Sonntag, 19. Oktober 2014

Stoamandl.

Aufeinandergeschichtete Steine dienen auf der ganzen Welt schon immer als Wegzeichen, um in so unübersichtlichem Gelände wie felsigen Bergregionen mit häufiger schlechter Witterung die Orientierung zu erleichtern. Eine norwegische Sage erzählt davon, dass Wanderer auf jedes vorhandene Steinmännchen einen weiteren Stein legen müssen, um auf ihrem Weg nicht von Trollen behelligt zu werden und wohlbehalten an ihrem Ziel anzukommen. In Asien haben die Steintürmchen eine ganz ähnliche Bedeutung, denn man errichtet sie als Wohnsitz für gute Geister, die Familie und den zurückzulegenden Weg beschützen sollen. An besonderen Orten errichte auch ich ein Stoamandl. Hinein lege in neben der Bitte um Schutz meiner Lieben und unserer Wege immer auch ein Stückchen meiner Seele und das Gefühl der Verbundenheit mit diesem Ort. 




Von all diesen Bedeutungen abgesehen, ist es eine sehr beruhigende und meditative Tätigkeit, den Schwerpunkt eines Steins zu finden und mehrere so aufeinanderzustapeln, dass sie alle zusammen ihr inneres Gleichgewicht bewahren. Ein bisschen ist es so, als würde sich diese Equilibristik auf das Innere des Menschen übertragen, der ein Steinmännchen errichtet. Durch die Notwendigkeit der ruhigen Hand und des Hineinspürens in Dinge wird automatisch die Welt drumherum ausgeschaltet und man konzentriert sich auf genau diesen einen Augenblick, auf genau diesen einen Punkt im Universum. Wenn man mit konzentrierter Ruhe den inneren Schwerpunkt gefunden hat, dann ist alles im Gleichgewicht und steht aufrecht auf sicherem Fundament. Eine schöne Parabel.








Komischerweise ist es nie laut an Orten, an denen Menschen Steinmännchen errichten. Es sind besondere Orte mit besonderer Atmosphäre, die ehrfürchtig machen vor der Schönheit, dem Gleichmut und der Ruhe der Natur und vielleicht deshalb auch Menschen anlocken, die diese Stille nicht nur aushalten, sondern auch genießen können. 

Ein bisschen war uns, als würden wir ein Portal durchschreiten, als sich der Wald, durch den wir auf ausgetretenen Wurzelpfaden gekommen waren, plötzlich öffnete und sich der Bach in seinem mäandernden Kiesbett in einer weiten Auenlandschaft zu  unseren Füssen ausbreitete. 




Zwei Stunden an der Starzlach zu Füßen des Grünten bei Sonthofen im Allgäu.
September Zweitausenvierzehn.
Der schöne Beginn einer Wanderung, auf die ich euch ein anderes Mal mitnehmen werde.

Stoamandl errichten... für mich eine meditative Sonntagsfreude.
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Samstag, 18. Oktober 2014

In heaven No. 135 - Kärwahimmel

Überall in Deutschland gibt es vier Jahreszeiten. Nur in Fürth, da gibt es fünf: Frühling, Sommer, Herbst, Kärwa und Winter. Die 900 Jahre alte Kirchweihtradition wird hier so gut gepflegt, dass man für zwei Wochen im Jahr mal eben die halbe Innenstadt samt Bundesstraße sperrt, um der Michaeliskirchweih auch den richtigen Rahmen zu geben. Hier wird ein solches Ereignis nicht verkehrstechnisch störungsfrei auf einen Platz am Stadtrand verlegt, sondern findet mitten zwischen den Häusern statt. Da wirbeln die Sitze vom Kettenkarrussel vor der Innenstadtkirche, eines der wildesten Fahrgeschäfte rotiert vor dem Museum und gebrannte Mandeln werden direkt vor dem Rathaus verkauft. Was Auswärtige an den Rand der Verzweiflung bringt, wird von den Färddern alljährlich mit stoischer Gelassenheit hingenommen - wenn Kärwa ist, dann ist eben Kärwa und da muss man nirgendwo anders hin. Mindestens einmal pro Jahr entkomme auch ich dem Getümmel nicht - wer Kinder hat, weiß was ich meine. Gut, sich dann auf das Wesentliche weiter oben zu konzentrieren und die Menschenmassen unten einfach auszublenden - schließlich ist auch der Kärwahimmel über Fürth ein ganz besonderer.








Irgendwo dort oben fliegt mein Kind in der Nacht... über fünfundfünfzigtausend Quadratmetern Fürther Kärwa.

Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minivalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über eingefangen habe. 
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.

Das Lichtobjekt auf dem ersten Foto steht zwar jedes Jahr mitten im Kirchweihgetümmel, gehört aber eigentlich nicht dazu, sondern steht in musealem Zusammenhang. Wer als erster errät, zu was diese Lichtstele gehört, der darf sich auf eine kleine Überraschung freuen. 
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Donnerstag, 16. Oktober 2014

Apfel, Nuss und Mandelkern.

Okay, das mit den Nüssen ist gelogen. Dafür steckte in unserem Kuchen extra viel Apfel und Mandelkern, ein gutes Stück Improvisation und die Erkenntnis, dass es beim Backen tatsächlich auch mal gutgehen kann, wenn ich mich wie immer nicht an das Rezept halte. Kürzlich lachte mich bei Melanie nämlich ein gedeckter Apfelkuchen mit Mandeln so sehr an, dass ich ihn noch am gleichen Tag nachbacken wollte. Unbedingt. Und dieses Mal wollte ich mich auch an das Rezept halten. Wirklich. 






Aber dann nahm ich doch Dinkelmehl statt Weizen, Rohrohrzucker statt weißen und dann fiel mir das Marzipan in die Hände und dann ein Ei mehr in den Teig und der Schluck Milch war auch etwas reichlich und dann war es halt so wie immer, dass am Schluß etwas anderes rauskam als auf dem Rezept. So bekam mein Kuchen keine Decke, sondern Streusel, weil der Teig zu weich war, um ihn so dünn ausgerollt wieder vom Backpapier abzukriegen. Die Eigelbmilch auf den Mandeln hab ich vergessen und in der Füllung landeten noch 200g Marzipan. Aber ansonsten hab ich mich an das Rezept gehalten. Fast. 



Mein Apfelkuchen sah deutlich rustikaler aus als bei Melanie, aber geschmeckt hat er trotz der mangelnden Rezepttreue - das haben mir die Nachbarn im Haus bestätigt, die alle mitgegessen haben. :-)
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Dienstag, 14. Oktober 2014

Innere Werte.

Es ist nur eine Kette. Sechshundert kleine böhmische Glasperlen, aufgefädelt auf einer transparenten Schnur. Nichts Besonderes. Ohne Bedeutung für die meisten. Für mich allerdings sind es sechshundert funkelnde Tautropfen eines nebligen Oktobermorgens im Jahr Zweitausendvierzehn, die ich einzeln auf einen Spinnfaden aufgereiht habe. Jede einzelne kleine Glasperle trägt diesen Morgen in sich. Den schwebenden Nebel, die feuchte Luft in meinen Lungen, die gedämpfte Stille am Fluss, das leise fallende Laub, die taunasse Wiese, die gedachten Gedanken und die unzähligen, tauglitzernden Spinnenetze, die von den Pflanzen getragen wurden wie wundervolle Geschmeide.


"Unsere fünf Sinne entsprechen Öffnungen, durch welche wir all die Wahrnehmungen empfangen, welche sich dann in Begriffe, in Ideen verwandeln."
(Arnaud Desjardins)




Vor einiger Zeit fragte mich jemand, warum ich fast nie Schmuck trage, obwohl ich sehr schönen Schmuck besitze. Schöne Geschmeide sehe ich mir gerne an, befühle schöne Steine, bewundere ihn mit den Augen. Ketten an Hals oder Arm und Ringe am Finger engen mich aber ein, behindern meine Hände beim Tun und deshalb trage ich Schmuck nur selten. Es gibt ein paar Ausnahmen. Unauffällige, schlichte, fast archaische Schmuckstücke, deren große Schönheit oft nur ich sehen kann. Weil ich weiß wer sie gemacht hat, was er dabei gefühlt hat, woher das Material dafür stammt und vor allem, weil ich die Gedanken und die Geschichte darin kenne. Weil sie Erinnerungen in sich tragen. Eine schöne Seele.

Deshalb darf auch diese schlichte Kette heute noch zu Anke reisen.

Böhmische Glasperlen: von > hier
Innere Werte, Glasperlenkette, Tautropfen, Spinnennetze 

Sonntag, 12. Oktober 2014

Herbstmorgenfreudentränen.

Man mag kaum glauben, dass diese wunderbaren Gebilde von einem Tier gewebt werden, vor dem so viele Menschen Angst haben. Mit feinster Seide gesponnen, zehn Mal reissfester als jeder von Menschen gemachte Faden vergleichbarer Stärke und so ausgeklügelt konzipiert, dass die Spinne selbst darauf problemlos laufen kann, aber jedes Beutetier sich darin gnadenlos verfängt. Im Herbst zeigen die Spinnennetze ihre ganze Schönheit, wenn sie glitzernde Wassertropfen aus dem Morgennebel fangen und sie an ihren Fäden aufreihen wie kostbare Perlen aus geschliffenem Glas. So perfekt sehen diese Geschmeide aus, dass man meint sie abnehmen und sich umlegen zu können. Doch sobald man sie berührt, lösen sie sich ins Nichts auf und zurück bleibt nur das glitzernde Bild im Kopf und ein paar Wassertropfen im Gras.













Im Fürther Pegnitzgrund an einem Oktobermorgen.

Mit Gruß an Steffi.
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