Sonntag, 11. Mai 2014

Von Tanzlinden, Kirchenburgen und Himmelstreppen.

Dass wir hier mit der Fränkischen Schweiz eine der landschaftlich schönsten Regionen Deutschlands quasi vor der Haustür haben, muss ich euch nicht mehr erzählen, schließlich hab ich euch schon viele Bilder davon gezeigt. Aber nicht nur die Landschaft ist sehens- und erwandernswert, die Ortschaften sind es auch. Deshalb nehme ich euch heute mit zu einem Sonntagsausflug nach Effeltrich, einem kleinen Ort im Landkreis Forchheim, ungefähr 20km nördlich von Nürnberg und gar nicht weit weg von den Marienliedern auf Knopfdruck und dem schönen Ostereierversteck bei Pinzberg, zu dem ich euch kürzlich entführt habe.





Effeltrich bedeutet usprünglich "Apfelreich" - also ein Ort mit vielen Apfelbäumen - und gibt einen Hinweis darauf, was über viele Jahrhunderte hinweg der Haupterwerb der örtlichen Landwirtschaft war. Dem Obstanbau verdankt auch die tausendjährige Linde ihre besondere Gestalt, denn die aufstrebenden einjährigen Triebe wurde über Jahrhunderte hinweg geschnitten, um mit dem Bast der Rinde die jungen Obstbäume zu binden, weshalb nur die großen horizontalen Hauptäste weiterwuchsen und der Linde ihre besondere Form gaben. 

Geschätzt wird die Sommerlinde von Effeltrich auf ein Alter von 400 bis 1.000 Jahren und hat in diesen Jahrhunderten wohl einiges er- und überlebt... viele Generationen von Menschen, Hungersnöte und fette Jahre, Dürren und Überschwemmungen, Kriege und Friedensschlüsse, war Versammlungs- und Gerichtsort und im 18. und 19. Jahrhundert auch Fest- und Tanzplatz. 
Linden hatten schon immer eine ganz besondere Bedeutung für Menschen. Germanen hielten unter Linden ihr Thing, ihre jährliche Stammes-Versammlung ab und auch bei den Slaven und Kelten galt die Linde als heiliger Baum, der Liebesgöttin Freya geweiht. Wegen ihrer herzförmigen Blätter, den kugeligen Früchten, dem süßen Duft gilt die Linde auch heute noch vielerorts als "Baum der Liebe". 
Ghislana hat mir dazu den Link zu einer sehr schönen Geschichte geschickt, die sie gerne auf Wanderungen vorliest.

Die schweren Äste der Linde von Effeltrich ruhen auf einem Balkengerüst, so dass der riesige hohle Stamm nicht weiter auseinanderbricht. Während die Krone ungefähr 20 Meter im Durchmesser misst, streckt die Linde ihre Wurzeln unter der Erde in einem Radius von ca 50 Metern (!) aus, was erklärt, warum sie trotz der Lage umgeben von Pflaster und Straßen immer noch sehr lebendig ist.
Aufgrund der 8 Hauptäste, die sich teilweise nochmal verzweigen und so zwölf dicke Arme bilden, die auf dem Holzgerüst aufliegen, wird die Linde von Effeltrich als Apostellinde bezeichnet - Die Zahl 12 steht für die zwölf Apostel, zwölf Monate und zwölf Tierkreiszeichen, sowie für die Verbindung von Himmel und Erde durch die Multiplikation von 3 x 4 - die Dreiheit der Götter Zeus, Hades und Poseidon und die Erde mit ihren vier Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten, Western. Aufgrund dieser Gegenbenheiten gilt die Linde von Effeltrich als mystischer Kraftort, der eine Verbindung von Himmel und Erde darstellt. (Quelle)

Ob man das nun glauben mag oder nicht - vor dem mächtigen Stamm mit acht Metern Umfang zu stehen, unter den riesigen Ästen und diesem gigantischen Blätterdach, blendet für diesen Moment die Alltagswelt drumherum komplett aus. Ehrfurcht macht sich bemerkbar, aber gleichzeitig auch eine unglaubliche Ruhe und ein Gefühl des Beschützseins, des Einsseins, dem zumindest ich mich nicht entziehen kann, wenn ich unter einem mächtigen alten Baum stehe. Dann kann ich nicht anders als meine Hände auf die borkige Rinde zu legen, so als könnte ich dadurch seine erlebte Geschichte und seinen Herzschlag fühlen und mich unserer ursprünglichen Verbindung und gemeinsamen Lebendigkeit versichern. Ein bisschen verstohlen, denn man wird ja schneller für verrückt gehalten als man denkt. ;-)

Gleich hinter der Linde liegt die Kirchenburg, dem Drachenritter St. Georg geweiht. Ende des 15. Jahrhunderts erbaut, ist sie vermutlich jünger als die Linde, die damals schon gestanden haben dürfte. Da es in Nürnberg stets überfallbereite Raubritter gab, wurde die Kirche als Wehrkirche gebaut, das heißt, sie ist von einer hohen Mauer und vier (ursprünglich fünf) Wachtürmen umgeben und nur durch ein bewachtes Tor zu betreten. Hinter dieses flüchteten sich die Dorfbewohner bei einem Überfall, denn eine Wehrkirche im Ort war schneller zu erreichen und aufgrund der Größe leichter zu verteidigen als eine Burganlage. Sie bot also der einfachen Bevölkerung Schutz bei einem feindlichen Angriff.

Über dem Torzugang wachen die Heiligen Laurentius, Georg und Sebastian und in einer separaten Nische weiter rechts würdet ihr jetzt eigentlich St. Georg sehen, der den Drachen tötet... wenn der nicht gerade anderweitig unterwegs gewesen wäre. Er führt am Ostermontag nämlich den Georgi-Ritt an, zu dem sich alle Pferde der Umgebung nebst Pfarrer und Reitern in einer Wallfahrt vor der Kirchenburg einfinden.
Die Kirche selbst soll ebenfalls durch die Verbindung der Erdkraft (Drache) über die Lanze mit Georg ein Kraftort sein... was ich aber weder bestätigen noch abstreiten kann, da dort gerade der Ostersonntags-Gottesdienst stattfand und wir nicht stören wollten. (Quelle) 

Ob nun Kraftort oder nicht, ist die Kirchenburg in ihrem Inneren auf jeden Fall ein beeindruckender Schutzort - für die dort ruhenden Beerdigten, aber auch für die Lebendigen und bietet gleichzeitig so viele wegweisende Details. So führen die ehemaligen Wehrgangstreppen heute geradewegs in den Himmel. Dass das Begehen dieser Treppen verboten ist, hat natürlich bauliche und sicherheitstechnische Gründe - der Symbolgehalt entbehrt dennoch nicht einer gewissen Ironie.


Ob Linde und Kirchenburg in Effeltrich nun wirklich Kraftorte sind? Am besten, ihr überzeugt euch bei einem Besuch selbst davon...Effeltrich, Kirchenburg St. Georg, tausendjährige Linde von Effeltrich, Fränkische Schweiz, Kraftorte, alte Bäume, Ausflüge rund um Nürnberg, Ausflüge Franken, Mittelfranken

Kommentare:

  1. Von der Linde habe ich schon gehört und gelesen...Ich liebe solche Ausflüge, wie du sie beschreibst...kleine Fluchten aus dem Alltag...tut der Seele so gut...besser als eine Woche am Pool liegen...;-) LG Lotta.

    AntwortenLöschen
  2. Gar nicht so einfach ist es, sich in einem Garten für eine bestimmte Baumauswahl zu entscheiden. Es gibt so viele schöne Bäume - die ihre ganze Pracht eigentlich ausschließlich im Alter zeigen! Eine Linde mußte es aber sein. Und nicht nur deshalb, weil ich das alte Volkslied *Wo wir uns finden, wohl unter Linden, zur Abendzeit* so mag... schönen Sonntag!

    AntwortenLöschen
  3. Danke fürs Mitnehmen! Linden haben auch für mich eine große Bedeutung, alte fränkische Orte eine Anziehungskraft...
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Katja!
    Herzlichen Dank für dieses tolle posting! Das war mir ein schöner Ersatz für den fehlenden Morgenspaziergang! Und du hast es so gut beschrieben, dass man am Liebsten direkt selbst dort hinreisen möchte. Das Gefühl beim Umfassen eines Baumes kenne ich auch, obwohl ich eigentlich eher materialistisch denke.....

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Katja,
    Linden sind meine Lieblingsbäume, eben weil sie Kraftbäume sind, besonders für Frauen, in unserem Garten wächst auch eine.... da habe ich mich durchgesetzt... mein Traum eine Holzbank um die Linde herum. Die Fränkische Schweiz ist wirklich wunderschön, muss dringend mal wieder hin,
    danke für den virtuellen Ausflug
    Judika

    AntwortenLöschen
  6. Danke, dass du uns mitgenommen hast - ich habe es genossen.
    Traumhafte Bilder und die Linde - ja, dort hätte ich auch verweilt
    und sie umarmt, soweit es denn möglich ist, um mich mit ihr
    verbunden zu fühlen. Toller Post! Martina

    AntwortenLöschen
  7. Was für ein schöner Spaziergang - Kraftort. Garantiert ist das ein Kraftort unter der Linde. In meinem Ort stehen Linden dicht an dicht auf dem Deich, der Friedhof ist mit diesen Wesen umpflanzt.
    Und der Lindenblütentee ist ja auch was tolles und erst der Lindenblütenhonig.
    Danke für`s Mitnehmen.,
    LG Heidi

    AntwortenLöschen
  8. Dieser Baum ... ganz Märchenhaft! Weiß man, wie alt die Linde ist? Für mich nie vorzustellen, was so ein Baum schon alles "gesehen" hat.

    Hab einen schönen Restsonntag und schönen Muttertag,
    Steph

    AntwortenLöschen
  9. Danke daß du uns mitgenommen hast. Ich liebe uralte Linden sehr, und wir haben selber eine in der Nähe ♥

    Beste Grüße,
    Kivi
    http://kivi.dreamwidth.org/

    AntwortenLöschen
  10. Irgendwann werden wir mal dort und an all den anderen von Dir empfohlenen Orten urlauben. Und Du "bist schuld". Ich freue mich schon darauf...
    Diese Linde, da wird alles andere ganz klein, das glaube ich gern und lege meine Hände auf der Rinde neben Deine. Dann wird man gleich nur noch für halb so verrückt gehalten...? Herzliche Grüße, Marja

    AntwortenLöschen
  11. Wunderschön, die Linde! Und beeindruckend. Das Alter kann ich mir nur entfernt vorstellen, so groß ist die Zahl.
    Linden sind auch schon immer meine Lieblingsbäume. Komme ich doch aus einer "Lindenstadt", in der die Straßen gefüllt sind mit den Bäumen. Und ich habe auch jetzt direkt vor dem Balkon ein wunderschön großes Exemplar.

    AntwortenLöschen
  12. Ein zeitnaher Besuch kommt wohl leider nicht in Frage, umso schöner ist Dein Rundgang durch diesen lieblichen Ort. Die Linde ist ja wohl irre schön. Sowas habe ich noch nicht gesehen! Auch die Burg und das Holzverandagartenlaubenhaus auf dem dritten Bild sind wunderschön.
    Liebe Grüße. ;)

    AntwortenLöschen
  13. Was für ein herrlicher Ort...!!! Und wieder so gut Raumfee-fotografiert ;-) Fränkische Schweiz ist lange Jahre schon Lieblings-Urlaubsraum eines befreundeten Paares, so langsam begreife ich, warum ;-) Irgendwann komme ich auch. Lieben Gruß Ghislana

    AntwortenLöschen
  14. Dies ist mal wieder einer dieser Posts, für die ich deinen Blog liebe. So schön geschrieben und fotografiert, dass man diesen besonderen Ort ein bisschen fühlen kann. Danke!
    Liebe Grüße
    Christiane

    AntwortenLöschen
  15. Danke dir für diesen Ausflug - so eine magische Apostellinde wär was feines im Garten... Lieben Gruß zu Dir Iris

    AntwortenLöschen

Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!