Mittwoch, 11. September 2013

Zuhause bei... Papatyam

Wenn M. alias Pünktchen auf ihrem Blog Papatyam von ihrer Familie erzählt, dann geschieht das mit so viel bedingungsloser Liebe, mit so viel Anerkennung und Respekt, dass man nicht anders kann, als sein eigenes Verhalten in Frage zu stellen. Ich empfinde ihre Wertschätzung gegenüber ihrer Herkunft und gegenüber ihren Eltern und Großeltern, aber auch für ihren Mann und ihre Kinder als großes Geschenk und wünsche mir jedes Mal, wir alle hätten etwas mehr davon. 
Kulturelle Unterschiede können trennen, aber sie können auch eine große Bereicherung sein, wenn man bereit ist hinzusehen, nachzudenken und vom anderen das jeweils Beste zu lernen. Bei manchen kulturellen Eigenheiten und Traditionen wünsche ich mir keine Integration, wenn ich sehe, wie damit in unserer Kultur umgegangen wird, in der man so gerne die Schuld an eigenen Unzulänglichkeiten auf die schwere Kindheit und die Eltern und diese dann in fremde Hände abschiebt, wenn sie alt werden. Danke für den Beweis, dass es auch anders geht.

Liebe M., Du bist als gebürtige Türkin in Deutschland aufgewachsen und lebst mit deinem Mann und deinen Kindern hier, während deine Herkunftsfamilie in der Türkei geblieben, oder dorthin zurückgekehrt ist. Dass diese Trennung für Dich schwer ist, spürt man. Wo fühlst Du Dich (mehr) zuhause?

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Vor einiger Zeit bekam ich eine sehr nette Anfrage von Katja, meiner lieben Raumfee. Ich lese ihren Blog schon so lange und ebenso gerne. Das Thema ist mehr als spannend gewählt, emotionsgeladen und individuell. Trotzdem meine Zeit gerade knapp bemessen ist, habe ich mich dazu entschlossen, erstmals an solch‘ einer „Urlaubsvertretung“ mitzuwirken.

Der eine ist Zuhause nur in den eigenen Wänden, dem anderen genügt eine Wohnung zur Miete, der nächste braucht nichts von alledem und wieder ein anderer ist erfüllt in einer einfachen Hütte, einem einzigen Zimmer vielleicht. Zuhause kann man sein in einer bestimmten Sprache, einer Nation, einer Religionszugehörigkeit – ebenso wie auf einem Fußballfeld. Mancher ist es vielleicht im Freibad ;-). Kann vielleicht auch ein Blog ein bisschen wie Zuhause sein? Dem einen ist der Garten sein Himmelreich, während ein anderer dieses tiefe Gefühl nur am Meer oder in den Bergen für sich entdecken kann. Viele sehnen sich im Laufe ihres Lebens nach einem Zuhause. Manche haben ihn, andere nicht. Während der eine sein Zuhause liebt und sich darin bestmöglich entfalten kann, wird es von einem anderen wohlmöglich gehasst und als Gefängnis empfunden. Wo genau ist man Zuhause? Hier oder da, irgendwo oder nirgendwo? An einem bestimmten Ort, einer ganz klar definierten Gegend, ist man Zuhause in der eigenen Familie, oder in einer ganz anderen vielleicht? Ist man Zuhause in diesem oder jenem Land? 

Wo also ist Zuhause? Wo ist mein Zuhause? Was macht mein Zuhause aus?

Wenn ich über mein Zuhause nachdenke, dann taucht recht bald der Begriff der Heimat in meinen Gedanken auf. Ich bin Türkin. Als solche wurde ich in einer schönen Küstenstadt der Schwarzmeerregion, in der Türkei geboren. Trotzdem ich die wenigste Zeit meines Lebens in der Türkei verbrachte, würde ich sie heute immer noch als meine Heimat bezeichnen. Meine alte Heimat eben. Prägende Kindheitsjahre verlebte ich dort in liebevoll enger und großer Familiengemeinschaft. Meine Wurzeln sind dort, wo meine türkische Familie noch immer lebt. Diese Zeit vergesse ich nicht. Dennoch behaupte ich, dass ich im Laufe meines Lebens auch heimisch geworden bin in anderen Orten. Dort, wo ich längere Zeiten sehr gerne gelebt, geliebt, gearbeitet habe.



 

An mein allererstes Zuhause kann ich mich nicht aktiv erinnern, dazu war ich noch zu klein. Aber alle Häuser und Wohnungen, die ich in der Türkei mit meinen Eltern bewohnte, lagen in unmittelbarer Nähe zum Meer. Meine große und bis heute andauernde Liebe zum Wasser rührt vielleicht von daher.


Mein allererstes Zuhause, mein Nest: der Schoß meiner unglaublich liebevollen Mutter. 
Der beste Ort auf der ganzen Welt.


Die starken, liebevollen Arme meines Vaters…

Im Zuge eines Auslandsstudiums meines Vaters hatten meine Eltern mit mir bereits für ein Jahr in London gelebt, hatten dort Blut geleckt. Längst waren sie neugierig geworden auf andere Länder, andere Kulturen. In den sechziger Jahren wurde in den türkischen Zeitungen immer wieder für Gastarbeiter in Deutschland geworben. Meine Eltern bemühten sich deutlich später um diese Möglichkeit. Trotzdem ein Bruder meines Vaters, der zuvor für ein Jahr in Deutschland gearbeitet und gelebt hatte, ihnen dringend davon abriet. Er hatte in dieser Zeit die Familie furchtbar vermisst, und auch das Wetter, sowie das Essen fand er mehr als lausig. Meine Eltern konnte diese Aussicht jedoch nicht abschrecken.

So wurde Mitte der Siebzigerjahre, einige Monate vor meiner Einschulung in die türkische Grundschule, meiner Mutter die Einreise nach Deutschland bewilligt. Mein Vater musste schweren Herzens noch der Familienzusammenführung entgegenharren, denn er hatte Nierensteine. Und damals durfte nur der einreisen, der dem deutschen Staat nicht zur Last fallen würde, der seine uneingeschränkte Arbeitskraft zur Verfügung stellen konnte. Kurze Zeit später reiste auch mein Vater nach Deutschland. Wiederum ein Monat nach ihm wurde ich von meiner Mutter zum Halbjahreswechsel der 1. Klasse abgeholt und flog mit ihr nach Deutschland. Nach Norddeutschland. Kontrastreicher als im November hätten die Unterschiede beider Länder nicht ausfallen können. Eisig kalt war es und immerzu dunkel – so kam es mir in meiner kindlichen Wahrnehmung vor. 

Mein erstes Zuhause in Deutschland beschränkte sich auf ein möbliertes, ca. 24 qm-Zimmer in einem gerade renovierten Gebäude. Dieses hatten meine Eltern mit dem bestehenden Mobiliar so geteilt, dass auf der einen Seite der Wohnraum, auf der anderen der Schlafraum war. Es gab ein Waschbecken und zwei Fenster darin. Wenn man aus dem Zimmer hinausging, führte ein langer Flur einen zur Gemeinschaftsküche. Irgendwo dort in der Nähe befand sich ein Gemeinschaftsbad. Es dauerte lange bis ich begriff, dass meine Eltern nicht komplett den Verstand verloren hatten, um unser bisheriges Leben und Umfeld gegen ein solches einzutauschen – und das auch noch aus freien Stücken. Ich vermisste unsere Familie ganz schrecklich, die schöne sonnige und sehr grüne Stadt in der Türkei. So weit weg und beinahe unwirklich war alles auf einmal…

Zum Frühjahr hin zogen wir mit beinahe Nichts aus den 24qm aus. Unsere neue Wohnung befand sich in einem historischen Altbau – zugegebenermaßen in einem sehr ungewöhnlichen, großen Gebäude, ursprünglich gebaut von 1876 – 1878 als Kaserne. Zeitweilig wurde es genutzt durch französische und englische Truppenteile. Nach 1945 diente es zur Unterbringung von Flüchtlingen. Später dann wurden daraus Wohnungen gemacht – und da waren wir: Drittes Stockwerk, mit einem atemberaubenden Blick über die Stadt, mit Blick auf die Förde. Vor und hinter dem riesigen, denkmalgeschütztem Gebäude gab es große, gepflegte Parkanlagen mit uraltem Baumbestand, Sträuchern, Bänken. Genau gegenüber in großer Entfernung gab es noch so ein imposantes Kasernengebäude. Himmel! Dieses Deutschland, das gefiel mir. Sehr sogar! In dieser Vierzimmer-Wohnung lebte ich mit meinen Eltern bis zu meinem Auszug in ein unabhängiges, eigenständiges Leben.



Leider habe ich keine Fotos aus dieser Zeit, die eine Gesamtansicht darstellen. Daher die Skizze.

1 - Mein Zimmer, rechts davon Elternschlafzimmer, Arbeitszimmer
2 - Die beiden Fenster rechts gehörten zum Wohnzimmer, links davon das Zimmer zum Bad,
      um die Ecke zum Mittelteil, die Küche
3 - Einige Jahre später zogen wir innerhalb des Gebäudes um in den „Mittelteil“.
Zwischen dem West- und Ost-Flügel 4 gab es eine sehr große, gepflegte Parkanlage. 

Mein Zuhause war für viele Jahre noch dort, wo meine Eltern waren. Unabhängig davon, dass ich längst so viel weiter in einer fernen, quirligen Studentenstadt lebte und später auch arbeitete. Dieses Gefühl sollte noch für etliche Jahre genau so bleiben. Sehr viel später dann kam für mich ein Gefühl eines eigenen Zuhauses auf, als ich mir meine erste eigene Wohnung in einem sehr schönen alten Haus, mit hohen stuckverzierten Decken nahm. Eine Wohnung, die nur mir gehörte, die ich nach und nach ganz nach meinem Geschmack einrichtete. Sehr schlicht und minimalistisch beinahe. Dort fühlte ich mich rundum wohl. In diesem Haus lernte ich meinen heutigen Mann kennen. Eine spannende und schöne Zeit nahm seinen Lauf…

Heute bin ich wieder zurückgekehrt in den Norden. Nicht weit von der Stadt entfernt, die die Erste in Deutschland für mich und meine Eltern war. Es war nicht leicht damals die vertraute Umgebung in NRW zurück zu lassen, all die langjährigen, treuen Freunde, meinen geliebten Arbeitsplatz. Dieses Haus hatten meine Eltern sich erst leisten können, kurz nachdem ich weggezogen war. Ich hatte bis dahin nie darin gelebt, war immer nur als Gast dagewesen. Da standen wir also mit unseren winzigen Kindern und unserem Hausstand vor einem gähnend leeren Haus, mit ausreichend Garten drum herum, das kurzfristig auch zum Verkauf stand. Ein großes Haus, nicht wirklich besonders, aber mit viel Platz darin für uns, die Kinder und meinen Papa, der immer zwischen der alten und jetzigen Heimat pendelte. Im Zuge der Zeit haben wir dem Haus zu einem neuen Dach verholfen. Die obere Etage wurde komplett entkernt. Die Innenarbeiten sind längst nicht abgeschlossen, denn es geht nur langsam voran. Schritt für Schritt. Und nach einer langen psychischen Durststrecke fangen wir wieder an, uns freuen zu können an den Entwicklungen und dem Fortschritt. Auch in unserem Garten hat sich einiges verändert. Meine Eltern hatten einen bezaubernden Naturgarten, der mir in der Pflege mit allem Drumherum, was sonst noch zu meinen Aufgaben gehörte, zu aufwendig erschien. Nach und nach änderten wir auch hier einiges, aber bei weitem nicht alles. Denn der Garten steckt voller Erinnerungen an bereits verstorbene und auch lebende Familienmitglieder. Jeder Baum, jeder Strauch erzählt hier eine eigene Geschichte. All das darf weiterhin sein.


 
Es hat viele Eigenheiten unser Haus – so wie wir auch welche haben. Nichts liebe ich so sehr wie all die vertrauten Geräusche darin. Wenn ich beim Betreten zuverlässig die erste Stufe der Treppe knarzen höre, unsere Kinder wie sie lachend, manchmal auch weinend, sich streitend oder auch einfach ausgelassen hochgelaufen kommen…, wenn unten die Haustüre krachend auffliegt und freudig. „Mamaaa, wir sind wieder dahaaa…!“ durch das Haus schallt….dann bin ich einfach nur glücklich. Wenn draußen schwere Orkanböen am Dach zerren, und man es wahrlich mit der Angst zu tun bekommt, dann bin ich dankbar und froh, diesen durch Mauern gefestigten, durch uns eingerichteten, schützenden Ort für uns zu haben, den wir mit der Zeit zu unserem Zuhause gemacht haben. 
Dieses Zuhause ist ein Stück weit auch unsere Heimat. Ohne meine liebsten Menschen jedoch wäre es weder das eine noch das andere für mich. Meine Familie, miteinander gelebte Zeit, dieses Haus – all das macht unser Zuhause aus. Seit unserem letzten Umzug sind bald sechs Jahre vergangenen. Sechs Jahre, in denen wir Besitz ergriffen haben von einem nahezu leer stehenden Haus. Seither haben wir beständig aussortiert, abgerissen, neu aufgebaut, renoviert, umgeräumt und neu gestaltet.



Mit jedem Handgriff und jedem Schweißtropfen wurde in diesen Jahren aus dem Haus unser Haus. Es lebt durch uns, und wir mit ihm. In schweren Zeiten ist es Rückzugsort, eine Art Trutzburg, ansonsten ein Wohlfühlort, wo man sich nicht großartig zu erklären braucht, wo man sein darf, wie man ist, wo man liebt und geliebt wird, dabei Kraft tanken kann und durchatmen – ohne Wenn und Aber. Hier sind wir zu Hause. Wir alle gemeinsam hauchten ihm neues Leben ein: mit Kinderlärm, Lachen und Weinen, Streit und Versöhnung, Trauer und Freude. Ohne das alles, wäre dieses Haus eine leere, seelenlose Hülle, einfaches Mauerwerk, in dem wir uns verloren und verlassen fühlen würden. Ja, genau hier ist zur Zeit mein und unser Zuhause. Dazu trägt jeder von uns etwas bei. Tag für Tag. Immer wieder.  


Liebes Pünktchen, vielen Dank!
M. lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Norddeutschland. Ihr Vater, der wieder in die Türkei zurückgekehrt ist, besucht sie und ihre Familie jedes Jahr für mehrere Wochen. Ich wünsche Dir, dass Du noch viel Zeit mit ihm verbringen darfst.
Mein Vater wäre heute 79 Jahre alt geworden.
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Wann fühlst Du dich zuhause? Was bezeichnest Du als dein Zuhause und was macht es dazu? Wo bist Du zuhause? Diese Fragen habe ich Menschen gestellt, die mich mit dem was sie auf ihren Blogs schreiben und zeigen auf die eine und andere Art berühren. Was sie geantwortet haben, das könnt ihr während meiner Sommerpause > hier nachlesen. Ihr wollt mehr über diese Gastblogreihe wissen? Dann könnt ihr > dort mehr darüber erfahren.
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Kommentare:

  1. PUHHHH jetzt hosch mi dawischt.... jetzt hob i PIPI in de AUGALA... sooo scheeen DAZÄHLT.... und jetzt sitzt i do... und denk ah noch über des THEMA..mhhhh des war ah längere GESCHICHTE.. weil eigentlich fühl i mi immer no nit ZUHAUSE,,, aber des war a andere GSCHICHT,,,, und HEINMAT..nit do wo i wohn,,, bussal BIRGIT

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  2. Liebes Pünktchen,
    ich möchte dir einfach nur Danke sagen für deinen wirklich wunderschönen Bericht über dein ZUHAUSE.
    Ganz herzliche Grüße aus NRW in den Norden ;-)
    Claudia

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  3. So wunderbar berührend. Eine ganz besonderer Text.

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  4. Wunderbar - danke für das Teilen!!
    Alles Liebe, maria

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  5. So wunderschön und wirklich berührend. - Danke Pünktchen!
    Und danke Katja für diese wunderbare Serie!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  6. Ach wie schön - und so berührend! Und ja: die Familie gehört auf jeden Fall dazu, zum Zuhause und zur Heimat...

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  7. Hallo Pünktchen,
    das hast du wirklich sehr sehr schön geschrieben,liebevoll wie immer!
    Auch für mich ist es wichtig seine Wurzeln nicht zu verleugnen oder zu vergessen. Es ist eine wunderbare Kultur und ein wunderbares Land aus der wir kommen, und so hast du es auch rüber gebracht. Danke dafür, agzina saglik.
    Vielen dank auch an Katja. Ich werde mal jetzt weiter in deinem Blog stöbern :)
    Liebe Grüße
    Papatya

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  8. Liebe Katja, vielen Dank für diese Serie, für immer neue Ansätze zum NAchdenken.
    Und ich schick Dir eine Umarmung für Dich und Deinen Vater.
    Liebe Grüße
    Katja

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  9. ...., dass man dazu beitRagen muss. daRf. möchte.
    ein so guteR gedankengang. fast veRsteckt in diesen feinen woRten.
    vielen dank pünktchen.
    und vielen dank, katja! ich denk an dich!
    liebst. käthe.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!