Freitag, 29. Juli 2016

Julitisch . Die gewünschten Wünsche

Jedes Jahr zur gleichen Zeit fragen mich die Lieblingsmenschen, was ich mir denn wohl zum Geburtstag wünschen würde. Von Jahr zu Jahr merke ich, dass sich die "Dinge", die mir auf diese Frage hin einfallen, mehr und mehr verschieben. Je mehr Jahre meines Lebens ins Land ziehen, desto unwichtiger werden materielle Dinge und desto mehr Herzenswünsche fallen mir ein, die mit Geld nicht zu kaufen sind. Gerade dieses Jahr wünschte und wünsche ich mir so vieles, sehnsüchtig, wie verrückt und von ganzem Herzen so viel dringender als alles, was man in einem Laden kaufen könnte. Wie die meisten, die unbestreitbar den Zenit überschritten, sich nach unschönen Hieben wieder aufgerappelt und reichlich Narben davongetragen haben, wünsche ich mir natürlich Gesundheit - so umfassend viel davon und so lange wie es irgendwie geht. Ich wünsche mir maximal viele bereichernde Erlebnisse und Glücksmomente in kleinen und großen Augenblicken mit Menschen die ich liebe und die mich wiederlieben und ich wünsche sie mir auch allein mit mir und meinem inneren Monk und in völliger Ruhe. Zeit und ein dickeres Fell um die Welt draußen zu lasssen, das wünsche ich mir vor allem für letztere. Einen Aus-Knopf für den Kopf. Und ich würde mich so schrecklich gerne mal langweilen. Also dieser Zustand, wenn mir nichts mehr einfällt, was ich noch dringend erledigen müsste, tun könnte, oder was noch durchdacht werden sollte. Das stelle ich mir paradiesisch vor.



Ich wünsche mir für meine restliche Zeit und vor allem für das Leben meines Sohnes eine politisch stabile, demokratische und gerechte Welt ohne Hass, Kriege und Morde... Ich wünsche mir, dass die Menschheit nicht in die gleichen Propagandafallen tappt, in die sie sich in der Geschichte bereits mehrfach willig gestürzt hat... ich wünsche mir mehr Besonnenheit vor  politischen Entscheidungen, die weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen... Ich wünsche mir aufrichtige Politiker ohne Populismus, die nicht zugunsten der immer weiteren Gewinnmaximierung die Menschen und ihre viel dringenderen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Unversehrtheit, Gesundheit, Freiheit, Stabilität und Demokratie unberücksichtigt lassen... Ich wünsche mir viel mehr Empathie, gesunden Menschenverstand, Herzensbildung, Klugheit, Souveränität, Ethik, Sozialbildung, Liebe und viel weniger Narzissmus, Dummheit, Paranoia und Hysterie um mich herum. Viel mehr angepackte Probleme und viel weniger, die totdiskutiert und umschifft werden. Ich wünsche mir mehr Zivilcourage, Pragmatismus, Fakten und Tiefgang statt Feigheit,  sensationsheischende Gerüchte und  unglaublich dummes Geschwafel. Ich wünsche mir, dass es keinen Grund gibt für Ängste, Aggression und Depression. Für niemand.


Langsam wird mir klar, warum ältere Menschen für junge oft zynisch, depressiv und so pathetisch klingen. Je mehr man gesehen hat vom Leben, je mehr Menschen man erlebt hat, je mehr man probiert und konsumiert, geliebt, gelitten, verloren, gehasst, vergeben, getraut, gebaut, zerstört, gehofft, ersehnt, gewonnen, verloren, gekämpft hat und je öfter man gefallen und wieder aufgestanden ist, desto mehr lernt man den Wert der immateriellen Dinge schätzen. Weil man erst weiß, wie unglaublich fragil, wertvoll und unersetzbar sie sind, wenn man ihren Verlust erlebt hat. Wollte ich das selber mit 12, mit 16, 20 oder 25 hören, als das Leben und die Welt nur aus Zukunft bestand? Natürlich nicht.
 
 
Löwenmäulchen, Sonnenblumen, Zinnien, Waldrebe, Dill, Rainfarn, Wilde Möhre
 
 
Herzlichen Dank an all jene, die mich an meinem Geburtstag mit warmen Worten, Karten, wundervollen Gaben und ihrer liebgehabten Gesellschaft bedacht haben. Ihr habt mir große Freude gemacht. Und danke für die Blumen, big sister.
 
Monatstische 2016
 
Februar   °   März   °   April
Juli 
 
Meine anderen Monatstische findet ihr alle  > hier.
 
 
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Monatstisch Juli, 12tel Blick, Tischdeko Sommer, Sommerblumen, Natürlich Wohnen, wer braucht schon Kissen, Löwenmäulchen, Sonnenblumen, Kümmel, Dill, Waldrebe, Rainfarn, Zinnien

Samstag, 23. Juli 2016

In heaven No. 224 - Blutrot

Meine Gedanken sind bei den Toten und Verletzten von München und ihren Angehörigen. Sie sind bei allen Toten, Verletzten und Terrorisierten, die derzeit weltweit narzisstisch motivierten Psychopathen zum Opfer fallen - seinen sie nun terroristisch organisiert, privat motiviert, religiös radikalisiert, demokratisch legitimiert oder einfach nur unfassbar geisteskrank. Meine Gedanken sind bei den Menschen, die sich ungeachtet der persönlichen Folgen dem Terror, der ideologischen Hetze und dem Hass nicht beugen. Meine Gedanken sind bei den Polizeibeamten, die ihr Leben riskieren, um diese geisteskranken Mörder zu fassen und bei deren Familien, die bei jedem Einsatz um ihr Leben bangen müssen. Meine Gedanken sind auch bei den Ärzten und Pflegekräften in den Kliniken, die sich Tag und Nacht weltweit mit unvorstellbarem Einsatz um die Opfer von Dummheit, Narzissmus, ideologischer Verblendung, Hass und Gewalt kümmern. Meine Gedanken sind bei all jenen, die versuchen zu flicken, zu heilen und zu retten, was nicht mehr rettbar scheint - den Glauben daran, dass Freiheit, Demokratie, Menschlichkeit und Gerechtigkeit die Dinge sind, die am Ende siegen werden, nicht Narzissmus und Hass... egal wie schwer das fällt, wenn alles danach aussieht, als hätte die Menschheit den Verstand verloren. 



Blut.Rot


Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe.

Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken. 
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Donnerstag, 21. Juli 2016

Neulich, im Industriegebiet.

Zwischen Möbelhaus, Discounter und Straßen die im Nirgendwo enden, irgendwo zwischen Herboldshof, A73 und Steinach mal kurz eine Oase am Graben entdecken, weil man wegen Starkregen nichts mehr sieht und anhalten muss. Versteckt zwischen Schonindustriegebiet und Baldindustriegebiet liegt der Bach samt seinen bewachsenen Ufern dort trotzig hinter den bereits aufgeworfenen Bauaushubhalden und tut so, als würde ihn der Konsumoptimierungswahnsinn um ihn herum kein bisschen beeindrucken. Bachdickfelligkeit. Naturtrotz. Resilienz. Diese Konzentrationsfähigkeit ausschließlich auf das eigene Wohlergehen und das Gedeihen des direkten Umfeldes trotz des weltweiten Wahnsinns würde ich mir vor allem derzeit auch sehr wünschen. Scheuklappen. Zumindest ein bisschen.







Blutweiderich, Malve, Storchschnabel, Labkraut, Wilde Aster, Pfefferminze & Wiesenkerbel
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Dienstag, 19. Juli 2016

Enzianblaue(r) Post(alm).

Nein, einen richtig heißen Hochsommertag sollte man sich für eine Wanderung über die Postalm besser nicht aussuchen. Der Name "Alm" verrät schon, dass mit schattigen Bäumen nicht unbedingt zu rechnen ist und auf die Postalm trifft das aber auch sowas von zu. Ganz anders als meine sonst bevorzugten Wanderrouten, die immer viel schattigen Wald und noch mehr plätscherndes Wasser beinhalten sollten, führte uns die Wanderung an diesem Tag Ende Mai über das größte zusammenhängende Almgebiet Österreichs - auf die Postalm zwischen Abtenau und Strobl im Salzburger Land. Zugegeben, eigentlich hatte ich diese Tour hauptsächlich wegen dem Weg hinauf aufgesucht, denn die Postalmstraße bietet einen der schönstmöglichen Ausblicke auf das Dachsteinmassiv und die Bischofsmütze und sollte laut Beschreibung quasi einer Panoramafahrt durch die Almblumenwelt Österreichs gleichkommen...






Der Mai in den österreichischen Alpen auf 1.300m ist nicht vergleichbar mit dem Mai in unseren Breiten - oder eher Höhen. Wo es unten im Tal im Mai bereits üppig grünt und wuchert, sehen die Hochalmen zu dieser Zeit noch ziemlich mager aus. Der Skizirkus ist dann zwar schon abgebaut, aber es wächst auch noch nicht genug Gras, um die Küche satt zu bekommen. Der Almauftrieb hatte also noch nicht stattgefunden, so dass wir das Hochplateau an diesem heißen Maitag quasi für uns hatten. Wo noch kein Gras wächst, muss es allerdings deshalb nicht öde sein, denn schon lange vor dem üppigen Gras verwandeln sich die Wiesen der Postalm in ein Kräuter- und Blumenmeer. Gelb leuchtete der Berg-Hahnenfuß und der unglaublich farbintensive Frühlingsenzian bildete ganze Teppiche. An den Hängen leuchteten die Orchideen in kräftigem Cyclam und über die Felsen krochen die ruppigen Kreuzblumen. 






Ein minikleiner See auf dem Hochplateau war mit seinen Steinen und Wurzeln der perfekte Platz für eine Mittagsrast, auch wenn wir uns dringend etwas Schatten gewünscht hätten. Aber die Welt ist nicht immer ein Wunschkonzert, nicht wahr. Dafür gab es Wasserpflanzen, Kröten und jede Menge Froschlaich zu bestaunen, Wasserläufer flitzten über die Pfütze, emsige Riesenameisen trugen unsere Krümel fort und außerdem: wenn man sich fast einen Hitzschlag geholt hat, dann schmeckt die Almeinkehr danach nur um so besser und man glaubt auch, dass man sie sich so richtig verdient hat. ;-)








Und ganz zum Schluss, kurz bevor der Parkplatz wieder erreicht war, da hatten wir sie dann wieder, die eigentliche Lieblingsumgebung: Wald, Bach, Schatten, Steine. Danke, geht doch.


Die österreichische Postalm erreicht man über die Panoramastraße von Strobl oder Abtenau. Es gibt ausreichend Parkplätze und Hütten, da die Alm im Winter ein Skigebiet ist und man kann aus vielen verschiedenen Rundwegen den passenden auswählen.
Angst vor Kühen sollte man zwischen Juni und September nicht haben, denn die haben auf der Postalm in diesen Monaten allerorten Vortritt und man bewegt sich auf allen Wanderwegen im Weidegebiet. In Ermangelung von Schatten empfiehlt sich eine Wanderung über die Postalm an einem eher kühlen oder bedeckten Tag zwischen Ende Mai und Anfang September - zumindest wenn man so ein gnadenlos memmiger Pralle-Sonne-Schwächler ist wie ich.

Mehr Österreich? Gibt es > hier.
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Samstag, 16. Juli 2016

In heaven No. 223 - Hui Buh

Während Kinder heute quasi Apps und Computerspiele programmieren können, bevor sie die Windeln ganz los sind, war meine Kindheit in den Siebzigern aus heutiger Kindersicht erschreckend unmedial - oder auch "voll rückständig", wie mein Sohn das ausgedrückt hat. Neben unzähligen, aus der Stadtbücherei ausgeliehenen Büchern und einmal wöchentlichen "Expeditionen ins Tierreich" in Schwarz-Weiß mit Heinz Sielmann, bestand unser kindliches Multimedia-Arsenal damals aus einem kleinen gelben Plattenspieler und ein paar Hörspiel-Langspielplatten. "Wombi, der Wombat" war meine erste, dicht gefolgt vom kleinen Gespenst, dem kleinen Wassermann und vor allem der kleinen Hexe, die mir heute noch am Herzen liegt. Kara Ben Nemsi legte seinem edlen Rappen die Hand zwischen die Ohren und rief "Rih!", damit dieser so schnell wie der Wind lief und er mit seinem Freund Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah noch schneller duchs wilde Kurdistan und das Land der Skipetaren galoppieren konnte, um den bösen Schut zur Strecke zu bringen. 


Wenn ich nicht in Karl Mays Orient oder dem des kleinen Muck unterwegs war, dann spukte ich mit Hans Clarin alias Hui Buh krächzend durch Schloß Burgeck. Noch heute habe ich die Bilder genau vor Augen, kenne jede Ecke des Schlosses und weiß, wie die Holztruhe von Innen aussieht und was sie von der des kleinen, preusslerischen Gespenstes unterscheidet, ohne jemals einen Film dazu gesehen zu haben. Vielleicht ist das der Grund für die schwindende Kreativität der Kinder heute - wer die bewegten Bilder zu all den Geschichten schon immer gleich mundfertig mitgeliefert bekommt, der muss sich selbst keine mehr ausdenken und lernt das auch nicht. Sehr schade.




Der Himmel sah an diesem Tag natürlich nicht wirklich so aus. Das drohende Gewitter türmte die Wolken zwar dramatsch auf und schärfte die Kontraste, aber der Himmel war trotzdem nicht schwarzblau. Der seltsame Überkontrast ist einem Filter geschuldet, den ich versehentlich eingestellt hatte. Übersteuerte Bilder mag ich eigentlich nicht, aber weil Hui Buh so tatsächlich noch deutlicher war als "in Echt", darf das einzige behördlich zugelassene Gespenst heute an meinem Himmel noch mal fliegen, rasseln, dampfen, toben, kegeln, klecksen und mit Sachen werfen. Womöglich war er grade dabei, die Geisterprüfung abzulegen...

Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe.

Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken. 
Himmel, sky, skywatch, Himmelsansichten, in heaven, Himmelsblick, im Himmel, Hui Buh, Haufenwolken, Filter, Geisterwolken, Rih, Karl May, Hadschi Halef Omar, Kara Ben Nemsi, Hörspielplatten, Kindheit in den Siebzigern