Mittwoch, 4. Dezember 2013

Rituale sind gelebte Erinnerungen.

Der Spielplatz meiner Kindheit war das Brachland gegenüber dem Haus meiner Eltern und der angrenzende Wald und Wiesengrund. Dort verbrachte ich mit meinen Schulfreunden meine Nachmittage bis zum Einbruch der Dunkelheit, dort kämpften wir um den Besitz des Baumhauses und verteidigten den Baumhausbaum, kletterten auf Bäume, fielen runter, badeten verbotenerweise im Fluß, pflückten Blumen, klauten Kartoffeln, bauten Höhlen, Hütten und heimliche Stützpunkte in Imkerwagen und im Unterholz, wurden von Wespen gestochen, kämpften als Banden gegeneinander, entdeckten Verstecke von Verbrechern, erzählten uns Gruselgeschichten, fürchteten uns vor verhexten Baummonstern, schlugen uns die Knie auf, gegenseitig auf die Mütze und... waren frei. 






Ich empfinde es als großes Geschenk, dass ich so aufwachsen durfte... wenn eine solche Kindheit am Rand des damaligen Neubaugebiets einer fränkischen Kleinstadt in relativer Freiheit sicherlich auch viel gefahrenreicher war, als das heute in der Stadt der Fall ist. Das haben wir aber nie so empfunden und unsere Eltern damals auch nicht. Wir waren viele Kinder in der Siedlung und nur selten alleine unterwegs. Wann immer ich in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren dorthin zurückgekehrt bin, um meine Eltern und heute meine Mutter zu besuchen, laufe ich durch den angrenzenden Wald, besuche die verschlungenen Pfade mit den geheimen Maiglöckchen- und Bärlauchstellen, das dort herumstreifende Rehrudel, den Plätscherbach, baue mit meinem Sohn ähnliche Hütten wie damals und treffe mich natürlich mit meinem alten Baumhausbaum. 

Mein alter Baumhausbaum... für Rebekkas Baumsammlung
Was haben wir dort für Abenteuer erlebt. Unser Baumhaus wurde von den Bauarbeitern des angrenzenden Neubaugebietes geschleift... wir holten uns die Gerüstdielen zurück und bauten es wieder auf, es wurde belagert, gestürmt und umkämpft, wir wurden besiegt und eroberten es zurück.... Heute baut dort niemand mehr ein Baumhaus, obwohl die Eiche mit den zwei Stämmen immer noch perfekt dafür wäre - wenn sie auch heute mindestens doppelt so hoch ist wie damals.

Dieser Wald ist vollkommen unspektakulär - Kiefern, Buchen, Eichen, ein paar Birken... aber für mich ist er ein Stück Heimt, die ich nicht missen möchte, ein Ort zum Aufatmen und daheim Sein. Gelebte Erinnerung. Dort war ich als Kind verpflichtungsfrei glücklich und ich bin es dort heute noch - sogar im beginnenden Winter.
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Kommentare:

  1. was gibt es tolleres als ein Baumhaus, liebe Katja ?? nichts...denn ich hatte selber eins und erinnere mich nur zu gerne zurück...an Bandenkämpfe...geklautenKartoffeln, Lagerfeuern, vergrabenen Schätzen und gefangenen Fischen im Fluß, die wir dann wieder die Freiheit schenkten...auch unser Baumhaus existiert nicht mehr, aber immer wenn ich in meiner alten Heimat bin und mit den Kindern spazieren gehe, erzähle ich ihnen von diesen wunderschönen Kindheitserinnerungen...
    sei ganz lieb gegrüßt von Uli - der Kramerin

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  2. Wie herrlich! Ich bin froh, dass wir unseren (nun erwachsenen) Kindern noch ganz viel Naturfreuden ermöglichen konnten. Gerade las ich "Das letzte Kind im Wald ?" von R. Louv und konnte bestätigen, was er dort schreibt. Ich bin viel mit den Hunden in den Wäldern, Feldern und Wiesen unterwegs. Kinder sehe ich dort nie.
    Was geht den heutigen Kindern alles verloren...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Ich habe solche Erinnerungen an meine Sommerferien in Oberstdorf bei meinen Großeltern, wo ich immer mit meinen Cousinen durch den angrenzenden Wald gezogen bin, Heuschober erobert und die wandernden Touristen erschreckt habe. Das sind wunderschöne Erinnerungen, die uns keiner mehr nehmen kann und ich hoffe, dass auch meine Tochter später solche Erinnerungen haben wird, die sie ihr Leben lang begleiten. Aber es ist schon sehr schwer bis unmöglich, dieses Freiheitsgefühl in der Stadt zu bekommen. Vielleicht kann sie es in unserem Häuschen am Meer ein wenig erleben (dort leider ohne andere Kinder).
    Liebe Grüße und vielen Dank für diese wie immer schöne Adventsgeschichte,
    Dani

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  4. da haben wir doch sehr ähnliche erinnerungen an die kindheit.
    auch ich bin sehr frei aufgewachsen. wir waren unterwegs im wald auf dem bauernhof der freundin oder am see zum baden oder schlittschuhfahren. die erwachsenen waren da nicht zu gange. wir konnten sein...
    dafür bin ich sehr sehr dankbar und bin froh, dass meine kinder es auch noch so kennen wenn auch nicht mehr ganz so frei.
    ich finde es sehr schade, dass die wenigsten kinder das noch so erleben dürfen.
    sich spüren, ausprobieren und unbeobachtet sein...
    liebe grüße
    andi

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  5. Guten Morgen Katja,
    ja, genau so war es bei uns auch. Eine große Gruppe Kinder aller Altersklassen, den ganzen Tag draußen unterwegs. Wir waren bei Wind, Regen, Schnee und Sonne IMMER draußen. Auf dem Spielplatz, im Wald hinter unserem Haus, auf dem Rodelberg. Und immer ohne unsere Eltern.Ich bedaure oft, dass das in dieser Form für Kinder heute nicht mehr möglich ist. Erstens gibt es diese Horden von Kindern gar nicht mehr und zudem haben die meisten Kinder einen Terminplan, bei dem manch Manager schlucken würde. Radelten wir früher ins Zentrum unseres Stadtteils, um uns beim Bäcker für ein paar Groschen Naschzeugs zu kaufen, werden die Kinder heute überall mit dem Auto hingefahren. Mein Mann und ich sprechen oft darüber, wie unbeschwert wir im Vergleich zu heute aufwachsen konnten und wie gerne wir das auch unserem Sohn ermöglichen würden. Aber, die Zeiten haben sich geändert und man muss es so nehmen wie es ist. Glücklicherweise haben wir wenigstens einen großen Garten und viele Parks in der Nähe, in denen sich der kleine Mann austoben kann.

    Liebe Grüße
    Birgit

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  6. Oh der Kommentar ist wohl im Nirvana gelandet. Also nochmal.
    Ich finde es schön, dass Du diesen Ort immer wieder aufsuchst und so die schönen Erinnerungen hochhältst. Ich habe den Eindruck, dass die Eltern früher entspannter waren. Die wussten ja oft stundenlang nicht, wo man war.
    Liebe Grüße. :)

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  7. Vielen Dank für diesen tollen Baum! Dein unspektakulärer Wald ist schön, die Fotos ziehen mich direkt in ihn hinein, um nach dem kleinen Reh Ausschau zu halten und frische, feuchte Luft zu atmen.

    Gut, dass du mich auf die fehlende Label-Anzeige hingewiesen hast. Ich verstehe nicht, wo die hingeraten sind. Ich werde sie gleich einblenden.

    LG
    Rebekka

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  8. kindheit wie sie sein sollte... nicht mehr selbstverständlich - leider. eine aufgabe, natur, wild, wie du sie leben durftest, unseren kindern wieder zurückzuerobern, denn geben tut es sie noch, die wälder, die wiesen... und ganz ehrlich birgt manch spielplatzgerät und manch gartentrampolin wesentlich mehr verletzungsgefahren als die wilde natur, mit deren gefahren und grenzen kinder sehr schnell umzugehen lernen. die heute gebotene sicherheit ist oft eine trügerische, vor allem wurzelnehmende, einengende, nicht naturgemäße. denn auch unsere kinder sind wie bäume - sie müssen wurzeln bilden können, müssen wachsen können in ihrem tempo, um eines tages stattliche kronen ausbilden zu können und früchte zu tragen, dann, wenn es an ihrer zeit ist...
    vielleicht bin ich zu illusionistisch, stehe ich doch noch ganz am beginn meiner vorhaben und neuen ausbildung - aber der grundgedanke der dahinter steht, ist genau dieser - den kindern die natur zurückzugeben...
    ich danke dir für diesen post! einer mehr, der zeigt, welche kindheitserinnerungen im endeffekt zählen, welche wichtig sind...
    herzlichen kindheitsgruß
    dania

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    1. da gibt es gar nichts hinzuzufügen! liebe katja, wieder mal ein so tiefgehender beitrag aus dem reichtum reicher lebenserfahrungen. wir haben es schon auch ein stückweit in der hand solche erfahrungen auch für unsere kinder und enkel (wieder) zugänglich zu machen. sich abzufinden nach dem motto "die zeiten haben sich verändert, ist eben heute so, kann man nichts machen..." wäre eine katastrophe. auch ich bin mit diesem thema beruflich unterwegs, und was mich oft schwer erschüttert, ist die tatsache, wie viele heutige eltern und angehende erzieher solche von dir beschriebenen erfahrungen nicht mehr kennengelernt haben, sie nur unbewusst vermissen und die leere in sich mit ersatzbefriedigendem konsum und "event"-hascherei zu füllen versuchen. dass die beziehung zur natur verloren gegangen ist, dürfte eine der hauptsächlichen ursachen dafür sein, dass wir heute mit ihr so "herumwirtschaften" und nicht merken, wie der ast, auf dem wir sitzen, uns nicht mehr halten kann... lieben gruß aus dem wald vor der tür, in dem viel gespielt wird, die kita- und hortkinder ihre buden bauen auch heute, wie damals meine kinder und nun die enkel... ghislana

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  9. Wundervolle Erinnerungen die Du mit uns teilst und ich kann das gut nachempfinden, da meine Kindheit ähnlich war. Mein Elternhaus liegt auch in direkter Nähe zum Wald und jeden Samstag trafen sich alle befreundeten Familien, auf dem in unserer Straße gelegenen Spielplatz, um dort Kaffee zu trinken, jeder brachte einen Kuchen mit und wir Kinder spielten im Wald. Hütten bauen, Bandenkriege, DoppelE spielen (was wahrscheinlich fast niemand kennt :) ) - da kommen Erinnerungen hoch.
    Vielen Dank für diesen kleinen gedanklichen Ausflug
    Liebe Grüße
    Nina

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  10. Liebe Katja,

    Du schreibst immer so, dass ich direkt den Wald rieche und einfach mit allen Sinnen nachfühlen kann. Toll! Wir hatten früher nur einen Vorgarten, aber der hat gereicht für´s Budeniglukampfleitzentraleundkrankenhaus-bauen. Hauptsache draußen und mit anderen Kindern zusammen sein.
    Danke für diese Inspiration...
    Beste Adventsgrüße, anne

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  11. ganz ähnliche erinnerungen habe ich auch. es war ein kleines "öko-dorf" in hessen und mitten im wald, aber das weisst du ja schon. schön war die zeit. liebe grüße, wiebke

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  12. Danke für diese schönen Zeilen ... ja diesen "Luxus" sollten alle Kinder haben ...

    Liebe Grüße
    Jutta

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  13. Das ist die Kindheit, die ich und viele aus der Generation 50er / 60erJahre so oder ähnlich erlebt haben. Das "wilde" freie Kinderleben, das auch Astrid Lindgren beschrieben und gegen die Phantasielosigkeit der Erwachsenen verteidigt hat. Und selbst für eher ängstliche Mütter wie die meine war es völlig selbstverständlich, dass wir Kinder ein weites Gebiet um unseren Wohnort herum "bespielten" und sie oft nicht wusste, wo wir uns herumtrieben. Ganz zu schweigen von der Kontrolle durch Handy u.ä. Solange man bei Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam, war alles in Ordnung. Aber wir sind auch oft nach dem Abendessen noch mal raus und haben im Dunkeln Verstecken gespielt... Ich habe meine Jungs immer ermuntert, rauszugehen - so ein richtiges Feld- Wald- und Wiesenkind war aber nur der Jüngste. Immerhin... :-)

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  14. Wie schön...liebe Katja...deine Kindheitserinnerungen! Was für dich das angrenzende Wäldchen ist, war für mich der angrenzende Park mit kleinem Bach...um den sich so manche gruslige Geschichten...auch über Mord und Totschlag...rankten...Lange ist es her...LG Lotta.

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  15. ja, auch ich stamme noch aus einer zeit, wo man so ungebunden und frei, fern von erwachsenenaugen und erwachsenenvorgaben spielen und toben und sich entwickeln durfte. wo es einfach noch abenteuer und echtes leben gab! und wie eine vorkommentatorin geschrieben hat. selbst ängstliche mütter waren nicht so ängstlich, dass sie das unterbunden hätten.
    ich habe versucht, meinen kindern ähnliches einzuräumen und ich glaube auch, dass es über weite strecken doch gelungen ist, auch wenn die zeiten sich geändert haben. und manches haben sie sich auch einfach "herausgenommen" - gott sei dank.
    man muss sich bloß verabschieden von diesem gedanken, der so weit um sich gegriffen hat, dass kinder unter allen umständen möglichst tag und nacht gefördert werden müssen, von einer aktivität und einem unterricht zum nächsten gekarrt werden müssen, dass ihnen ansonsten im leben einmal fähigkeiten fehlen werden. ganz im gegenteil!
    ich finde auch LANGEWEILE ungeheuerlich wichtig. einmal niemanden haben, der spielvorschläge macht oder mit einer bastelei aufwartet oder dies oder das ... kinder sind mehr als fähig, sich ihre unterhaltung selbst zu machen und ihre ideen sprudeln zu lassen. sie brauchen zwar die liebe und den rückhalt ihrer eltern, nicht aber dauerberieselung und dauerüberwachung.

    ursula

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    1. liebe ursula, das sehe ich ganz genauso: wenn unter der "förderung" (so gut si auch gemeint ist) die eigene inspiration und die eigene entdeckungs-, erkundungs- und lernlust der kinder verloren gehen...und damit jede eigene initiative..., die uns doch erst (über)lebensfähig macht, wenn einmal niemand da ist, der alles für uns regelt.... lieben gruß ghislana

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  16. liebe katja, du hast es so toll beschrieben. ich kann in deinem ersten absatz jedes einzelne wort unterstreichen, genauso war meine kindheit auch. voller abenteuer, voller naturerlebnisse, voller freiheit. mir tut es heute in der seele weh, wenn ich sehe, dass sogar hier auf dem dorf die kinder nicht mehr draußen spielen, sich nicht mehr in gruppen verabreden, nicht mehr gemeinsam schlitten fahren, nicht mehr mit dem rad die gegend erobern. wo sind sie alle, die kinder?? ich befürchte vor dem computer, vor dem fernseher, wenn es hochkommt noch beim musikunterricht oder im sportverein (letzteres noch die bessere wahl). wir warfen früher unsere ranzen in die ecke und dann nichts wie raus!
    dein baumhausbaum ist wunderschön und die hütte deines sohnes auch, da möchte ich am liebsten gleich mitbauen!
    liebe grüße von mano
    ps: noch keine post...

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  17. deine wundervolle kinderwaldliebesgeschichte hat mich auch an alte zeiten erinnert. bei mir wars kein wald, sondern kiesgrube und umgebung - und das, obwohl ich mit einer überaus ängstlichen mutter aufgewachsen bin...
    liebste grüße von birgit

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  18. Eine schöne Geschichte von einer glücklichen Kindheit!
    LG Heidi

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  19. was für schöne Kindheitserinnerungen.
    So geheime feien Plätze habe ich auch. Mit Baumhausgedanken.

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  20. ich hatte das glück, ähnlich frei — im hinblick auf natur und glücklicherweise überhaupt — aufwachsen zu dürfen. und es tut mir oft leid für meine kinder, dass ich ihnen das hier in der stadt nicht bieten kann; umgekehrt gibt es hier natürlich ganz viel, das ein verzicht wäre, nicht zur verfügung zu haben und die rechnung geht letzten endes schon auf, denke, hoffe ich. dennoch: kindheitsnaturerlebnisse sind etwas ganz eigenes, wichtiges, prägendes, unersetzliches. wunderschön, die deinen.

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  21. ein schöner rückblick…..dort aufgewachsen zu sein, stelle ich mir traumschön vor. erfahrungen in der natur sind immer unersetzlich. MERCI! liebe grüsse zu dir!

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  22. Hallo,
    ich glaube nicht, dass das Aufwachsen in der Stadt ungefährlicher ist. Im Gegenteil! Das sind wirklich wunderbare Kindheitserinnerungen....

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!