Samstag, 24. August 2013

Zuhause bei... talie fee.

Wenn man mit zweitem Namen Pepper heisst, dann könnte man das ja bereits als Omen deuten, nämlichen im Hinterteil zu haben... und davon hat sie eine ganze Menge. Ganz besonders liebe ich ihre Freitagsfragen-Fotoshootings... allein daraus könnte man ein Buch machen. Natalie lernte ich kennen, als ein Magazin Ideen zum Thema Nachhaltigkeit suchte und uns gegenseitig unsere Beiträge positiv auffielen. Natürlich waren sie zu wenig Mainstream für dieses Medium, aber das ist ein ganz anderes Thema. Dafür las ich mich bei talie fee fest und war fasziniert von ihrer beeindruckend kraftvollen und gleichzeitig unheimlich poetischen Bildsprache, ihrem Umgang mit Worten, ihrer Authentizität und Selbstironie, ihrem Humor und ihrer mitreissenden Begeisterungsfähigkeit für das was sie liebt. Ihre Fotos sind atemberaubend und einen Koffer voller Steine, Muscheln, Federn und Zapfen aus Neuseeland nach Hause mitzubringen war mir sofort sehr sympathisch... wen wunderts. 
Und backen kann sie auch noch. Also echt jetzt.

Liebe Natalie, Du liebst es zu reisen, wirst dabei aber von großem Heimweh geplagt. 
Was bedeutet für dich dein "Zuhause"?

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Mir war immer klar: ich werde eine große Weltenentdeckerin. Vielleicht die erste Frau, die barfuß und ohne Geld die Welt bereist. Oder der erste Mensch, der wirklich jedes Land dieser Erde besucht hat. Diese Zukunftsvorstellung spiegelte sich auch in meinen Berufswünschen wieder: Archäologin, Ethnologin, Missionarin.
Frühe Anzeichen einer chronischen Weltenbummleruneignung habe ich zunächst übersehen und später ignoriert. Mit 11 Jahren war ich zum ersten Mal auf einem Pfadfindercamp am Bodensee. Monatelang hatte ich mich auf dieses Ereignis gefreut und dann befiehl mich dort das schlimmste Heimweh aller Zeiten. Ich vermisste alles Mögliche, allem voran mein Meerschweinchen Speedy. Meinem Cousin ging es genauso und so waren wir die meiste Zeit dieses Camps damit beschäftigt, hingebungsvoll darüber zu jammern, wie schön doch zu Hause alles sei.
Aber ich war ja noch ein Kind und Kinder haben nun mal Heimweh nach ihren Meerschweinchen. Diese Erfahrung hielt mich nicht davon ab, mit dem Erreichen meiner Volljährigkeit nach Afrika zu reisen. Die Erwachsenen in meinem Umfeld hatten dieses Vorhaben stets belächelt und taten es als jugendliche Spinnerei ab. Ich dagegen war ja von meiner abenteuerlichen Zukunft überzeugt. Die ganze Welt würde mein Zu Hause sein.
Als ich mit 18 genug Geld gespart hatte, buchte ich mein Ticket nach Tansania. Ich organisierte die Unterkunft bei einer Missionarsfamilie für einen Monat. Mein halbes Leben hatte ich davon geträumt  und nun war es endlich soweit. 

Schon am ersten Tag holte mich das Heimweh wieder ein. Und es wurde mit jedem Tag schlimmer. Denn alles war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Vor allem die Menschen dort. Mit der Einstellung und Lebensweise der Bevölkerung kam ich einfach nicht zurecht.

Ich fing an, die Tage bis zu meiner Abreise im Kalender abzustreichen und musste mich zwingen, bei meiner Ankunft am Frankfurter Flughafen nicht dem ersten Zollbeamten um den Hals zu fallen.
Spätestens jetzt musste ich mir eingestehen, dass ich nicht als Globetrotterin geeignet war. Das Thema Afrika war ein für allemal erledigt, die Weltenbummlerkarriere beendet.
Trotzdem habe ich meiner kleinen, verkümmerten Weltenbummlersynapse vor ein paar Monaten nochmal einen Ausflug in die Welt der Träumerei gestattet. Als klar war, dass wir für einen Monat nach Neuseeland reisen werden, kam sie kurz auf den Gedanken, dass es vielleicht ganz schön wäre, für immer dort zu leben. Ist es bestimmt auch. Aber nicht für mich. Der Urlaub war schön, das Land beeindruckend und die Menschen sehr freundlich. Aber das Heimweh war trotzdem ein ständiger Begleiter.



Heimweh wird auch die „Schweizer Krankheit“ genannt, weil dieses Krankheitsbild im Deutschen im Jahre 1688 von dem Arzt Johannes Hofer in Basel zuerst beschrieben wurde. Beobachtet wurde diese Krankheit damals bei Schweizer Soldaten im Ausland, die oft aus Heimweh Fahnenflucht begingen.
Ich kann die Jungs wirklich verstehen, mir würde es wohl genauso gehen.

Was aber macht mir eigentlich immer so zu schaffen, wenn ich weit weg von zu Hause bin? Ich weiß doch schließlich, dass ich wieder zurück kann.
Zu Hause bedeutet für mich nicht in erster Linie unsere unspektakuläre, enge 70 qm Wohnung mit Blick auf benachbarte Häuserwände, die mir zunehmend auf die Nerven geht. Es ist viel mehr das Gefühl von Sicherheit und Berechenbarkeit.


Ich weiß, wo ich anrufen muss, wenn mein Haus brennt, der Hund Gift gefressen hat oder die Waschmaschine leckt. Ich weiß, was die Lebensmittel hier kosten und welche Verkehrsregeln gelten.
Ich kenne den DHL-Fahrer und den Mann bei der Post, ich treffe Freunde und Bekannte bei der Lottoannahmestelle, beim Einkaufen und beim Spazierengehen. Der Mann im Dönerladen weiß inzwischen, dass ich gern Peperoni esse. Wenn ich bei Edeka an die Kasse komme, blitzt Erkennen in den Augen der Kassiererin auf und sie lächelt. Das ist zu Hause.
Wenn Freunde über die Frau tratschen, wie hieß die doch gleich, die mit 60 noch den alten Herrn aus der Straße bei der Kirche geheiratet hat und die jetzt beide in dem Haus neben der Apotheke wohnen oder, dass das Haus mit dem hässlichen gelben Geländer verkauft wird und ich weiß um wen es geht und in welcher Straße das Haus steht, dann fühle ich mich zu Hause.
Mit dem Rad und einer Flasche Sekt zu meiner Schwägerin zu fahren, um auf den neuen Job anzustoßen und mich zweimal pro Woche mit meiner Schwester im Fitnessstudio zu treffen, das ist zu Hause.


Wenn Freunde erzählen, dass sie einen Bauplatz im Ort gekauft haben und ich mich freue, weil das heißt, dass sie hier bleiben und unsere Kinder vielleicht später zusammen im Verein sind, dann fühle ich mich zu Hause.
Die Vorstellung, dass wir ein Haus mit einem schönen Garten haben werden, in dem wir Freitags mit Freunden bei einem Bier zusammen sitzen, in dem unsere Kinder Nacktschnecken sammeln und der Hund Brotreste vergräbt, lassen den Wunsch nach Abenteuer in weite Ferne rücken.



Auch wenn ich hin und wieder darüber nachdenke, wie schön es sein muss, am Meer zu leben oder in den Bergen – mein zu Hause ist hier. Der Ort ist nicht besonders schön, weder landschaftlich noch sonst irgendwie. Es sind die Menschen hier, die ihn zu meinem zu Hause machen.
Und deshalb kann ich nicht barfuß und ohne Geld durch alle Länder dieser Erde reisen.  

Sei frech und wild und wunderbar!
talie fee


Danke liebe Natalie - für deine Gedanken und Bilder.

Natalie ist 26 und lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Heidelberg, wo sie in der Druckbranche arbeitet. Kein Traumjob, wie sie selbst sagt, sondern Broterwerb, denn ihre Träume lebt sie privat.

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Wann fühlst Du dich zuhause? Was bezeichnest Du als dein Zuhause und was macht es dazu? Wo bist Du zuhause? Diese Fragen habe ich Menschen gestellt, die mich mit dem was sie auf ihren Blogs schreiben und zeigen auf die eine und andere Art berühren. Was sie geantwortet haben, das könnt ihr > hier nachlesen. Ihr wollt mehr über diese Gastblogreihe wissen? Dann könnt ihr > dort mehr darüber erfahren.
Zuhause bei..., Die Raumfee besucht, De Raumfee zuhause bei..., Gastposts Zuhause gesucht

Kommentare:

  1. Wie wunderbar beschrieben ... und ich kann es mitfühlen, richtig mitfühlen!

    Danke Ihr 2 für diesen tollen Beitrag,
    Steph

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  2. Hallo Talia,
    tolle Fotos, interessante Geschichte, grooooßes Verständnis!
    Ich bin auch gerne zu Hause, freue mich, wieder nach Hause zu kommen.
    Dann wünsche ich Dir mal ein schönes Haus mit Garten, durch den Du dann mit nackten Füßen und ohne Geld stromern kannst :-)

    Liebe Katja,
    schöne Ferien!!! ... aber bestimmt bist Du neugierig und schaust doch mal ab und zu in die Kommentare *g*
    Machts gut Ihr zwei, liebe Grüße,
    Petra

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  3. Also da erkenne ich mich ja sowas von wieder....;-) Wenn ich ans Meer fahre...und dann dort stehe...am Hafen...am Strand...dann denke ich, hier müsste man wohnen....Dieses Gefühl dauert genau 14 Tage...und dann freue ich mich auf nach Hause...ohne Meer...LG Lotta.

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  4. Liebe Talie,

    ich schreibe es meiner Unentspanntheit der letzten Wochen zu, dass ich auf deinem Blog so lang nicht mehr gelesen habe.
    Jetzt aber, da ich deine wundervolle Geschichte gelesen habe, bei der ich anfangs aufseufzte und mir sagte: "Ja super, da ist wieder eine der Frauen, die ihre Träume verwicklicht und Afrika mit Haut und Haaren erlebt.", jetzt weiß ich, was ich verpasst habe und nachholen werde.
    Ich danke dir für diesen Herzenssprung, der mit der Wende zur Nichtweltenbummlerin kam. Endlich mal jemand, dem es so wie mir erging, nur dass ich diese "Ich zieh dann in die Ferne"-Pläne schon ad acta legte, bevor ich überhaupt losgezogen war. Mein Heimweh plagte mich schon, bevor ich nur daran dachte, meine Sachen zu packen.

    Ich danke dir sehr für diesen wundervollen Beitrag. Er hat mein Herz tief berührt!

    Liebste Grüße

    Katja

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  5. Welch ein zauberhafter Beitrag !! GENAU SO ist es, dachte ich beim Lesen. Alles. Wunderbar auf den Punkt gebracht. Danke.
    Liebe Grüße Joona

    Liebe Katja,
    diese Serie hier macht richtig richtig viel Freude. Und das jeden Tag. Wahnsinn, was Du Dir im Vorfeld für eine Arbeit damit gemacht hast. Ein herzliches DANKE Dir und noch weiterhin schöne Ferien

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  6. hab dank füR deine ehRlichkeit liebste talie.
    und eigentlich ist es ziemlich gut, nein .... veRdammt gut, wenn man mit sechsundzwanzig schon weiß, wo man zuhause ist. chapeau!!
    heRzlich. käthe.

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  7. "Ich weiß, wo ich anrufen muss, wenn mein Haus brennt, der Hund Gift gefressen hat oder die Waschmaschine leckt. Ich weiß, was die Lebensmittel hier kosten und welche Verkehrsregeln gelten." Ja.Das ist Zuhause. Da stackt soviel Wahrheit drin!
    Meine Weltenbummlerseele hat es länger ausgehalten als Deine - aber auch mich ziehts jetzt wieder nach Hause. Und ich bin so glücklich darüber! ☼

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  8. Wow toller Post! Sehr sympathisch, die Natalie!

    Liebe Grüße von Jenny

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  9. ...super, du hast mir aus dem Herz gesprochen, genauso geht es mir auch!
    Liebe Grüße Barbara

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  10. Für mich sind Zuhause, Daheim und Heimat drei verschiedene Paar Schuhe.

    Das schöne an Freunden wie Natalie ist, dass sie Daheim zu Hause sind. Bei ihnen ist doch meine Heimat.

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  11. Wunderschön geschrieben und ich musste immer mal wieder schmunzeln, weil es mir genauso geht.
    Liebe Grüße

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  12. Deine Sicht über das Zuhause sein hat meine Seele zum lächeln gebracht! Genauso ist es!
    Lg Carmen

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  13. So toll geschrieben! Danke, dass es noch einen Mensch/eine Frau gibt, die so denkt wie ich ich! Danke!
    LG Barbara

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  14. erstens, liebe katja, beeindruckt es mich jedes mal aufs neue, wie treffend du die zuhauslinge, die bei dir zu gast sein dürfen, charakterisierst. mit meinem talie fee-bild ist das von dir gezeichnete nahezu kongruent.
    zweitens, liebe natalie, sind deine fotos ein traum — die hier und auch die anderen, die du uns immer zeigst bei dir drüben. und drittens ist dein humor so erfrischend, durch deine texte zu tanzen einfach ein freude. und viertens kann ich sehr gut nachvollziehen, was du da als zuhausestiftend benennst. fünftens, ihr zwei, habt ein schönes wochenende noch!

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  15. Durch Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen und nach dem ich nun diesen
    treffenden Worten und Gefühlsbeschreibungen hinterher gefolgt bin, kann
    ich von eindeutigem Glücksfall sprechen!
    Wunderbare Bilder der Ferne, die bewegen, die locken, die träumen lassen...
    Aber Zuhause ist eben Zuhause ...ein starkes Gefühl der Geborgenheit!
    Ach, wie kann ich diese Heimweh- Gefühl nachvollziehen...

    Sei lieb gegrüßt
    Steffi

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  16. Manchmal muss man weit reisen, um zu erkennen, wo man hingehört.
    Dein Bericht und Deine Fotos haben mich sehr bewegt und berührt!

    Ganz liebe Grüße
    Birgit

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  17. Ein schöner Beitrag, sehr amüsant geschrieben. Toll, wie Du Dich ausdrückst.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!