Sonntag, 18. August 2013

Zuhause bei... grain de sel - Salzkorn

Irgendwann werde ich doch noch Mal nach Frankreich fahren und sei es nur, um an Michas Tür zu kratzen und um etwas zu essen aus ihrer Küche zu betteln. Zu Beispiel um Seeteufel auf Bohnenpüree, mit Zuckerschoten und Erdbeeren, verfeinert mit Noilly Prat, Holunderblütensirup und Minze.... oder um eine Blätterteigtarte mit grünem Spargel und Ziegenkäse? Oder doch um die Erbsennockerln...?
Bestimmt möchte ich mir aber nach dem Essen auch ihren wundervollen Garten, die Märkte, Dörfer und die traumhaft schöne Landschaft der Drôme anschauen, in der Michaela lebt und mit deren Fotos sie ihre unglaublich appetitlichen Essensbilder so harmonisch und perfekt dekoriert, als würde sie kleine Sahnehäubchen auf eine Torte setzen. Am Abend würde ich dann nur noch pappsatt  ins Bett fallen und mich fühlen wie... eine Göttin in Frankreich. 
 
Beim Betrachten ihrer Fotos erübrigt sich ja schon fast die Frage, warum man dort und genau so leben möchte, wie sie es tut, aber der Vollständigkeit halber frage ich doch: 
Liebe Micha, was bedeutet "Zuhause für Dich?"

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Da gab es Nichts zu überlegen, als Katja mich angefragt hat, ob ich mir bei ihr ein paar Gedanken zum Thema *Zuhause* machen möchte. 

Schon ein Mal wurde ich mit Mitte 20 danach gefragt – im Zuge der Arbeit einer Freundin für ihr Produktdesign-Studium. Allerdings zum artverwandten Thema *Heimat*. Damals war die erste Assoziation der Ort, an dem ich lebe, arbeite, mich auskenne und meine Freunde habe: Karlsruhe. Aber mein *Zuhause* hatte ich damals noch nicht gefunden. Und da ich auch in meiner Kindheit in meinem Elternhaus kein *Heim* im eigentlichen Sinn erlebt hatte, glich meine Suche nach *Zuhause* einer Suche nach dem Gral. Aber einer erfolgreichen. Heute bin ich angekommen. A long way home. Und weiß nun: es ist weit mehr als der Ort.

Für ein Rundum-Nest-Gefühl muß nämlich einiges zusammenkommen. Für mich.

Es fängt bereits mit der Grundsatz-Entscheidung *Stadt-Land* an – künstliche Welt oder Natur. Mir reicht es, ab und an die Stadt zum Shoppen usw. zu besuchen. Aber ab und zu aufs Land fahren, das wäre mir zu wenig. Ich brauche die frische Luft, den Garten, den ruhigen Takt, die Gerüche, den Raum. Ich brauche für meine innere Ausgeglichenheit die Natur. Immer. Nicht nur ab und zu. Es wird mir auch zunehmend ein Rätsel, wie man ohne Natur um sich zu einem geerdeten Gefühl gelangen will.

Mit meinem Umzug nach Frankreich wurde mir deutlich, dass Sprache und manche kulturelle Besonderheit (etwa die Liebe zu dunklem Brot) zur Heimat zählt.

Eingezogen bin ich in ein Haus, das der Habib als Architekt nicht nur geplant, sondern auch gebaut hat. Wohnen und wie man wohnt, ist mit Sicherheit ebenfalls entscheidend für ein Zuhause-Gefühl. Überhaupt einen Ort, eine Bleibe zu haben, von der man nicht einfach vertrieben werden kann. 
Unsere Wohnung aus Natursteinmauern ist unverputzt, hell, offen und ohne Türen – und im Übrigen durch unvorstellbar viel Habib-Männerschweiß entstanden (Stichwort Hanglage). Um so offen wohnen zu können, braucht es eindeutig den richtigen Partner. Es setzt Vertrauen und Ehrlichkeit voraus. Keine Geheimnisse. Wenn ich meinem Nächsten nicht vertrauen kann, wem dann? Wenn nicht, wird’s bescheiden. Das kann ich aus erlebter Erfahrung versprechen. Von der verbreiteten Meinung *kleine Geheimnisse beleben eine Beziehung*, halte ich überhaupt nichts. Aber es gilt: Jeder wie er meint.

Für mich war von jeher klar, dass Beziehung eine zentrale Rolle in meinem Leben spielt. Daher ist mein Mann auch mein Zuhause, mein Mittelpunkt. Oder um es mal wieder mit Goethe zu sagen: *Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, den es gibt.* Vielleicht muß man das aber erlebt haben, um es verstehen zu können. Und kein Milieu ist besser für Kinder, als Eltern, die sich gut verstehen – das A und O einer glücklichen Kindheit. Daher sollte man sich als Eltern zuerst um seine Beziehung sorgen.

Es hilft, dabei Leidenschaft und Hingabe nicht zu verwechseln. Ein Fehler meiner Jugend. Denn das eine fängt schnell Feuer und brennt genauso schnell lichterloh ab, das andere Feuer aber wärmt, bleibt stetig und gibt sich hin. Womit ich aber nicht schönmalen will. Auseinandersetzung und Reibung gehört dazu. Aber ich wüßte keinen besseren Weg, um sich selbst besser kennen zu lernen.

Es war stets mein großes Credo: *Spüre nach deinem Herzen und folge danach*. Nur heute habe ich dazu einen Kompaß bekommen, mein seelisches Rückgrat gefunden, eine innere Feste. Und das ist mein Glaube. Mein Zuhause in mir. Woran du glaubst, steht heute jedem frei. Ob du auf Schönheit, Erfolg, Religion oder Wissenschaft, Status oder Werte setzt, das ist allein dir selbst überlassen. Die Orientierung muß jeder für sich selbst finden.

Die wesentliche Fragestellung ist: Wie hätte ich es gerne! In sämtlichen Beziehungen. Nur so kann man selbst anfangen zu gestalten. Was weit mehr meint, als ein neues Kissen fürs Sofa auszusuchen Nur so kann man lenken, hin zur eigenen Zufriedenheit – wo man doch für Unzufriedenheit so gerne andere verantwortlich macht. Ich wußte beispielsweise lange bevor ich mit dem Habib zusammenkam, dass es mich aufs Land zieht.

Und dann ist da noch die Arbeit, die Tätigkeit, mit der man die allermeiste Zeit verbringt. Wenns nur zum Geldverdienen dient, wird man irgendwann in der Zeit nicht mehr daheim sein. Der Beruf sollte Freude machen, aber gleichzeitig auch reicher an Erfahrung. Für mich muß meine Tätigkeit redlich sein, im besten Fall anderen ebenfalls zu etwas dienen und auf keinen Fall jemandem schaden. Laut Buddhismus ist einer der acht Pfade der Gesundheit der *rechte* Lebenserwerb.

Und es braucht weiter ein drumherum Sorglos-Paket, eine friedliche Zeit, keine Geldsorgen, keine querulantigen Nachbarn, Gesundheit, echte Freunde, ums im Nest wirklich nestig zu haben.

Dann, endlich, dann hängt alles nur noch an dir und deiner Wahrnehmung, ob du in deinem geschaffenen und/ oder gegebenen Zuhause in Zufriedenheit Leben kannst. *Nur das zufriedene Herz ist in der Lage, Wohlgefallen am Guten zu finden.* Sonst verhaust du dir wie Ilse Bilse damit die besten Voraussetzungen, die schönsten Jahre. Schließlich enden die guten Märchen mit dem Satz *und sie lebten *glücklich* und *zufrieden* bis an ihr Lebensende*.

Allen Suchenden wünsche ich eine *Maison sereine* - ein heiteres, ruhiges, gelassenes, wolkenloses und fröhliches Zuhause. Ich finde, das kann man gut gebrauchen. Mir wünsche ich, dass ich es noch eine gute Weile heimelig haben darf.

Merci, liebe Katja für die anregende Frage!


Ich danke Dir, liebe Micha, für deine wundervollen Antworten. 

Micha lebt mit ihrer Familie in Gigors im Herzen Frankreichs. Unter dem Namen grain de sel bloggt sie über alles was den Weg aus ihrem Garten auf den Teller findet, die wunderschöne Landschaft der Drôme und das Leben in Frankreich.
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Wann fühlst Du dich zuhause? Was bezeichnest Du als dein Zuhause und was macht es dazu? Wo bist Du zuhause? Diese Fragen habe ich Menschen gestellt, die mich mit dem was sie auf ihren Blogs schreiben und zeigen auf die eine und andere Art berühren. Was sie geantwortet haben, das könnt ihr während meiner Sommerpause > hier nachlesen. Ihr wollt mehr über diese Gastblogreihe wissen? Dann könnt ihr > dort mehr darüber erfahren. 

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht.
    LG
    Astrid

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  2. Bei diesem Beitrag kann man Zuhause im Herzen spüren...

    Andrea

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  3. ich habe mich in diesem Beitrag in so vielem wiedergefunden....herzlichen Dank für deine wirklich allumfassende Zuhause-Interpretation...da hast du dieses Thema wirklich auf den sogenannten Punkt gebracht :)
    liebst Uli - die Kramerin

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  4. ...ein sehr interessanter Post...habe so tiefgründig darüber bis jetzt noch nie nachgedacht, jetzt weiiß ich--man sollte es tun...

    schönen Sonntag ...lG Geli

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  5. Ich bin absolut fasziniert, wie unterschiedlich über "Zuhause" nachgedacht wird. Eine tolle Serie! Und ein sehr schöner Beitrag, liebe Mich. Ich ziehe in wenigen Monaten vom Land in die Stadt. Also ganz andersrum :) Nach vier Jahren Dorf bin ich erschöpft von der vielen Fahrerei in die Stadt. Meine zwei Kinder gehen dort zur weiterführenden Schule. Der Busfahrweg ist lang...Sportangebote oder gar musikalische Angebote für größere Kinder gibt es kaum auf dem Dorf - übrigens auch nicht sehr viele andere Kinder für soziale Kontakte. Ich bin sehr gern auf dem Land und in der Natur, aber es muss absolut zur Familiensituation und den Bedürfnissen passen. Wenn man Kinder hat, dann wachsen und verändern sich diese Bedürfnisse und Notwendigkeiten häufig, habe ich festgestellt, und so wurde - ich spreche nur für meine Familie! - die Abgelegenheit des Dorfes in dem wir leben für uns zum Stressfaktor. Verrückte Welt, nicht wahr? Aber Du hast recht: Das Wichtigste ist und bleibt, das man zusammen zufrieden ist - der Rest findet sich... :) Liebe Grüße, Anette

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  6. Ein schöner Beitrag zum Thema zuhause...ich finde mich in Michaelas Worten in vielen, ja in sehr vielem wieder, z.B. könnte auch ich ohne ein Leben in der Natur nicht zufrieden sein...ein Wochenende in der Stadt und ich habe solches Heimweh nach meinem Dorf, meinem Wald, meinen Wiesen und Feldern... in der Stadt fehlt mir die Luft zum Atmen.

    LG verena

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  7. Sehr persönlich und sehr klar in den Ansichten. Ein sehr schöner Post, der mich mit vielen Aussagen mitten ins Herz getroffen hat.

    Ganz liebe Grüße,
    Birgit

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  8. ... das berührt und beeindruckt mich jetzt am sonntagmorgen - so tief und klar. so überaus sympathisch. danke micha, danke katja.

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    1. ..ich schließe mich an ..am Freitag Nachmittag..

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  9. eine beeindruckend konsequente suche nach einem zuhause schildert micha hier. für mich ist es sehr bewundernswert so genau zu wissen, was man möchte und vor allem sich so festzulegen ... bei mir haben sich die vorlieben im leben schon des öffteren geändert und deshalb hätte ich eher angst mich so gerdet festzulegen - aber reizvoll finde ich es - sehr;)
    danke für deine auswahl jeden tag, liebe katja
    liebst birgit

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  10. 'maison seReine' .... meRci.
    auch füR kluge gehaltvolle woRte.
    viel zum nachdenken. und ein bisschen chapeau!
    heRzlich. käthe.

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  11. was für wundervolle worte! (und bilder) danke! bin ganz d'accord.
    herzliche grüße
    dania

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  12. Wohltuende Gedankenwelt und geträumte Lebensform. Vielen Dank für's Eintauchen, Abzweigen, Mitnehmen, Michaela - ich würde gerne noch ein bisschen bleiben . .. und gehe mit Bereicherung.

    Liebe Grüße . Minza

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  13. das berührt mich auch und weckt bewunderung. so viel glück und zufriedenhaiet wünsche ich mir auch (und arbeite daran). aber erstmal muss ich weiter auf michas blog lesen und mir das wasser im mund zusammenlaufen lassen. mmmhh ... liebe grüße, wiebke

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  14. Von diesem Beitrag, liebe Micha, liebe Katja, bin ich total berührt. Wie wunderbar, in allen wesentlichen Bereichen so klar zu sein und danach zu leben.
    Dankeschön für das Teilhaben-Lassen.
    Nina

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  15. Micha, vielen Dank für diese klaren Worte und Einblicke in Dein Zuhause. Ich bin für mich noch auf der Suche und merke immer mehr. Eigene Klarheit hilft.
    Und Katja, jeden Tag Danke für diese schöne Reihe und so unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Zuhauses.

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  16. Liebe Micha,

    ich bin immer wieder begeistert davon zu lesen, wie sehr du mit dir und deinem Leben im Reinen zu sein scheinst!
    Ich denke, dass du um etliches Jünger bist als ich, aber du hast dich schon wesentlich mehr gefunden, als ich es wohl jemals schaffen werde.
    Zitat: *Spüre nach deinem Herzen und folge danach* - daran mangelt es wohl bei mir, denn da kommt mir immer eine riesengroße Angst in die Quere....wenn man etwas ändert am nicht geliebten Leben und dann (vielleicht zumindest für einige Zeit) alleine leben müsste.

    Ich danke dir für diesen wundervollen und zum Nachdenken anregenden Bericht aus deinem glücklichen und angekommenen Leben.

    Ganz liebe Grüße Eva

    (Karlsruhe....so nah an meiner ehemaligen Heimatstadt Baden-Baden, die mir aber auch nie Heimat war ;-))

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  17. Liebe Micha und liebe Katja
    Was für ein schöner Beitrag. Liebe Mich, mit deinen Worten bringst du viele meiner gelebten Gedanken auf den Punkt. So schön, dass du uns dein ganz persönliches Zuhause zeigst. Ich liebe deinen Blog und nun darf ich noch mehr dahinter sehen, herzlichen Dank. Die Worte über die Beziehung zu und mit deinem Mann fand ich sehr schön... so sehen es mein Mann und ich genauso und unsere Kinder spüren täglich wie schön wir es haben.
    Liebe Katja deine Zuhause-Reihe ist einfach wundervoll. Jeden Tag geniesse ich die vielen verschiedenen Ansichten und Worte.
    Seid lieb gegrüsst
    melanie

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  18. so aus dem herzen, sehr schön. auch der wunsch zum schluss, ein danke an mich für den schönen beitrag!
    sarah/jenmuna

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  19. so feinsinnig, so klug. eine tolle frau. danke euch beiden.

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  20. wie schön diesen text zu lesen, die bilder anzuschauen und freude zu verspüren. montagmorgenversüßung!
    herzlichst, mano

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    1. So wie Mano ging's mir jetzt auch, am Montagnachmittag. Und Vieles, besonders Michas Worte zu unserer Naturbeziehung kann ich sehr nachempfinden... Lieben Gruß Ghislana

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  21. Hach, so ein wunderschönes Zuhause, es war ein Genuss das zu lesen!
    Lg Carmen

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  22. Ganz toll. Ist das mal ein Lebensraum, der sich draußen und in Form dieses Panormas fortsetzt. Ein ganz wunderbarer Beitrag. Vielen Dank.

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  23. amregende gedanken, im einzelnen und in der serie. dank an alle:) lg, nikki

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!