Sonntag, 25. Mai 2014

Im Reich der Rußkäfer.

Wisst ihr eigentlich, wo ich aufgewachsen bin? In einer kleinen Stadt an der Rednitz in der Nähe von Nürnberg, die dort, wo andere Schild und Schwert präsentieren, zwei Mal zwei gekreuzte Bleistifte in ihrem Wappen trägt. Das ist natürlich kein Zufall, denn Stein wird auch "die Bleistiftstadt" genannt. Als Stammsitz von Faber-Castell ist es seit 1761 Produktionsort für Blei- und Buntstifte des gleichnamigen Unternehmens und das ist es bis heute geblieben. Das Faber-Schloß habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder besucht, die umliegenden Wälder, das Freiland-Terrarium und all die anderen alten Plätze meiner Kindheit, aber eines habe ich bisher versäumt: Das Museum "Alte Mine" ist mir immer irgendwie entgangen. In den originalen Betriebsräumen hinter dem stromproduzierenden Wasserrad bekommt man hier einen Einblick in die Bleistiftproduktion der Firma Faber-Castell vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, während in den Stockwerken darüber die Bleistifte inzwischen mit moderneren Maschinen gefertigt werden.
Gestern habe ich euch die Rußkäfer schon angekündigt - also kommt doch einfach heute mit in ihr Reich...


Die Bleistiftproduktion wird heute zwar von Maschinen im Sekundentakt erledigt und nicht mehr einzeln von Hand, das Prinzip der Produktion ist jedoch fast das gleiche geblieben wie damals. Für einen Bleistift benötigt man Zedernholz, Graphit, Ton, Leim und Wasser. Und das Blei? Das ist gar nicht drin. Man hielt das Graphit früher wegen seiner optischen Ähnlichkeit für Blei - als man herausfand, dass es gar keins ist, hatte sich der Name Bleistift schon so etabliert, dass man ihn nicht mehr änderte.
Und wie werden die Bleistifte hergestellt? Die Graphitbrocken werden in einer Mühle gemahlen und mit dem in Wasser aufgelösten und gereinigten Ton in einem exakten Mischungsverhältnis zu einem Schlamm vermengt. Die Höhe des Tonanteils bestimmt dabei den Härtegrad des Bleistifts - je mehr Ton, desto härter ist der Stift.

Graphit & Ton

Diese "Suppe" kommt nach ausgiebigem Rühren in Stofftaschen, die ähnlich Hängeregistraturen aufgehängt sind. Ein großer Stempel drückt diese Taschen zusammen und somit das überschüssige Wasser heraus. Übrig bleibt eine Masse ähnlich Kuchenteig, die komprimiert, entlüftet und durch Düsen in Schnüre gepresst wird. Diese werden getrocknet, abgelängt und bei über 1000 °C im Ofen gebrannt, damit sie die gewünschte Härte erreichen.


Wandputz mit Graphit- und Tonstaub aus drei Jahrhunderten

Pressung der Stofftaschen mit der Minen-Rohmasse // fertige "Presskuchen"

Minenabschnitte

Anschließend werden die qualitätsgeprüften Minen zwischen zwei genutete Holzbrettchen geklebt und die Stifte dann aus dem Brett herausgefräst. Viel hat sich bis heute nicht an dieser Produktionsweise geändert - nur dass der computergesteuerte Vorgang heute nur noch Sekunden dauert und die Produktionsmenge sich damit um ein vielfaches potenziert.

Energie für die Produktion lieferten in den vergangenen Jahrhunderten Wasserräder in der angrenzenden Rednitz und Trinkwasser kam aus dem hauseigenen Brunnen. Noch heute wird 30% der benötigten Energie für die Stiftproduktion von der Wasserturbine im Fluss erzeugt.... der früher für uns Kinder - etwas entfernt von der Fabrik - auch gleichzeitig als Freibad diente.

Die Firmengeschichte der Bleistiftherstellung von Faber begann mit dem Steiner Schreiner Kaspar Faber im Jahr 1761. Er produzierte 5 Stifte pro Tag, die seine Frau auf den Märkten verkaufte. Seitdem hat sich einiges getan. Die Firma wurde in jeder Generation weitergeführt und gelangte unter Lothar Faber zu Weltruhm. Er modernisierte und steigerte nicht nur die Produktion und hob den Qualitätsstandard, er gründete auch die erste Betriebskrankenkasse in Bayern, eine Arbeitersparkasse, eine Rentenkasse, richtete eine Arbeiterbibliothek für die Bildung ein, unterstützte Schulen und baute einen Kindergarten und bezahlbare Mietswohnungen für seine Arbeiter. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ein absolutes soziales Novum.
Wegen seiner wirtschaftlichen und sozialen Verdienste wurde Lothar Faber 1862 vom bayerischen König in den Adelsstand erhoben. 1875 erreicht er die Etablierung eines Markenschutzgesetzes in Deutschland. Heute ist A.W. Faber-Castell ein weltweit agierendes Unternehmen - nach wie vor mit dem Firmenhauptsitz in Stein bei Nürnberg.
Wer sich für die Firmengeschichte interessiert, der kann diese auf der Seite des Unternehmens nachlesen.


Minen vor der Qualitätskontolle // altes Kontor

alte Laboreinrichtung

Und was hat das jetzt mit Rußkäfern und dem gestrigen Himmel zu tun? Rußkäfer wurden die Arbeiter in der Minenproduktion damals genannt, denn sie waren - wie auch die gesamten Produktionsräume und Maschinen - immer mit schwarzem Graphitstaub bedeckt...

Erst am Ende der sehr interessanten und kurzweiligen Führung durch das Museum Alte Mine kam ich darauf, woher ich den älteren Herrn kenne, der die Führung gemacht hat. Clogs-Erich... mein Englischlehrer der 5. und 6. Klasse. Das war... Moment... vor 35 Jahren. Damals trug er sowohl im Sommer als auch im Winter immer Holzclogs, was ihm den Spitznamen eingebracht hat. Der geistige und körperliche Unruhestand scheint Menschen deutlich fitter zu halten als die Rente...

Wer hat nicht Stifte dieser Firma zu Hause in der Schublade? Es werden wohl nur wenige sein. Ich bin aufgewachsen mit dem Schloß, den Produktionsgebäuden am Ortseingang, mit B- und HB-Bleistiften zum Zeichnen - und sie haben mich quer durch Schule, Studium und Berufstätigkeit bisher immer begleitet.

Die Bleistiftritter wurden 1905 das Logo der Firma A.W. Faber-Castell und prangten auf den Bleistiftdosen bis 1950. Die beiden von meinem Opa geerbten Stiftdosen aus dieser Zeit hüte ich sehr und darin befinden sich auch heute noch meine Bleistifte... die ja genaugenommen gar keine sind.



Das Museum "Alte Mine" ist für Einzelbesucher leider - wie auch das Faber-Schloß - nur an jedem dritten Sonntag im Monat von 11 - 17 Uhr geöffnet. Den nächsten Besuch im Raum Nürnberg plant ihr also besser genau. Individuelle Führungen - auch durch die moderne Holzstiftproduktion - können jedoch ab einer gewissen Gruppengröße individuell vereinbart werden.

Das ist übrigens kein gesponserter Post, sondern Lokalpatriotismus und Freude an Geschichte und traditionell handgemachten Dingen. 
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Kommentare:

  1. Was für eine geballte Ladung an Information! Wenn du mal ins Rentenalter kommst, dann könntest du den Job deines alten Lehrers übernehmen...;-) Wenn wirklich Blei in den Stiften wäre, dann gäbe es unter den Arbeitern der Fabrik eine gesundheitlich Fluktuation...und wahrscheinlich hätten dann auch die Verbraucher nicht lange etwas von den Stiften...;-) Hier haben wir eine ganze Palette von diesen Stiften, denn großes Tochterkind ist recht talentiert im Zeichnen...und ich war es vor 100 Jahren auch mal...LG Lotta.

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  2. hallo,
    da kam neulich in 3sat ein bericht drüber und gerade über die firma faber castell wurde berichtet.
    schöne information, die ich gerne nochmals gelesen habe.

    mfg eva

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  3. Hallo Katja,
    was für in toller Bericht! Das wäre auch ein Museumsbesuch nach meinem Geschmack und mehr über ganz normale Alltagsgegenstände erfahren, steht bei uns gerade ohnehin hoch im Kurs, schauen wir doch mit unserem 4jährigen gerade gern die Sachgeschichten mit der Maus ...und lernen selbst noch was dabei!
    Viele Grüße - und Danke für's mitnehmen, Swantje

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  4. Guten Morgen Katja,
    wow, toll geschrieben, sehr interessant, und klasse Fotos.
    Schöne Kindheitserinnerungen zeigst Du uns hier immer wieder -
    die Erfahrungen mit Deinem Englischlehrer waren wohl nicht allzu schlimm, sonst hättest Du ihn bestimmt eher erkannt, oder?! liebe Grüße von Petra

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  5. Liebe Katja, das war sehr interessant. Vor Jahren habe ich als Journalistin für ein Südamerika-Magazin über Faber-Castell geschrieben und den Ort Stein besucht. Ich hatte das ganz verdrängt. Dank deines Posts ist die Erinnerung wieder da. Ist es nicht beeindruckend, dass es Menschen gibt, die so viel verändern und einen solchen Unterschied für andere Menschen machen wie Lothar Faber. Und wie etwas klein anfängt (fünf Bleistifte am Tag) und mit langem Atem über Generationen hinweg ganz groß wird. Ganz begeistert bin ich auch von deinen Fotos: besonders von der alten Laboreinrichtung und von der schönen Fassade des Museums. Danke und schönen Sonntag! Uta

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  6. Wow, das war mal wieder ein wunderschön bebilderter und lehrreicher Ausflug, vielen Dank!
    liebe Grüße, Dani

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  7. Ein ganz toller Beitrag! Und dann diese grandiosen Farben und Details in den ersten Bildern!
    Liebe Grüße
    Christine

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  8. Boooh,toll beschrieben von dir,hochinteressant,wenn ich mal bei euch in der Nähe bin,schaue ich mal ins Museum rein!Besonders schön für und Mitglieder der schwarzen und weißen Zunft!!!LGKatja

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  9. Oh Katja, was für ein interessanter Beitrag. Ich bin ja nun nicht "markenbekloppt", aber es gibt immer wieder Namen, die sich bewehrt haben und ich mir gar nicht vorstellen könnte etwas anderes zu benutzen. Einmal, weil man von der Qualität überzeugt ist, zum Anderen weil es einfach ein gutes Gefühl ist, etwas so Altes und Traditionelles zu verwenden. Wie die "nicht-Blei-Stifte" von Faber ...! ;-)

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Claudia

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  10. wow, mal was ganz anderes. wirklich schöner beitrag!

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  11. Liebe Katja, ein toller und informativer Beitrag- danke dafür. Leider wohnen wir zu weit weg um< einmal so kurz zwischendurch< eine Besichtigung zu machen. Aber vielleicht mal auf einer Urlaubsreise mit Zwischenstop- und wie zufällig haben wir gestern Schule gespielt , was ich mal posten will. Und da steht ein Faber-Castell-Buntstiftkasten auf dem Schreibtisch::))
    Einen schönen Sonntagabend wünscht
    heiDE

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  12. Was ein traumhafter Museumsbesuch, ganz nach meinem Geschmack. Im letzten Urlaub in England haben wir das Pencil-Museum von Cumberland besucht, was längst nicht so stimmungsvoll war, und die Stifte haben auch nicht die Qualtät... Liebe Grüße von Michaela

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  13. Ein toller Bericht, danke! Ich muss unbedingt noch versuchen, dem Museum einen besuch abzustatten, so lange ich noch hier wohne!

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  14. Dein Post liest sich so klasse. Danke, für die vielen Infos, die wirklich interessant sind.
    Und ja, auch bei mir liegen die Stifte auf dem Schreibtisch.
    Liebe Grüße
    Anette

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  15. Irre 5 Bleistifte als Tagesproduktion.
    Dein Bericht ist sehr spannend geschrieben und ich habe einiges gelernt dabei.
    herzlich Judika

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  16. Vielen Dank für den tollen Post, vor allem auch die Fotos finde ich dieses Mal ganz große Klasse. Als Schülerin habe ich es geliebt, mein Mäppchen mit den Blei- und Buntstiften von Faber-Castell aufzuräumen: die Stifte wurden liebevoll gespitzt und nach Farben und Größen sortiert, allein der Geruch. Auch heute noch, schreibe ich gerne mit Bleistift.

    LG Verena

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  17. dein bericht und deine fotos sind so anregend, dass ich am liebsten sofort zu den rußkäfern aufbrechen würde. ein museum genau nach meinem geschmack!!
    liebe grüße von mano (bleistiftliebhaberin)

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  18. Das kommt auf jeden Fall auf meine to see Liste! Ich liebe Werksbesichtigungen!
    Danke!
    Gros bisou
    Sandra

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  19. Liebe Katja, was für ein toller Bericht:))In Stein war ich schon, nur leider nicht in dem interessanten Museum !
    Hoffe ich komme bald mal dazu....denn Bleistifte sind mir sowieso die sympathischsten Stifte;)
    ♥Kerstin

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  20. So interessant - was für ein besonderes Museum. Die Zeitmaschine hat es vergessen - und ich liebe sie alle die Härtegrade der Bleistifte. In meiner Schublade habe ich sie alle - für jeden Zweck den richtigen Stift. Mir gefällt auch das Anspitzen. Es ist jedesmal ein kleiner Neuanfang... LG Iris

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  21. Was für ein spannender Bericht! Vielen Dank dafür. Man fasst und schaut die Dinge gleich anders an, deren Geschichte man kennen gelernt hat.
    Liebe Grüße
    Andrea

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!