Dienstag, 17. Oktober 2017

Klopapiereinradler.

Es ist aufregend, wenn man eine neue Wohnung gefunden hat, sich nach neuen Möbeln und Dingen umsieht, mit denen man sein zukünftiges Zuhause ausstatten kann und dann endlich der Tag des Umzugs gekommen ist. Das Gröbste ist dann meistens schnell eingerichtet, aber es gibt so ein paar Dinge, die hinken meistens etwas hinterher. Leuchten aufhängen... den Sockel an die Küche montieren... die Fensterbretter lackieren... oder den Klorollenhalter montieren. Als meine Schwester in eine neue Wohnung zog, wünschte Sie sich einen Toilettenpapierhalter zum Geburtstag und diesen ganz ausdrücklich mit Montage, damit er auch wirklich zeitnah an der Wand und nicht verstaubt in einer Kiste landen möge. Man kennt sich ja meistens doch ganz gut selbst. Also ging ich erst in den Baumarkt und den Bastelladen und anschließend in die Werkstatt, um eine Idee umzusetzen, die ich irgendwo mal ähnlich in Plastik auf einem Flohmarkt gesehen hatte...







Ich glaube, meine Schwester hat sich damals über das Geschenk gefreut. 
Das muss jetzt ungefähr dreißig Jahre her sein. Der Einradfahrer ist in die Jahre gekommen. Erst fuhr er in Schräglage, dann wollte er sich befreien und riss sich los. Als meine Schwetser kürzlich in eine neue Wohnung umzog, wünschte sie sich, dass der kleine Mann mit umzieht und zu diesem Anlass auch verarztet wird und neue Kleider bekommt...







Also wurde der kleine Akrobat gekappt und zerlegt. Er bekam eine brandneue, stabilere und gerade Halterung, neue Reifen mit Grip und vor allem natürlich etwas Frisches anzuziehen - nach 30 Jahren im selben Turnanzug war das wohl dringend nötig. Erst wurde er gründlich gesandet, dann sein Gewand farblich dem reduzierten Farbkonzept im neuen Bad angepasst und schließlich erhielt er noch ein frisches Make Up und eine komplett neue Lackierung.Jetzt radelt er also auch nach dreißig Jahren im Dienst wieder munter weiter und wird es wohl irgendwann auf eine Gesamtkilometerleistung gebracht haben, auf die viele PKWs neidisch sein können. 
 
 

“Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muß sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.”
 

(Albert Einstein)

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Creadienstag

Samstag, 14. Oktober 2017

In heaven No. 261 - Abendglücklichkeit

Bevor der Sommer gänzlich in der Versenkung verschwunden ist, erinnere ich mich nochmal herzlich gern an den morgendlichen und abendlichen Balkonblick im Urlaub. Für mich ist der Blick vom Balkon über die Berge zum Horizont mit das Wichtigste im Urlaub und deshalb suche ich Unterkünfte auch danach aus, ob sie diesen Blick möglich machen. Die schönste Ferienwohnung könnte ich nicht genießen ohne Balkon und ohne diesen Blick von dort, der für mich mehr Urlaub und Freiheit ist, als die weiteste Flugreise das jemals hinkriegen könnte. Der Blick nach rechts ging stets zum Watzmann, dem nach der Zugspitze zweithöchsten Berg Deutschlands, der Blick nach links zum Hohen Göll, der so ganz anders ist als sein zackenbewehrter großer Bruder, aber in seiner klopsigen Art genauso liebenswert. Außerdem lag der Göll jeden Tag im letzten Licht der Abendsonne... wenn sie denn schien... und machte mich deshalb zum Abschluß schöner Bergwanderungen ganz besonders abendglücklich.




Hoher Göll . Berchtesgadener Alpen

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier nach einer längeren Pause jetzt wieder jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und seine Worte hier zu verlinken.
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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Freundesgrün.

"Sooft ich in die wunderbare Welt hineinblicke, und mir vorstelle, ich schaute sie zum erstenmale an, so verwundre ich mich jedesmal über die unendliche Mannigfaltigkeit der Formen, über die verschiedenartigen Gebärden, die jedes andre Wesen unter den übrigen macht. [...] Aber noch seltsamer fällt es mir auf, wenn ich die unterschiedlichen Farben betrachte, wodurch alle Gegenstände noch mehr getrennt, und denn gleichsam wieder verwandt und befreundet werden."

(Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 - 1798), deutscher Schriftsteller)









Zitat Quelle:

Wackenroder, Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst, posthum hg. v. Ludwig Tieck, Perthes, Hamburg 1799. Originaltext
via aphorismen.de
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Samstag, 7. Oktober 2017

In heaven No. 260 - Herbstmondgesicht

Chronobiologen haben durch Studien wissenschaftlich belegt, dass die Schlafqualität des Menschen proportional zum Zunehmen des Mondes abnimmt. Bei Vollmond wiesen die Studienteilnehmer 30% weniger jener Deltawellen in ihren nächtlichen Hirnströmen auf, die als Indiz für eine Tiefschlafphase gelten und bewerteten ihren Schlaf auch subjektiv schlechter. Was ich davon halten soll, dass ich ausgerechnet bei Vollmond am besten und tiefsten schlafe, das weiß ich nu auch nicht. Vermutlich hatte meine Mutter damals mit ihrer Vermutung einfach Recht, dass ich ein Kontra bin... weil ich meistens genau das Gegenteil von dem empfinde und tue, was in einer Situation als gesellschaftlich angemessen gilt und erwartet wird. Jetzt bin ich schon eine Frau, die lieber schweigt anstatt zu plappern, die lieber schreibt, anstatt zu telefonieren und die lieber ihre Kleider aufträgt, anstatt zu shoppen, und jetzt hält sich noch nicht mal mein Schlaf an wissenschaftliche Studienergebnisse. Wo soll das nur hinführen...






Der Vollmond am Donnerstag spielte Verstecken, aber die Geduld wurde dann doch noch belohnt.

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier nach einer längeren Pause jetzt wieder jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben.
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Dienstag, 3. Oktober 2017

Septembertisch - die stachelige Einheit

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR mit der Zustimmung des russischen Präsidenten Präsident Michael Gorbatschow der Bundesrepublik Deutschland bei und hörte damit auf, als eigener Staat zu existieren. Bundespräsident Richard von Weizäcker verkündete an diesem Tag die Vollendung der Einheit Deutschlands. Millionen Menschen feierten enthusiastisch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und gleichzeitig das Ende des kalten Krieges. Viele tausend Deutsche aus Ost und West machten alleine in Berlin Party am Brandenburger Tor und lagen sich erleichtert in den Armen. Der 3. Oktober wurde zum bundesweiten Nationalfeiertag erklärt und die Menschen waren glücklich, voller Hoffnung und Zuversicht.



Und wie steht es um das Gefühl der Einheit aller Deutschen im Jahr 2017?
Neun Tage nach der Bundestagswahl erscheint die Vollendendung der deutschen Einheit gefühlt weiter entfernt als im Oktober 1990, als man dachte, sie mit Händen greifen zu können. Der Wahl- und aufgrund der Wahlergebnisse auch Wiedervereinigungskater sitzt hartnäckig hinter der Stirn vieler Deutscher, hier wie da, aus unterschiedlichen Gründen. Die einen blicken immer noch überheblich auf die ihrer Meinung nach in mehrfacher Hinsicht minderbemittelten, jammernden Ossis, die ihren Soli verprassen, sich die Vergangenheit zurückwünschen und zunehmend in rechtsradikale Ideologien abrutschen und die anderen auf die ihrer Meinung nach rücksichtslosen, arroganten Wessis, die auf sie herabschauen, sie abgezockt haben und sich einen Scheiß für ihre Probleme und Sorgen interessieren. Überlegenheitsgefühle treffen auf das Gefühl des Ewig-zu-kurz-Kommens.


Januar 1990, Berliner Mauer am Brandenburger Tor.


Und wer hat jetzt Recht mit seinen Vorwürfen?
Beide und keiner. Im Januar 1990 war ich zum ersten Mal in Berlin und in der ehemaligen DDR. Die Mauerspechte höhlten in Berlin den Beton aus, die NVA schaute gelassen zu. Die Menschen gingen aufeinander zu, reichten sich durch die geschlagenen Löcher lachend die Hände. Die Städte, die ich damals besucht habe - Ostberlin, Potsdam, Babelsberg, Dresden, Leipzig, Moritzburg, Meissen befanden sich in schlimmem baulichem Zustand, ebenso die Straßen. Die Geschäfte waren leer, im Restaurant gab es eine minimale Auswahl und in Potsdam verkaufte einen Omi an der Straßenecke Pornomagazine gegen Westmark. Die Menschen aber waren aufgeschlossen und freundlich. Im Oktober des gleichen Jahres wurde aus zwei deutschen Staaten einer. 

In den folgenden Jahren fuhr ich immer wieder durch die neuen Bundesländer, arbeitet dort an an einem großen Projekt und machte an den unterschiedlichsten Orten Urlaub. Sächsische Schweiz, Thüringer Wald, Wismar, Rostock, Warnemünde und immer wieder auch Rügen. Ich besuchte 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die gleiche Städte wieder, die ich im Januar 1990 besucht hatte, im Febuar des vorigen Jahren dann nochmal, dazu Jena, Erfurt, Gera, Chemnitz - und ich erkannte sie nicht wieder. Sie erstrahlen in neuem Glanz, neue Straßen erschliessen jeden Winkel, es gibt ganz viele Cafés und Restaurants, verschiedenste Geschäfte, Märkte und Dienstleistungsbetriebe, Hotels, Infrastruktur und sanierte Wohnhäuser. Wunderbare Städte voller Geschichte und wunderschöne Landschaften, um dort Urlaub zu machen. 

Ich glaube nicht wirklich im esoterischen Sinn an die selbsterfüllende Prophezeiung. Aber ich bin überzeugt davon, dass man die Blickrichtung, die Offenheit für viele Dinge und die Frage, wie man sie bewertet, sehr stark mental beeinflussen kann. Das kann man selbst tun, aber man wird auch unbewusst beeinflusst durch die Medien, die man konsumiert, durch die Berichte, die man liest und durch die Haltung der Menschen, mit denen man sich umgibt. Wer immer nur über Negatives hört, sieht und liest, der bewertet die gleiche Situation sehr viel negativer als jemand, der sich Berichte über die positiven Dinge ansieht, die passieren und der von positiv und wohlwollend eingestellten Menschen umgeben ist. Wer unvoreingenommen und neugierig auf Unbekanntes zugeht, der nimmt es positiver wahr als jemand, der ihm voller Angst, Vorurteile und Misstrauen begegnet. 

Ich erinnere mich so gerne an einen Roadtrip auf Rügen, den ich im September 2000 gemacht habe. Einmal quer durch Deutschland, über Berlin und Hamburg nach Stralsund, von dort aus einmal rund um Rügen und dann kreuz und quer über die Insel. Ich machte das Schiebedach auf, schob meine Lieblingsmusik ins alte Becker und machte überall dort halt, wo es etwas Interessantes zu sehen gab. Mit meinen alten Benz fuhr ich bis zum Strand, sammelte klickernde Feuersteine, lief kilometerlang an einsamen Stränden entlang, besichtigte Burgen und Museen, stromerte durch riesige, orange leuchtende Buchenwälder und unterhielt mich mit netten Menschen, die meinen Weg kreuzten. Geblieben ist mir die Erinnerung an zwei unvergessliche Wochen, die schwarze Acht und die Überzeugung, dass eine Einheit Deutschlands möglich und eine tolle Sache ist. 



Esskastanien & Rosskastanien

Dieser Tage habe ich die Erinnerungen hervorgeholt - die an das Gefühl im Januar 1990, die an viele positive, respektvolle und interessante Begegnungen im September 2000 und auch die an die Zweifel im Februar 2016 in Wismar, als mir zum ersten Mal im Osten Feindseligkeit entgegenschlug, einfach nur, weil ich aus den alten Bundesländern kam.
Ich wünsche mir den Optimismus, die bedingungslose Offenheit, das gegenseitige Interesse und die Unvoreingenommenheit zurück, mit der man sich vor 20 Jahren begegnet ist. Einen Reset-Knopf hab ich mir die letzten Tage öfter gewünscht, aber den gibt es natürlich nicht. Trotzdem bin ich mir sicher, dass eine Einheit Deutschlands möglich ist, wenn Unterschiede in Löhnen und Renten endlich beseitigt werden, wieder viel mehr Augenmerk darauf gelegt wird, was uns Menschen alles verbindet, als auf das, was uns trennt und wenn wir es schaffen, dem anderen mit Unvoreingenommenheit und ehrlichem interesse zu begegnen und ihm ernsthaft zuzuhören.
Vielleicht haben viele einfach nur vergessen, wie das geht. Der Tag der deutschen Einheit wäre eine gute Gelegenheit, sich wieder daran zu erinnern.

Monatstische 2017

Januar . Februar . März
April . Mai . September
Juni, Juli und August mussten leider ausfallen.
 


Meine anderen Monatstische findet ihr alle  > hier.
Verlinkt mit: 12tel-Blick bei Tabea


Hinweis:
Sollte sich jemand als NVA-Soldat in Berlin 1990 auf den Fotos wiedererkennen und etwas gegen die redaktionelle Veröffentlichung einzuwenden haben, so bitte ich um Benachrichtigung - das Foto wird dann selbstverständlich umgehend entfernt.

Samstag, 30. September 2017

In heaven No. 259 - Watzmania

Die Wahl ist vorbei. Zum ersten Mal seit 72 Jahren sitzt demnächst wieder eine rechtsradikale Partei im Bundestag. Und nicht nur das, sie sitzt dort auch noch als drittstärkste Fraktion. Das Grauen und Entsetzen darüber ist inzwischen einem heftigen Kater gewichen. Ernüchterung. Wer jemals seine Großeltern gefragt hat, wie das damals passieren konnte mit dem Nationalsozialismus und Hitler, der weiß jetzt Bescheid. 1930 erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen 18,3%, 1933 waren es dann 43,9%. Es herrschte eine schwere Weltwirtschaftskrise, 20% aller Deutschen waren arbeitslos, die Wohlfahrtsunterstützung lag weit unter dem Existenzminimum und die Kriminalitätsrate stieg rapide an. Heute ist Deutschland eines der reichsten Länder der Erde mit einer Arbeitslosenquote von 5,5%. Die sozialen Sicherungssysteme garantieren jedem ein Existenzminimum und die Kriminalitätsrate ist seit 1993 mit leichten Schwankungen stabil. Gefühlt scheinen die Verhältnisse in Deutschland für viele jedoch grauenvoll schlimm zu sein und denen von 1930 zu gleichen. 

Woran liegt das? Wo sich Medien früher auf die Berichterstattung beschränkt haben, geht es heute primär darum, möglichst viele Leser zu generieren. Jeder Click ist Geld wert für die Kooperation mit begehrten Werbepartnern. Die meisten Klicks bekommt das Medium, das möglichst viele, möglichst schlimme Aufreger im möglichst schnellsten Takt präsentiert. Selektive Nachrichten, ausgewählt nach dem Kriterium des größtmöglichen Aufregers, des Bedienens von Ängsten, Klischees und Vorurteilen, gegeignet, den Volkszorn möglichst maximal anzuheizen und zu möglichst viel Interaktion zu verleiten.

Je wütender die Menschen werden, desto mehr klingelt die Kasse. Berichte über all das, was in unserem Land klappt, über erlassene Gesetze, die der Verbesserung der Lebenssituation der Bürger dienen, über Probleme, die gelöst wurden, über Innovationen, über gelungene Integration, über all die positiven Dinge, die in Deutschland passieren, die sucht man oft vergebens. Nicht, weil es diese Dinge nicht gäbe, sondern weil all diese Tatsachen nicht geeignet sind, Empörung zu generieren, die Klickraten zu erhöhen und die Kassen klingeln zu lassen.

Warum wurde in den letzten 27 Jahren zum Beispiel kaum darüber berichtet, was im Osten seit der Wiedervereinigung alles erreicht wurde? Welche strukturellen Verbesserungen erzielt wurden, was es dort Tolles zu sehen gibt, wo investiert und saniert wurde, so es sich lohnt hinzureisen? Warum waren die Menschen, ihre Ideen, ihre Leistungen, ihr Unternehmergeist und ihre verbesserte Lebenssituation so wenig präsent? Warum wurde so wenig über die positiven Aspekte der Wiedervereinigung berichtet und warum so wenig darüber, wie man die Annäherung von Ost und West fördern kann? 

Wer immer nur über Spaltendes, Probleme und Kriminalität berichtet, der schürt absichtlich und bewusst Spaltung und Probleme, weil er diese Bilder im Bewusstsein der Menschen verankert. Die Bilder vom zu belächelnden Ossi und dem arroganten Wessi sind heute noch fest in den Köpfen verankert, sowohl hier als auch da. Vergangenes wird romantisiert, wo man sich im Gegenwärtigem und seinen komplexen Herausforderungen nicht zurechtfindet und überfordert fühlt vom ungewissen Zukünftigen. Was eine Sozialisierung in der DDR bedeutet hat, welche menschlichen Eigenschaften sie gefordert und gefördert und welche sie bestraft hat und wie das über die Familientradierung auch heute immer noch nachwirkt, wurde schlicht nicht berücksichtigt. 

Deutsche und Deutsche sind nach Jahrzehnten der Trennung in unterschiedliche politische und gesellschaftliche Ideologien eben nicht einfach wieder homogen zusammenzufügen, ohne dass es menschlich und im gesellschaftlichen System knirscht. Dass es auch hier Integrationsarbeit bedurft hätte, oder viel eher noch, der Definition neuer, gemeinsamer Ziele für den zukünftig wieder gemeinsamen Weg, menschlich gleichberechtigt - das wurde schlicht unterschätzt... oder bewusst ignoriert. Neue Straßen, sanierte Häuser und flächendeckend Discounter reichen dafür eben einfach nicht aus.

Da kommt eine Partei genau Recht, die jenen, die sich - unabhängig von messbaren Fakten - belächelt, ausgeschlossen und abgehängt fühlen, deren Selbstwertgefühl schwer beschädigt ist, das Konzept des "Ich bin wertvoller als andere, weil ich Deutscher bin" anbietet, dazu mit dem politischen Establishment und den Flüchtlingen Schuldige präsentiert, die einfache Lösungen und das "Zurück" verspricht. Wohin genau ist unklar, jedoch vor allem zurück zum langjährig Gewohnten, in die vermeintliche Sicherheit übersichtlicher Verhältnisse, in völkische Geborgenheit... bei Ablehnung aller Verantwortung für die Herausforderungen einer neuen, globalisierten Welt.
Dass es dieses Zurück definitiv nicht geben wird, es keine Konzepte für die wirklichen Probleme gibt und das Programm der Partei nur den Reichen und nicht den Abgehängten nutzen wird, wird da zur Nebensache. Demokratische Werte, Humanismus und Fortschritt werden leichtfertig gegen das leere Versprechen eingetauscht, man hole sich das Land zurück.

Wären die Folgen nicht so unglaublich bitter für unser Land, man könnte direkt darüber lachen und daraus ein Lehrstück darüber machen, wie leicht Menschen manipulierbar sind... wieder... und wieder... und wieder. Sobald die Generationen, die den letzten Akt er- und überlebt haben und davon berichten können, nicht mehr hier sind, beginnt diese ganze Kacke von Neuem. Als wäre die Menschheit nicht lernfähig und nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln. Mich frustriert das zutiefst. 

Ich wünsche mir ein Aufeinanderzugehen der Menschen. Ein Wertschätzen der Gemeinsamkeiten, Fortschritte und Besonderheiten statt einem Abwerten, Heraustellen der Unterschiede und Beschwören von Problemen. Ein Zuhören, ein miteinander Sprechen statt Anklagen und Anhassen. Ein Gemeinsam statt Gegegeneinander. Ich wünsche mir ein Ende der Schuldzuweisungen und ein Erkennen der Eigenverantwortung. Ich wünsche mir ein gemeinsamen Anpacken und Lösen von Problemen und ein gemeinsames Feiern der schönen Dinge des Lebens, die uns verbinden, statt trennen. So wie der Himmel.

Neun Tage Watzmann. Neun Himmel.

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier nach einer längeren Pause jetzt wieder jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.
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Samstag, 23. September 2017

Himmel & Hölle

Dunkle Wolken ziehen über den Horizont. Der Herbstanfang gestern brachte uns den ersten Nachtfrost, auf den der dazu passende Morgennebel folgte. Während ich noch dabei bin, meine Fotos aus dem kürzlich erst beendeten Sommerurlaub zu sortieren, ist die düstere Zeit bereits eindeutig angebrochen. Wenn der Wecker morgens klingelt, empfängt mich jetzt keine Morgensonne mehr, sondern Dunkelheit. Das Aufstehen fällt mir so von Tag zu Tag schwerer, denn wenn es morgens noch dunkel ist, dann motzt mein Körper: "Spinnstdu? Es ist noch Nacht, da wird geschlafen!". Dann möchte ich eigentlich nichts anderes, als mir die Decke ganz fest um die Schultern ziehen, mich nochmal umdrehen und weiterschnarchen. Und um 16 Uhr meldet sich der Winterschläfer in mir dann schon wieder, denn da wird es ja schon wieder finster...

Aber nicht nur Wärme und Tageslicht verabschieden sich gerade von der westlichen Hemisphäre, auch die gesellschaftliche Atmosphäre wird immer kälter, finsterer und feindseliger. Statt miteinander über unterschiedliche Meinungen und konstruktive Problemlösungen zu diskutieren, hält man Ohren und Filterblase geschlossen, schreit seine Vorurteile, seine Realitätsinterpretation und seinen Hass heraus oder haut einfach gleich drauf. Mir macht das zu schaffen. Es macht mir Angst davor, wohin unsere Gesellschaft schliddert.
Warum wird die Gesellschaft immer empathieloser und feindseliger?
Bekannte Misstände in der Sozial- Arbeitsmarkt- und Wohnungsbaupolitik wurden jahrzehntelang einfach ausgesessen. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung darüber tritt nun in einer Art und Weise zu Tage, von der ich gehofft hatte, dass es nie mehr möglich sein würde. Hier. In unserem Land.


Begünstigt durch fatale, ebenfalls jahrzehntelange Versäumnisse in der Bildungspolitik und eine destabilisierte politische Lage im Nahen Osten und in Afrika, an der der Westen nicht unschuldig ist, finden rechtspopulistische Opportunisten, geldgierige Magnaten, Ewiggestrige und Neuzurückgebliebene den genau richtigen Nährboden für ihre Volks- Blut und Bodenideologie vor. Wo Enttäuschung, Angst vor der Zukunft, vor dem Alter, der Armut, vor dem unbekannten Fremden, vor Veränderung und wirtschaftlicher Abgehängtheit mit mangelnder Geschichts- und humanistischer Bildung zusammentrifft, wittern diejenigen den persönlichen Vorteil, die mit dem Aufhetzen der Schwachen gegen die Schwächsten profitable Geschäfte zu machen hoffen. Es erstehen diejenigen auf und neu, deren Ideologie der stramme, mächtige Deutsche ist, per Geburt schon besser, stolzer und anspruchsberechtiger als andere... und die alles, was von einer bereits 1933 als "gut & deutsch" propagierten Norm abweicht, als nicht existent, zu vernachlässigen, abartig, minderwertig oder selbstverschuldet ansehen und die ihre Ideologie per volksverhetzender Demagogie à la Goebbels unters Volk bringen. 

Und all jene, die sich mehr als 60 Jahre lang sicher waren, dass deutsche Bürger niemals mehr, unter keinen Umständen, auf deratige Demagogen hereinfallen würden, nach allem, was Deutschland von 1939 - 45 angerichtet hat, nach 56,5 Millionen Toten, die seine Politik verschuldet hat, die stehen heute fassungslos vor den Horden, die wieder "Volksverräter" und "Lügenpresse" skandieren und die sich neben den aktuellen Regierungspolitikern wieder eine Gruppe Menschen haben herausdeuten lassen, die an all ihrer Misere Schuld ist und die man mit Baseballschlägern durch sächsische Dörfer treiben, ihnen die Notunterkunft überm Kopf anzünden, im Mittelmeer ersaufen lassen, oder "am besten gleich abknallen" sollte, weil die ja alles umsonst kriegen und sie ja nix...
Der Mensch scheint doch immer nach der einfachsten Lösung zu streben: mir geht es schlecht, also ist der, dem es auch schlecht geht und der mir die Ressourcen streitig machen könnte, mein Feind.

Die Versäumnisse und Fehler der Regierung bei Renten-, Arbeitsmarkt- und Flüchtlingespolitik spielen diesen Akteuren dabei ebenso in die Hände wie eine europäische Solidargemeinschaft, die sich in weiten Teilen als nur dann solidarisch erweist, wenn es ums Nehmen geht, aber nicht, wenn es darum geht, seinen Beitrag am Geben zu leisten. Die Globalisierung ist eine gefräßige Krake, die arme Länder ausbeutet, uns prostituiert und die Umwelt zerstört, die EU wird zur Farce und die deutsche Regierung verbucht Miliardenüberschüsse, während den Rentnern der überalterten Gesellschaft bald nur noch das sozialverträgliche Frühableben bleibt, wo Pflegeheime zu Aktiengesellschaften umgebaut werden, die nur noch für die Renditen der Aktionäre agieren. Kleine Einkommen werden doppelt und dreifach besteuert, während die Großkonzerne mehr und mehr Geld an sich raffen und im Inland kaum Steuern bezahlen. In Deutschland besitzen 10 Familien 30% allen Vermögens und Millionen Bürger leben trotz 3 Jobs nur noch von der Hand in den Mund, während die Mieten für sie immer unerschwinglicher werden.

Den Frust von großen Teilen der Bevölkerung kann man gut verstehen. Auch den Wunsch, denen da oben mal so richtig den Stinkefinger zu zeigen. Auch mir passt vieles nicht in der aktuellen Politik und ich werde das Morgen an der Wahlurne auch dementsprechend mit demokratischen Mitteln, meinem Wahlrecht, zum Ausdruck bringen und die Partei wählen, die meiner Meinung nach die besten Ideen zum Beheben der Probleme vorschlägt, die mir besonders wichtig sind.
Eines werde ich ganz sicher nicht tun: ich werde nicht denjenigen meine Stimme geben, die die Verbrechen des Nationalsozialismus relativieren wollen... die alle Familien, die nicht aus Vater-Mutter-Kind bestehen, als unnatürlich abwerten... deren Wirtschaftskonzepte nur den Superreichen dienen, von denen sie finanziert werden und nicht dem "kleinen Mann"... die Deutschland wieder einzäunen und notfalls auch auf Frauen und Kinder an der Grenze schießen lassen wollen... die das Recht auf Asyl von einer Zahl und nicht von Schutzbedürftigkeit abhängig machen wollen... die Alleinerziehende stigmatisieren und finanziell diskrimieren wollen, weil sie dies für eine selbstverschuldete Lebensform halten... die in der Schule wieder lehren wollen, dass nur Heterosexualität normal ist, weil sie der Meinung sind, dass Homosexualität eine Folge von frühsexualisierter "Umerziehung" ist... die den menschengemachten Klimawandel leugnen, deshalb aus dem Klimaschutzabkommen austreten und Braunkohlekraftwerke wie Atomkraftwerke weiterlaufen lassen und den Ausbau erneuerbarer Energiene sofort stoppen wollen... die den Euro abschaffen und die Religionsfreiheit einschränken wollen. 

Ich werde meine Stimme nicht denen geben, die Menschen, die ihre völkische Meinung nicht teilen, irgendwo "entsorgen" lassen wollen.... die das Vokabular der Nazis 1:1 übernommen haben und dieselben in ihrer Partei dulden...die vor Krieg Geflüchtete als "Invasoren" betiteln... die der Meinung sind, "politische Korrektheit ist die steinernde Grabplatte, unter der Land und Volk begraben liegen"... die die Bundeswehr dazu aufrufen, ihre "Machtmittel" gegen die Regierung einzusetzen... die von "Volksverderbern" und einem geplanten "Volksaustausch" sprechen.
Ich werde keine Partei wählen, die vom Verbreiten alternativer Fakten, dem Pushen von unverholener Hetze im Internet, dem Schüren von Hass auf der Straße, dem Beschwören "bürgerkriegsähnlicher Zustände" und dem Opfermythos lebt, vom "Wir gegen die"... und dabei proklamiert, ihre Wähler seien "das Volk", die "Volksgemeinschaft", während die "rot-grüne Gefolgschaft" "unnatürlich verkommen" und "krank im Geschlecht und im Geiste" sei.
All das hatten wir schon mal. Geführt hat das zu einem Weltkrieg mit 56,5 Millionen Toten. 

Wer inzwischen vergessen haben sollte, wohin derartige Propaganda führt, der kann seine Geschichtskenntnisse zum Beispiel Im Dokumentationszentrum Obersalzberg in Berchtesgaden auffrischen, im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg oder bei den Führungen des Vereins "Geschichte für alle e.V".


Wir tragen die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert.
Wehret den Anfängen. Dieses Mal kann niemand behaupten, er hätte von nichts gewusst.

Bitte geht morgen wählen.


(Foto "Bilanz des 2. Weltkriegs: Freilichtmuseum Hessenpark, Neu-Aspach, Taunus - Sonderausstellung)
(Alle anderen Fotos: "Führerbunker" unter dem Dokumentationszentrum Obersalzberg, Berchtesgaden)
Bundestagswahl 2017, Wehret den Anfängen, Obersalzberg, Verantwortung, deutsche Geschichte