eine große Öffnung wieder ans Licht. Irritierend. Ausgespuckt aus der kühlen, feuchten, smaragdgrünen, rauschenden, lebendigen Unterwelt in die flirrende, heiße, karge, trockene Mittagssonne. Es braucht einen ganzen Moment, bis ich wieder in dieser Welt angekommen bin.








Am oberen Ende der Klamm angekommen, kann man entweder den gleichen Weg durch die Breitachklamm talwärts wieder zurückgehen, oder weiter aufsteigen und über verschiedene Alpen wieder zum Parkplatz am Auslauf der Klamm zurückkehren. Auch der Einstieg von oben ist möglich. Welchen Weg wir genommen haben, erzähle ich euch ein anderes Mal.

Die Breitachklamm in Tiefenbach bei Oberstdorf im Allgäu ist außerhalb der Schneeschmelze und der Hochwasserzeiten im Spätherbst täglich zwischen 9 und 18 Uhr geöffnet. Auf meinem Zettel steht jetzt unbedingt auch eine Begehung im Winter, wenn sich die Klamm in einen Eispalast verwandelt...
Es lohnt sich vorher telefonisch zu erfragen, zu welchen Zeiten keine Reisebusse angemeldet sind - das Naturerlebnis ist deutlich beeindruckender, wenn man es nicht mit zweitausend lärmenden Bustouristen teilen muss.
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Kommentare:

  1. *seufz* der Spaziergang war einfach herrlich. Schön, daß du ihn mit uns geteilt hast. Ich war vor gefühlten 100 Jahren dort und konnte mich gar nicht mehr so richtig daran erinnern. Diese Windungen und Felshänge finde ich sehr beeindruckend. Das Nest hab ich entdeckt - muss schön sein dort oben - vor allem ohne Bustouris *lach*.
    Liebe Grüße
    und einen schönen Sonntag wünscht Gusta

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  2. Guck mal: http://annettes-photoprojekte.blogspot.de/2014/06/view-down-2114.html - wir waren auch vor kurzem dort und genauso wie du wollen wir unbedingt wieder im Winter hin. Danke für den schönen Text.

    LG
    Annette

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  3. Wunderschöne Fotos hast du uns mitgebracht- Danke. Die Natur ist schon ein wunderbarer Schöpfer und da fühle ich mich, auch in der Breitachklamm so klein.Die Klamm ist auch mit vielen Naturwesen bewohnt. ich entdecke immer wieder neue Figuren. Im Winter ist sie bestimmt -wie der Eistobel bei Isny- ein Wintermärchen :)
    einen schönen Sonntag wünscht
    heiDE

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  4. so verzauberte orte sind sie, die klammen, die so viel gegensätzliches in ihrem kühl vereinen :: ruhiges plätschern und tosendes wasserspritzen. wundervoll im wortsinne. ich freue mich schon auf den nächsten klammbesuch. so verlockend, deine bilder.

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  5. ....was für wundervolle Aufnahmen, tolle Naturaufnahmen.
    Liebe Grüße von Tatjana

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  6. Wunderschöner Text, schöne Bilder. Wir waren im Januar dort, leider aber war sie da gesperrt - zu gefährlich. Aber ich stelle mir die Klamm im Winter auch besonders schön vor.

    Viele Grüße,
    Caroline

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  7. Du hast eine ganz wunderbare Bild-Reportage zu dem spektakulären Spaziergang durch die Klamm erstellt, ich bin ganz begeistert und muss gleich noch einmal gucken - das wäre dann das dritte Mal :-)
    Liebe Grüße - Monika mit Bente

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  8. Dank dir bin ich schon mal auf einem guten Weg...zu meinen Bayernkenntnissen...;-) LG Lotta.

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  9. Sehr schöne Bilder. Ich habe heute zur Abwechslung auch einen kleinen Waldspaziergang gemacht und wieder gemerkt, wie gut mir die Natur tut.
    GGGGLG Jana

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  10. Mir verschlägt's gerade die Sprache. So viele so schöne Bilder.
    Lieben Gruß
    Katala

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  11. Sehr beeindruckend! Muss ich mir merken, sollte ich wieder in den Süden dieses Landes kommen.
    LG
    Astrid

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  12. Vielen Dank für diese tolle Erinnerung.....
    Wir sind im letzten Sommer durch die Klamm gewandert und waren auch total begeistert davon.
    Liebe Grüße
    Anette

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  13. wauuuuuu de is ah TRAUM::::
    I MOG UNSERE KLAMMEN ah sooo scheeen
    de KUNDLER KLAMM
    und de WOLFSKLAMM IN STANS:::
    BIN ALS KIND do oft alloane GANGA;;;;
    mei do lassat i meine ENKAL nia geh,,,ggggg
    HOBS no fein bussale bis bald de BIRGIT

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  14. Deine poetische Beschreibung und die wunderbaren Fotos haben mich verzaubert und mich daran erinnert. wieder öfter längere Spaziergänge in der Natur zu machen.
    Herzliche Grüsse,
    Claudine

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  15. seit ich vor kurzem das (fast) erstemal in einer klamm war, bin ich auch völlig fasziniert von diesen naturschauspielen. mir war teilweise ein wenig unheimlich ob der heftigen naturgewalten, die sich dort abspielen und welche unglaubliche kraft dahiner steckt! deine fotos und beschreibungen sind wunderbar und ich würde nichts lieber tun als (vielleicht nach einem strandspaziergang...) als heute eine klammwanderung zu machen!
    das "fast" bezieht sich auf einen besuch vor vielen jahren in der "via mala", einer schlucht in graubünden. dort wollte ich immer schon einmal hin, weil ich mit14 vom buch "via mala von john knittel sehr beeindruckt war. vor ort konnte ich mir dann gut vorstellen, wie die lebensbedingungen der familie des sägemüllers lauretz in den 1930er jahren waren.
    liebe grüße von mano

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  16. Traumhaft schöne Bilder von einer wunderbaren Natur. Und Du hast auch wieder so schön geschrieben. Ich gebe Dir recht, im Winter hat so eine Klamm ihren ganz besonderen Zauber. Wenn wir meine Schwester in Bayern besuchen, wandern wir immer durch die Partnachklamm (GAP) und man entdeck sie immer wieder neu.
    Eine schöne Woche, Kerstin

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  17. Wild und ursprünglich. Und durch Deine plastische Erzählweise fühle ich mich gleich eiskalt und frisch abgeduscht. Die Schlucht ist der Hammer!
    Liebe Grüße. ;)

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  18. wasser - ein lebenselixier. ob als meer oder bach oder fluss. immer wieder beeindruckend und so schön, mit einem hauch des zerstörerischen. das sieht wirklich nach einer fantastischen tour aus!
    herzliche grüße
    die frau s.

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  19. Ich brauche und will Urlaub ... auch wenn wir den nur zuhause und mit nicht so schönem Wasser verbringen. Super schöne Fotos hast Du uns mitgebracht!

    Allerliebst zu Dir,
    Steph

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  20. Poetisch eingefangen, Katja. Naturbelassene Flussläufe waren in Süddeutschland ein rares Gut - ab und an waren wir an der Murg... aber dann gabs auf weiter Flur nix mehr zu finden. Vielleicht schätze ich auch deshalb die wilden Flusslandschaften hier in der Drôme so. Ich kann mich dort wunderbar verweilen. Und wenn ich schöne Kieselsteine sammle...

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  21. Ich war dort auch schon einmal im Winter, das ist wirklich sehenswert. Die Eiszapfen überall und das viele Eis in genau deinen Farben. Da musst du unbedingt nochmal hin!
    Liebe Grüße, Dani

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  22. Danke für diesen Schreibtisch-Spaziergang! Den hab ich gebraucht! :) Ein so wunderbarer Ort, diese Klamm...

    Liebe Grüße,
    Lena

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  23. Wow, was für ein wunderbares Tal. Wenn ich mich recht erinnere, sind wir als Kinder mal dort gewesen und die Höhe der Felswände war damals als noch kleinerer Mensch wahnsinnig beeindruckend. Danke für die Erinnerung und den Gedankenausflug in die wilde Natur. Liebste Grüße
    Eva

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  24. Liebe Katja,
    so ein herrliche Fleck Erde. Deine tollen Bilder geben den Zauber dieses Ortes sicher nur in kleiner Form wieder. Es sieht großartig aus. Ein Ort, an dem man sicherlich rundum gut entspannen und neue Kraft tanken kann :-)
    Sonnige Grüße und eine schöne Wochenmitte wünscht,
    Sabine

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  25. dank dir, liebe katja für die bewegenden erinnerungen. denn bewegend im wahrsten sinne des wortes fand ich die breitachklamm, als ich vor etwa 10 jahren mit einer schulklasse dort zum ersten mal war. später bin ich noch privat mehrmals dort gewesen - angezogen vom rauschenden, prickelnden wassergestein.
    liebst birgit

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  26. Liebe Katja,
    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen und dabei auf den traumhaften Post von der Breitachklamm. Sie ist wirklich ein Traum! Und ich kann sie dir nur wärmsten (oder kühlstens) im Winter empfehlen - einfach gigantisch mit dem vielen Eis und auch oben erwartet einen eine traumhafte Winterlandschaft.
    Vielleicht sollte ich sie auch mal auf meinem Blog posten - aber erst im Winter :-)
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Trixi

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!