Sonntag, 10. November 2013

Furkablick . Ohne

Nebel und Wolken haben die unheimliche Fähigkeit, Orte zu verschlucken. Sie begrenzen das Sichtfeld auf wenige Meter, reissen einen Ort aus dem landschaftlichen und räumlichen Zusammenhang und stellen ihn frei, so dass er nicht mehr zu verorten ist. Dazu dämpft der dichte Nebel wie frisch gefallener Schnee alle Geräusche und stellt die Sinneswahrnehmung auf eine ganz besondere Probe. Selbst wenn man glaubt zu wissen, was hinter einem Geländer, hinter einem Gebäude, neben einem Weg sein müsste, ist man sich doch auf einmal nicht mehr sicher, ob das auch wirklich so ist. Man starrt auf eine weiße Wand und kämpft mit dem Schwindelgefühl, weil dem Blick die dritte Dimension fast komplett fehlt. Und doch hat diese Situation etwas ganz besonderes, wenn man einen Ort besucht, an dem man noch nie vorher war und der Nebel diesen Platz in morbiden Charme einhüllt, wie in einen großen, hellgrauen Mantel. Faszination und ein bißchen Gänsehaut.
Gut wenn es dann einen warmen, hellen Ort gibt, der das große, weiße, nasse Nichts wiederum aussperrt und wohin man sich zurückziehen kann. Einen Ort, an dem es warm und hell ist, wo heiße Schokolade dampfend auf dem Tisch steht und man von innen nach außen betrachten kann, wie der Nebel vorbeizieht.






Auf der Passhöhe des Furkapasses im Schweizer Wallis liegt das 1866 gebaute Hotel Furkablick auf 2429 Metern über dem Meer. Wegen des zunehmenden Tourismus wurde 1903 eine großer Anbau angegliedert. Der Hotelanbau ist weitgehend samt Mobiliar im Original erhalten. Leider war das Hotel geschlossen, als wir dort waren und da der Besitzer auch nicht anwesend war, konnten wir es nicht von innen besichtigen. Dort finden immer wieder Kunstausstellungen statt. Ob das von außen ziemlich mitgenommene Hotel überhaupt noch für Gäste geöffnet ist, konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen, weil es leichte Verständigungsprobleme mit der tibetischen Crew des Cafés gab.... wenn sie sich denn überhaupt von ihren Mobiltelefonen lösen konnten. ;-)
Der alte Teil des Hotels wurde 1989 vom holländischen Architekten Rem Koolhaas restauriert und renoviert und beherbergt seitdem ein Café. Die äußere Hülle blieb dabei bis auf zwei Glas-Stahl-Einschübe für den Eingang und den Terrassenausgang unangetastet. Das Innere wurde entkernt und modern reduziert gestaltet, wobei die Möblierung mit alten Stühlen und Tischen aus der Bauzeit des Hauses erfolgte. Eine optisch sehr gelungene Mischung, wenn auch etwas hallig. Dass seit der Renovierung schon fast wieder ein Vierteljahrhundert vergangen ist, merkt man vor allem der Außenfassade und den sanitären Anlagen an, aber nichtsdestotrotz ist die Sichtachse aus dem Gastraum über die Terrasse spektakulär... selbst wenn die Sicht nur ins große weiße Nichts geht.





Als ich etwa 8 und meine Schwester 12 Jahre alt war, machten wir Urlaub im Kleinen Walsertal. An einem Tag gingen unsere Eltern mit uns wandern und hielten ein Hinweisschild "Ab hier nur für Geübte" für eine Warnung für Rentner. Der Nebel ließ keine 2 Meter Sichtweite und so wanderten wir über den Heuberggrat mit einer Sicht, die nur den Weg direkt vor unseren Füßen erkennen ließ. In Sandalen und Sommerkleidchen, mit einem Blumenstrauß in der Hand. Ich erinnere mich an die Kuhglocken, die seltsamerweise nicht neben, sondern tief unter uns läuteten. Wieder im Tal angekommen fragten die Einheimischen unsere Eltern, ob sie verrückt geworden waren und meine Mutter bekam fast einen Herzinfarkt, als sie die Bilder sah, die den Heuberggrat bei guter Sicht zeigten. Wir Kinder hatten Spaß und fanden es sehr aufregend, weil wir uns nur auf das konzentrierten, was genau vor uns lag und nicht sahen, wie gefährlich es hätte werden können. So war da keine Angst, die den Schritt unsicher gemacht und gelähmt hätte. Vielleicht eine Logik, die für das ganze Leben gelten sollte? Heute denke ich oft an die Situation zurück.

Dass alles, was im Leben passiert, auch für etwas gut ist, sagt man ja oft so dahin. Wäre an diesem Tag gute Sicht gewesen und die Passhöhe nicht in Wolken gehüllt und vom Sturm gepeitscht, wir wären wohl bis zum Sonnenuntergang auf der Terrasse gesessen und dann direkt wieder nach Hause gefahren. Das etwas ungemütliche Wetter und die fehlende Sicht auf die Alpen sorgten dann dafür, dass wir relativ schnell wieder den Weg nach unten antraten. Kaum hatten wir die Wolkendecke gerade so durchbrochen, sahen wir den Abzweig zum Rhonegletscher. Und was mich dort Fantastisches erwartete, das wisst ihr ja bereits.
Man muss nur die Augen offen halten um zu erkennen, dass sich manch wunderbare Tür öffnet, wenn eine andere geschlossen bleibt und welch unglaubliche Erlebnisse oft auf uns warten, wenn wir eigentlich etwas ganz anderes planen... wenn wir nur aufmerksam bleiben auf unserem Weg und keine Angst haben, auch mal die Richtung zu ändern.
Wenn Türen sich schließen öffnen sich andere, Nebel, Wolken, Hochnebel, Hotel Furkablick, Furkapass, Wallis, Schweiz, Realalp, Hotel Furkablick, Furkapasshöhe, Rem Koolhaas, Richtungswechsel,
Der Furkapass ist aufgrund der Schneehöhen meistens nur von Juni bis September passierbar, so dass sowohl das Hotel auch der Rhonegletscher nur in diesen Monaten erreichbar sind.

Kommentare:

  1. Was für ein schöner und informativer Post heute wieder...Ja, man sollte offen sein...für unterschiedliche Wege...Ist mir schon so manches Mal so gegangen, dass der neue Weg dann genau der richtige war...Ich wünsche dir einen schönen Sonntag! LG Lotta.

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  2. Mit schönem Blick erzählt, Katja - sowohl von außen wie von innen.
    nebelige Grüße...

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  3. diese bilder werd ich mir sicher noch zehnmal anschauen! neue wege ins unbekannte zu gehen ist etwas, was meistens belohnt wird. einer meiner lieblingssätze ist "umwege erweitern die ortskenntnis"!
    dir einen schönen sonntag, mano

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  4. danke für deine gedankenvollen bilder und erzählungen. ja vertrauen auf das was passiert und trauen wege zu gehen. ach und die berge mit viel wetter :: ich vermisse euch!

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  5. Aaahh - oohhh... wieder ein Post zum Genießen mit allen Sinnen. Und das Hotel im Nebel mit diesen spinnwebfeinen Balkönchen - teils ohne Boden -, die außen an der Mauer hängen wie hingehauchte schmiedeeiserne Seifenblasen... Ein "Wolkenkuckucksheim" wie aus dem Bilderbuch :-)

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  6. so kluges so schön verpackt — das kann sie nämlich auch noch, die beste raumfee. ein hotelbild wie aus alice im wunderland, und die rest...-fassade ein wahres tausendwortebild.

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  7. Ein wunderschöner Sonntagspost, liebe Katja, von Erinnerungen durchwoben, mit den Zu-Fällen, die einem das Leben bringt und die sich in ihrer Bedeutung oft erst hinterher oder sogar Jahre später erschließen. Das "Rest"...Haus mit allem Drum und Dran hat so eine schöne Atmosphäre... Lieben Gruß Ghislana

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  8. gespenstisch, wie er so daliegt, im nichts, der furkablick - und trotzallem, genauso, so im nichts, so gespenstisch leer würd ich ihn am liebsten besuchen nach deinen worten und bildern! ein bisschen kafkaesk - das leben, wie man es nicht planen kann, weil's doch immer kommt, wie's kommt und wie's kommt, ist's gut!

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  9. ohhh der furkapass - da war ich heuer im sommer und bin autofahrenderweise mindestens 1264 tode gestorben. als flachländerin sind mir die engen serpentinen sowas von gar nicht geheuer. striktest habe ich mich geweigert, den gleichen weg zurückzufahren, weil mir ein beinahe unfall auf dem hinweg gereicht hat.
    trotzdem eine tolle fahrt, die vielen alten berghotels und dazu noch beste sicht auf die umliegende bergwelt - ein traum!
    da muss ich gleich schauen, was meine fotos hergeben und vielleicht auch einen post dazu fabrizieren. danke für die erinnerung!

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  10. was für eine schöne entdeckung mit wechselvoller geschichte! und danke für die erkenntnis. ich werde sie auch beherzigen: augen offen halten und sehen, welch wunderbare tür sich öffnet! liebe grüße, wiebke

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  11. Herzlichen Dank liebe Raumfee für den Sonntagsausflug...ich hab mit Freude mitgelesen und mich gefühlt als wär ich dabeigesessen :-)

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  12. ...oh...dabeigewesen wollt ich eigentlich schreiben...aber dabeigesessen passt ja auch ganz gut...

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  13. In dem Restaurant haben wir auch schon gesessen ....allerdings ohne Nebe. Erstaunlich wie das den Anblick verändert .
    LG
    Antje

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  14. Ich bin wirklich sprachlos.
    So ein toller Bericht und vor allem soo wunderbare Fotos.

    Einen schönen Sonntag.

    Liebe Grüße,
    Pami

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  15. Großartige Bilder! Danke für einen schönen Ausflug...

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  16. So schön erzählt...
    Ich habe Höhenangst und war schon oft froh wenn es neblig war!
    Liebe Grüße,
    Heidi

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  17. Wunderbar von dir beschrieben ! In so einem whiteout war ich auch schon einige male beim schifahren , für mich war es ein sehr beunruhigendes Gefühl .
    Liebe Grüße Ursula

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  18. nicht nur kinder und betrunkene scheinen mit schutzengeln unterwegs zu sein - auch nebelwanderer;) deine geschichten mit infos gespickt sind wieder sehr unterhaltsam:) und das hotel sieht irgendwie -da so allein im nichts stehend- ziemlich gruselig aus.
    liebste grüße von birgit, die mit dir immer gern auf reisen geht

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  19. Ein Traum, die Bilder und deine Geschichte dazu. Herzlich, Julia

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  20. es ist einfach immer wieder wunderbar an deinen streifzügen teilzuhaben.
    MERCI! diese glanzpunkte werde ich sicher mal wieder aufsuchen.
    der furkapass gehört zu einen der schönsten.

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  21. Das Hotelgebäude sieht toll aus, gerade weil es einen gewissen morbiden Charme hat. Und Deine Wandergeschichte im Nebel erinnert mich an eine eigene Wanderung zum Preikestolen (einem spektakulärem Felsvorsprung) in Norwegen. Als ich ihn vor etlichen Jahren das erste Mal besuchte, war es auch sehr neblig. Der Weg führt kurz vor dem Preikestolen direkt am Abgrund entlang. Wir fühlten uns jedoch sehr sicher, eben weil der Nebel da war. Vor ein paar Jahren bin ich den Weg nochmal gegangen. Dieses Mal bei besserer Sicht. Da wird einem dann schon anders. :)
    Liebe Grüße

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  22. Das sieht ja vielleicht toll aus! Danke für die schönen Bilder, die Du wieder mitgebracht hast. Das tut den Augen gut. Trotz Nebel :-) Oder gerade mit dem Nebel?

    Liebe Grüße!

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  23. Wunderbare Bilder :-))))
    Liebgruss, mimi

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  24. feine worte - fantastische bilder. LG daniela

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  25. du schreibst wunderschön und machst auch immer wieder ergriffen! danke!
    maria

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!